Adventszeit

Ein Blick hinter die Kulissen der Berliner Weihnachtsmärkte

Es ist wieder so weit: In Berlin haben die Weihnachtsmärkte geöffnet. Doch wer bedient die Kunden und erfüllt ihre Wünsche, obwohl er vielleicht kalte Füße hat, eine rote Nase und klamme Finger?

Vorweihnachtszeit in Berlin. Dazu gehören vor allem die 60 Weihnachtsmärkte, deren Angebote so vielfältig sind wie die Stadt selbst. Am Montag sind die meisten von ihnen eröffnet worden. Viele Berliner, aber auch viele Touristen werden in den kommenden Wochen diese Weihnachtsmärkte besuchen: Glühwein trinken, Mandeln essen, Karussell fahren und Geschenke einkaufen.

Ob auf dem Adventsmarkt an der Domäne Dahlem, dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg oder vor dem Opernpalais in Mitte, ob auf dem Markt an der Gedächtniskirche oder dem auf dem Alexanderplatz - überall wird es viele Stände geben, an denen Handwerkliches angeboten wird, Spielzeug, Schmuck und viele Leckereien.

Doch wer bedient die Kunden, wer bleibt freundlich und erfüllt ihre Wünsche, obwohl er vielleicht kalte Füße hat, eine rote Nase und klamme Finger? Wir haben hinter die Kulissen geschaut und mit den Menschen gesprochen, die auf der anderen Seite der Stände stehen – als Aushilfe oder in Vollzeit, als Student oder Kunsthandwerker.

Die Berliner Morgenpost hat sie gefragt, warum sie dort stehen, wo sie herkommen und wie es ihnen geht.

„Sternenzauber“ heißen die Stände der Müllers

Auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz schenkt Maximilian Müller seinen Gästen Glühwein aus. Auf dem Dach seines Standes dreht sich ein hölzernes Windrad. Der 22-Jährige ist schon vor drei Jahren in das Familienunternehmen eingestiegen. „Sternenzauber“ heißen die Stände der Müllers. „Meine Mutter hat mir allerdings immer von diesem Geschäft abgeraten“, sagt Maximilian. Und das, obwohl schon der Großvater in dem Business tätig gewesen sei. Als einer der ersten Standbesitzer habe er vor 30 Jahren dazu beigetragen, dass der Weihnachtsmarkt vom Messegelände auf den Platz vor der Gedächtniskirche umgezogen ist.

Die Müllers sind Vollzeit-Schausteller aus Steglitz. Wenn sie nicht gerade auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein verkaufen, reisen sie mit ihren Karussellen von einem Volksfest zum anderen. Maximilians Eltern, Corinna und Peter Müller, bewirten in diesem Jahr ihre Kunden an vier Stände auf dem Markt an der Gedächtniskirche. Corinna Müller liebt die Adventszeit. „Hier ist immer was los und besonders lustig ist es mit den vielen Touristen“, sagt sie. Auch ihre Tochter wolle nach ihrem Studium in die Fußstapfen der Eltern treten.

Vom Hobby zum Beruf

Das Leben als Schausteller sei ein harter Job, aber anscheinend schrecke das ihre Kinder nicht, sagt Corinna Müller. Sohn Maximilian wartet jedenfalls schon sehnsüchtig darauf, endlich selbstständig und unabhängig von den Eltern zu sein. „Die wissen genau, dass ich eine harte Konkurrenz für sie wäre“, sagt er und lacht. Das Wichtigste, da ist sich die Familie einig, sei der Spaß an der Arbeit.

In der Bratwurstbude der „Sternenzauber“-Stände von Familie Müller hilft dieses Jahr zum ersten Mal der gelernte Koch Benny Heil aus. 30 Tage lang wird er hier an der Gedächtniskirche Bratwürste, Currywürste und Bouletten im Brötchen verkaufen. Momentan ist er arbeitssuchend und hat sich bei der Schaustellerfamilie beworben, um ein bisschen Geld in die Weihnachtskasse zu kriegen. Sein Fazit nach einem Tag fällt recht positiv aus. „Noch“, sagt er schmunzelnd. „Ich zieh das jetzt durch.“

Neben ihm in der Hütte wendet Jochen Thamm gerade eine Thüringer Bratwurst. Seit einem Jahr hilft er schon als Griller auf verschiedenen Festen aus, bei Fußballspielen in Babelsberg oder eben auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Der selbstständige Arbeitsvermittler hat Spaß an dem Gewerbe. Sein Job macht ihn unabhängig, er kann sich seine Zeit gut einteilen. „Ich habe mich per Telefon für die Stelle auf dem Breitscheidplatz beworben“, sagt Thamm. Er freue sich auf die nächsten vier Wochen.

Das erste Mal sein eigener Trommelstand

Auf dem Weihnachtsmarkt am Opernpalais hat Daniel Schulz dieses Jahr das erste Mal seinen eigenen Trommelstand aufgebaut. Bisher habe er nur Teilzeit bei anderen Ständen ausgeholfen, sagt Schulz. Der 36 Jahre alte Mann war Verwaltungsbeamter und bis vor einem Jahr auch noch als Sozialpädagoge tätig. Nun hat er sich für das Leben als Schausteller entschieden: „Die Trommeln und die Musik sind mein Ding, dem will ich jetzt endlich treu bleiben.“

Als Kind hat Schulz eine seiner alten Trommeln repariert und später dann auch die seiner Freunde. Das Hobby hat sich zum Beruf entwickelt. Erst habe er nur getrommelt, dann auch Trommeln repariert und gebaut, sagt Schulz. Heute hat er eine kleine Werkstatt und hofft nun, von seinen Trommeln leben zu können.

Innerhalb eines Jahres steht Daniel Schulz auf 20 verschiedenen Märkten, meist sind es Mittelaltermärkte. Deshalb ist er froh, dass er seinen Stand auf dem Weihnachtsmarkt am Opernpalais erst nach 30 Tagen wieder abräumen muss. „Wir wollen den Menschen auch zeigen, was unsere Trommeln können, deswegen machen wir hier abends auch ein bisschen Musik“, sagt Schulz. Auch die Baustelle, die sich unmittelbar vor seinem Stand breit macht und diesen sowie sechs weitere Stände vom Hauptteil des Weihnachtsmarktes am Opernpalais trennt, will Schulz mit seinen Trommeln übertönen.

Spaziert man über den Weihnachtsmarkt am Opernpalais an der Märchenhütte vorbei, fällt der Blick auf das Zelt des Wahrsagers „Ashlati El Fantadu“. Mit richtigem Namen heißt der Mann Bernd Kreuzer. Der 56-Jährige sitzt in seinem beheizten kleinen Zelt und liest den Leuten aus der Hand und legt ihnen seine Tarot-Karten. Auch Märchen erzählt er mit Hilfe der 30 Zentimeter großen Karten.

Wahrsager mit Leib und Seele

Kreuzer sagt, dass er der einzige deutsche Jahrmarktswahrsager sei und schon fast auf jedem Jahrmarkt im Land seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt habe. Auf den Weihnachtsmarkt am Opernpalais kommt der weißbärtige Mann schon seit zwölf Jahren. Deshalb hat er dort auch viele Stammgäste. „Ich war schon Chemiefacharbeiter, Seemann und Metzger. Wer weiß, was ich nächste Woche mache“, sagt Kreuzer.

Dem Wahrsagen sei er aber immer treu geblieben. Er mache das mit Leib und Seele, ein wenig Verrücktheit gehöre auch dazu. Vom potenziellen Selbstmörder bis hin zu der Frau, die erfährt, dass sie morgen schwanger wird, habe er bisher bei seinen rund 250.000 Kunden schon alles erlebt. Mittlerweile halte er auch über Facebook mit seinen Fans Kontakt.

Mit seinem weißen Vollbart sieht Bernd Kreuzer dem Weihnachtsmann übrigens recht ähnlich. Die Kinder fragen ihn deswegen auch immer, ob er der echte Weihnachtsmann sei. „Ich sage dann immer, dass ich sein Bruder bin“, sagt Kreuzer.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.