First Lady

Daniela Schadt - die Präsidenten-Flüsterin

Joachim Gaucks Lebensgefährtin pflegt einen anderen Stil als ihre Vorgängerin, aber ihr Einfluss ist groß. Bei Diskussionen soll es ziemlich kontrovers zugehen. Ihren Beruf als politische vermisst sie.

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„Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden“, steht da auf dem Schwarz-Weiß-Foto in Daniela Schadts Büro, das an die Tristesse der DDR erinnert. An der Front einer heruntergekommenen Fabrik prangt die schräge Kampfparole des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Ausgerechnet dieses Bild, gleich neben den Gemälden des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff im klassizistischen Schloss Bellevue, das hat eine gewisse Komik. Wahrscheinlich hat die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten dieses gerahmte Foto genau deshalb dort aufgehängt. Was zu einheitlich daherkommt, macht Daniela Schadt misstrauisch. Und wenn Daniela Schadt über die platte Formel vom Arbeitsplatz als „Kampfplatz für den Frieden“ lacht, dann amüsiert sie sich auch ein wenig darüber, dass dieses Foto nun dort hängt, wo es hängt.

Sie vermisst ihren Beruf

Vor knapp einem Jahr, mit Joachim Gaucks Wahl zum Staatsoberhaupt, gab Daniela Schadt ihren Beruf als Ressortleiterin Innenpolitik bei der „Nürnberger Zeitung“ auf. Viel, fast alles in ihrem Leben hat sich seither geändert, wo sie nicht mehr redigieren, sondern repräsentieren muss. „Die wunderbaren Diskussionen in der Redaktion der ,Nürnberger Zeitung‘ fehlen mir“, sagt sie. Und auch, dass sie ihre „ganz wunderbaren Kollegen“ vermisst. „Manchmal flogen bei politischen Diskussionen die Fetzen. Das war manchmal so kreativ, so lustig, auch absurd und komisch, dass man diese Debatten als Film bei YouTube hätte einstellen können.“ Viele Jahre beschrieb und kommentierte Schadt Politik vom Schreibtisch aus, nun empfängt sie an der Seite ihres Partners Staatsgäste. „Angekommen“ ist Schadt in ihrer neuen Funktion noch nicht, sofern man dies „Ankommen“ versteht als Identifikation mit einer neuen Aufgabe. Womöglich wird sie niemals „ankommen“. Sie will vermeiden, dass das Amt sie verändert, bedrängt und beschränkt.

Auf eine eigene formale, politische Rolle in der Öffentlichkeit verzichtet Schadt. „Er hat das Mandat, nicht ich“, sagt sie über ihren Lebensgefährten Joachim Gauck. Es ist eine knappe Botschaft mit Konsequenzen. Den Begriff „First Lady“ lehnt sie ab. Öffentliche Auftritte dosiert sie, anders als ihre Vorgängerin Bettina Wulff. Nur zwei Interviews sind bisher von ihr erschienen, eines davon bei den alten Kollegen der „Nürnberger Zeitung“. Bei den Schirmherrschaften konzentriert sich Schadt ganz traditionell auf Müttergenesungswerk, Unicef und die Kinder- und Jugendstiftung. Anders als Bettina Wulff bildet Schadt keine Projektionsfläche. Anders als sie symbolisiert – und inszeniert – Daniela Schadt keine Modernität.

Schadt kennt die Mechanismen der Politik

Ihre Bescheidenheit heißt aber nichts. Einflussreich ist die vielleicht politischste Partnerin eines Bundespräsidenten nämlich trotzdem. Jedes Paar im Schloss Bellevue muss ein politisches Team sein, Professionalität wird jeder Partnerin eines Präsidenten abverlangt. Schadt aber bietet mehr, denn sie kennt die Mechanismen der Politik mindestens so gut wie Gauck. Sie interessiert sich. Sie kann sich erregen. Sie erdet den Prediger Gauck, der oft in hohen Sphären schwebt. Sie ist seine wichtigste Gesprächspartnerin. Sie ist eine Instanz. Still übt sie Macht über den ersten Mann im Staate aus.

Schadt und Gauck diskutieren viel, mitunter soll es dabei ziemlich kontrovers zugehen. Man kann sich das gut vorstellen. Es erfordert allerlei Kraft, neben Gauck zu bestehen und nicht zu verkümmern. Gauck ist ein raumgreifender Mann, und das galt bereits für die Zeit, bevor er Staatsoberhaupt wurde. Er zog und zieht positive Gefühle in der Öffentlichkeit auf sich, das ist nicht einfach für eine Partnerin. Wäre Daniela Schadt keine Persönlichkeit, wäre sie längst nur noch Statistin. Ihre energische Eleganz aber gewährt ihr Augenhöhe, Autorität.

Szenen, Gesten und knappe Bemerkungen symbolisieren die Macht der „First Freundin“. Ist Schadt der Ansicht, Gauck solle am späten Abend ein ausuferndes Gespräch beenden, dann streicht sie ihm zärtlich über den Rücken. Das ist der dringende Rat zum Aufbruch. Sinniert Gauck ausgiebig über sein Rollenverständnis und äußert er seine Erwartung, er werde sich wohl nicht mehr komplett ändern, ruft Schadt schon einmal: „Du bist ja auch nicht mehr 25!“ Gauck lacht dann, er mag die Spitzen und die Ironie seiner Partnerin. Zieht das Paar mit großem Tross über Empfänge, stürzen sich alle zunächst auf Gauck. Der spricht mit diesem und jenem, und während Gauck davoneilt, bleibt Schadt oft stehen. In Ruhe unterhält sie sich weiter. Zuweilen beendet Gauck später seinen Small Talk hier und dort und kehrt zum Ausgangsort zurück. Hier steht, beileibe nicht im Schatten ihres Partners: Daniela Schadt.

Diplomatendeutsch ist Schadt fremd

Spricht Gauck von Schadt, sagt er „meine Frau“. Spricht Schadt von Gauck, sagt sie „Joachim Gauck“. Will Schadt ihn aufziehen, so stelzt sie ihre Stimme und noch mehr ihre Sprache und redet ihn als „Herr Bundespräsident“ an. Diese Ironie gefällt Gauck. Sie ist ein Mittel, die zuweilen devoten Begrüßungen und Gespräche, die er mehr erleidet als erlebt, zu ertragen.

Das Diplomatendeutsch ist Schadt fremd. Zwar weiß sie um Erfordernisse und Sinn des Protokolls, und doch verweigert sie sich ihm zuweilen. Mancher traut ihr gar zu, das Protokoll regelrecht auszutricksen. Als Schadt nach London reiste, da wetteten einige bei der „Nürnberger Zeitung“, den Knicks am Hofe werde ihre frühere Kollegin wohl verweigern. Weit gefehlt. „Den Knicks vor dem Besuch bei Queen Elizabeth II. habe ich zwar nicht eingeübt, aber natürlich gemacht“, sagt Schadt: „Vor der Queen habe ich größte Achtung. Sie ist eine bewundernswerte Frau mit einem eindrücklichen Leben und sagenhaften Fähigkeiten. Wussten Sie, dass sie sogar Zündkerzen wechseln kann?“

Daniela Schadt erfährt mehr Aufmerksamkeit als andere. Und doch will sie sich eine gewisse Normalität erhalten. Regelmäßige U-Bahn-Fahrten gehören da zum Programm.

Radtouren durch Berlin

Ihre eher unauffällige Erscheinung macht natürlich auch vieles einfacher. Wenn die Temperaturen es wieder erlauben, will sie, wie einst in Nürnberg, wieder mit dem Rad durch Berlin fahren. Ihren Umzug empfand sie als echte Zäsur. „Ich habe 26 Jahre lang in Nürnberg gelebt, und finde es nicht erstrebenswert, alle paar Jahre seinen Wohnsitz zu wechseln“, sagt Schadt. „Ständige Änderungen des privaten Umfeldes mag ich nicht, in dieser Hinsicht bin ich ein konservativer Mensch. Aber natürlich ist es gut, ab und zu einen Anstoß im Leben zu erhalten, und in Berlin wohnen zu dürfen, das schätze ich sehr.“

Am 18. März jährt sich Gaucks Wahl. Diesen Tag verbringt das Paar gemeinsam – weit weg, während eines Besuches in Äthiopien. Dabei hat der Bundespräsident eine Frau an seiner Seite, die gewissermaßen in Echtzeit politisch analysiert, meistens diskret, oft mit einer Portion Humor und Ironie. Damit da noch etwas anderes ist neben Pathos und Diplomatie.