Aufklärung

Wie die Charité auf Missbrauchsfälle reagieren sollte

Die Kommission um Brigitte Zypries hat die Universitätsklinik nach dem Missbrauchsverdacht gegen einen Pfleger entlastet. Um ähnliche Fälle zu vermeiden, sei aber eine „Kultur des Handelns“ nötig.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Die Charité hat keine Fehler gemacht im Umgang mit dem mutmaßlichen Missbrauchsfall aus dem Herbst 2012. Zu diesem Schluss kommt die Ende November vom Charité-Vorstand eingesetzte Expertenkommission unter dem Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. Die Kommission sei der Auffassung, „dass der Anlassfall in der Charité sachgerecht behandelt wurde“, sagte Zypries. „Das ist alles richtig gelaufen.“

Trotz dieser Bewertung hat die fünfköpfige Expertengruppe Empfehlungen formuliert, damit sich Vorfälle wie der vom November 2012 nicht wiederholen. Damals hatte es Aufregung gegeben, weil ein Pfleger in der Kinder-Notaufnahme eine 16-Jährige sexuell missbraucht haben soll.

Charité-Pfleger vom Dienst suspendiert

Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil das Mädchen bis zuletzt nicht bereit war, als Zeugin gegen den Pfleger auszusagen. Die Ermittler verfolgen jedoch zwei weitere Hinweise gegen den heute 59-Jährigen. Die Mutter einer ehemaligen Patientin hatte sich über die von der Charité geschaltete Telefon-Hotline gemeldet und den laut Untersuchungsbericht einzigen belastbaren Hinweis geliefert.

Demnach soll vor einigen Jahren derselbe Mann ihre damals 15-jährige Tochter während einer Untersuchung unsittlich an die Brust gefasst haben. Einen ähnlichen Vorwurf erhebt laut Staatsanwaltschaft ein Rechtsanwalt aus Niedersachsen im Auftrag einer heute 20-Jährigen. In beiden Fällen wird ermittelt.

Der mutmaßliche Täter ist bei vollen Bezügen vom Dienst suspendiert. Die Charité hat ihm zwar gekündigt. Der Rauswurf ist jedoch noch nicht wirksam, weil die Personalvertreter in der Einigungsstelle des Landes Berlin der Kündigung widersprochen haben. Denn weder ist der Mann vorbestraft oder verurteilt, noch findet sich von seinen angeblichen Übergriffen etwas in seiner Personalakte.

Charité-Vorstandchef Karl Max Einhäupl sagte, wegen dieser weiteren Vorfälle bleibe er bei seiner Aussage über die Täterschaft des Mitarbeiters. Einhäupl hatte schon wenige Tage, nachdem der mutmaßliche Missbrauchsfall bekannt geworden war, gesagt, dieser Mann werde „nie wieder“ an der Charité arbeiten. Am Dienstag sagte Einhäupl, er bleibe bei dieser Einschätzung, auch wenn die Vorwürfe nicht rechtskräftig belegt seien. Es sei eben nicht glaubwürdig, dass immer wieder Opfer Vorwürfe gegen einen komplett Unschuldigen erheben würden.

Missbrauch als Krisenfall

Die Expertenkommission empfiehlt der Charité, sexuellen Missbrauch in die Liste der Krisenfälle aufzunehmen, für die es feste Abläufe – wie für Feuer oder Terroranschläge – gebe. Brigitte Zypries sagte, in einer Institution wie der größten Universitätsklinik Europas werde es immer Straftaten und auch Missbrauch geben. Nötig sei aber eine „Kultur des Hinsehens und des Handelns“, um solche zu vermeiden.

Die Leiterin der Beratungsstelle „Kind im Zentrum“, Sigrid Richter-Unger, wies auf die Notwendigkeit hin, das Personal zu schulen. „Es geht um den Umgang mit Distanz und Nähe“, sagte die Missbrauchsexpertin. Die Leute müssten wissen, wie sie Tabuthemen wie den Verdacht gegen Kollegen ansprechen könnten.

Der Leiter der Kinderschutzgruppe im Vivantes-Klinikum Neukölln, Sylvester von Bismarck, sprach konkrete Anregungen aus, die in einem Verhaltenskodex für alle betroffenen Mitarbeiter knapp zusammengefasst werden sollten – „dass sie in die Kittelschürze passen“, so der Mediziner.

Pfleger sollten Patienten stets nur so weit auskleiden wie nötig, sie nicht im hinten offenen Flügelhemdchen über den Gang laufen lassen, für Behandlungen möglichst gleichgeschlechtliches Personal suchen und zumindest bei Untersuchungen der Intimsphäre einen Kollegen hinzuziehen. Stets zwei Personen vorzuschreiben sei nicht realistisch und nicht sinnvoll, sagte Bismarck.

„Whistleblower“-Software für anonyme Hinweise

Um die Möglichkeiten zu erweitern, Verdachtsfälle weiterzugeben, solle die Charité eine „Whistleblower“-Software einführen, wo Hinweisgeber anonym ihre Beobachtungen mitteilen können, es aber auch möglich ist, sich über einen per Password geschützten Zugang wieder an sie zu wenden, falls weitere Informationen nötig sind.

Zudem sei es empfehlenswert, für alle Mitarbeiter mit Kontakt zu Kindern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen und sich dieses auch alle fünf Jahre erneut vorlegen zu lassen.