Enrico hat die Nase voll. Es reicht. Dreimal bereits, und das sehr höflich, hat er den jungen und vollständig betrunkenen Mann gebeten, das Bahnhofsgelände mit seiner glimmenden Zigarette zu verlassen. Aber der begreift es nicht. Diskutiert, mit Händen und Füßen gestikulierend, mit seinem ebenfalls betrunkenen Kumpel über Polemik. Ignoriert den Beamten, der zwei Köpfe größer ist, und der ihn dann sanft, aber bestimmt aus dem Bahnhof Alexanderplatz schiebt. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Man übersieht es und geht weiter. Oder aber man ahndet es. Wenn man dann aber nicht konsequent ist, dann hat man bei den jungen Abdrehern den Respekt verloren“, sagt der Polizeiobermeister. „Und das darf auf keinen Fall passieren.“

Berlin Alexanderplatz: für die Literaten ein Meisterwerk von Alfred Döblin. Für die Beamten der Bundespolizei ein in zwei Worte gefasster Garant für Stress. Anfeindungen. Beleidigungen. Am 14. Oktober vergangenen Jahres wurde Jonny K. unweit des Roten Rathauses totgeschlagen. Ein Aufschrei ging durch die Republik, Politiker und Polizeichefs erarbeiteten Konzepte, um der Gewalt entgegenzutreten und Berlins Mitte den schlechten Ruf wieder abzuringen.

363 Strafverfahren

Reporter der Berliner Morgenpost haben die Beamten damals begleitet und waren jetzt wieder mit den Bundespolizisten unterwegs. Viel geändert hat sich nicht. Es wird getrunken und geprügelt, randaliert und in die Ecken uriniert. Im Jahr 2012 wurden 363 Strafverfahren eingeleitet, in diesem Jahr sind es bislang schon 346. Darunter sind 107 Diebstähle, 43 Hausfriedensbrüche und 37 Körperverletzungen. Die Schläger sind zumeist Deutsche, zwischen 18 und 25 Jahre alt. Der Präsident der Berliner Bundespolizei, Thomas Striethörster: „Werden Menschen angegriffen oder verletzt, ist das nicht hinnehmbar. Die Täter werden mit aller Konsequenz verfolgt und zur Verantwortung gezogen.“

22 Uhr, Friedrichstraße: Die Polizeikommissarinnen Franziska K. und Sabine D. machen sich mit Enrico auf den Weg zum „Alex“. Und schon beim Betreten des Areals sind sie zu hören: Die Betrunkenen, die mit Wodka vorgeglüht haben und auf dem Weg in die Disco sind. Die Betrunkenen, die einen Junggesellenabschied feiern. Die Betrunkenen, die es nach Schichtende auf der Baustelle nicht bei einem Feierabendbier belassen haben und nun auf dem Weg nach Hause sind. „Eigentlich immer noch ganz ruhig“, sagt Enrico und überhört die Bemerkung eines Jugendlichen. Gruppenführerin Sabine D. entdeckt ein junges Mädchen, das offensichtlich zu jung ist, um nach 23 Uhr noch im Bahnhof Alexanderplatz unterwegs zu sein. Sie hat getrunken. Lebt laut eigenen Angaben in einer betreuten Einrichtung in Lichterfelde. Ein anderer Streifenwagen wird angefordert, um sie dorthin zu fahren. „Oft sind die Teenies noch vor den Kollegen wieder an alter Wirkungsstelle“, sagt Enrico. Ein Funkspruch kommt herein – das Mädchen ist 13 Jahre alt.

23.15 Uhr: Eine Obdachlose, die auf dem Bahnhof Alexanderplatz zu leben scheint, uriniert in einen Passbildautomaten. Bis zur Toilette hätte sie es nicht mehr geschafft, entschuldigt sie sich, lächelt verlegen. Dann schnappt sie ihre Tüten und verschwindet.

23.25 Uhr: Auf einem der Fernbahngleise im ersten Obergeschoss liegt eine junge Frau. Sie ist hilflos. Weggetreten. Ihre Augen rollen, sie kann sich nicht bewegen. Ihr Freund ist ratlos – und selbst scheinbar nüchtern. „Sie hat vier oder fünf Glühwein gehabt. Ich kann mir das nicht erklären“, sagt er unsicher. Ja, da habe ein Mann gebrannte Mandeln angeboten, als er kurz nicht dabei war. Danach sei es ihr schlecht gegangen. Die Feuerwehr kommt, ein Notarzt eilt herbei. Er spricht die Polizisten an, berichtet von einem Facebook-Eintrag der Polizei. „Da soll es eine neue Masche geben, wonach Unbekannte auf den Weihnachtsmärkten an Frauen kostenlos Damenhandschuhe als Werbegeschenke verteilen.“ In diese Handschuhe seien Nadeln eingewebt, an denen die Droge Scopolamin hafte. Die Stiche seien wegen der Winzigkeit der Nadeln nicht zu spüren. Tritt die Wirkung ein, würden die Opfer beraubt oder vergewaltigt. Doch die Berliner Polizei dementiert, der Eintrag sei nicht von der Polizei und bislang seien solche Fälle auch noch nicht aufgetaucht, so ein Sprecher.

Zwei Uhr nachts: Sabine und Franziska stehen mit Enrico vor dem Eingang und beobachten die Szenerie. Es wird gegrölt, bleibt aber weitgehend friedlich. Ein junger Araber geht auf die dunkelhaarige Beamtin zu. Er hat einen Strauß roter Rosen in der Hand und hält der Polizistin eine hin. „Bitte, nehmen Sie. Die waren für meine Freundin, aber die hat heute mit mir Schluss gemacht.“

Eine junge Türkin wankt mit ihrer Freundin herbei und sieht die Beamten in ihren blauen Uniformen. „Ey, da sind die blauen Engel“, ruft sie laut. „Ich sehe hier nur einen blauen Engel“, sagt Enrico. „Versteh ich nicht“, antwortet die junge Frau und stolpert. „Wundert mich nicht“, sagt der Polizeiobermeister leise. In der Haupthalle des Bahnhofs ist wieder eine junge Frau zusammengebrochen. Diesmal waren es keine K.-o.-Tropfen, die Frau ist volltrunken und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Verdacht auf Alkoholvergiftung. Ihr Freund ist aggressiv. Will auf den Fotografen losgehen. Besinnt sich. Entschuldigt sich. „Sorry Leute, das ist echt nervig hier.“

Vier Uhr morgens: Die Lage beruhigt sich. „Das hat aber auch etwas mit dem Wetter zu tun“, sagt Polizistin Sabine D. „Im Sommer hätten wir hier mehr Terz.“ Irgendwo klirrt eine Flasche, ein Mann im Trenchcoat wird laut. „Wenn Alkohol in der Öffentlichkeit verboten wäre, hätten wir alle mehr Ruhe hier.“ Passanten nicken zustimmend. Und gehen weiter. An den Betrunkenen vorbei.