Kriminalität

Rumänische Polizisten machen in Berlin Jagd auf Taschendiebe

Gerade in der Adventszeit sind auf den Weihnachtsmärkten und Bahnhöfen viele Diebesbanden unterwegs. Jetzt gehen deutsch-rumänische Fahndergruppen auf Streife, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Sechs Festnahmen, das ist die Bilanz eines Freitagnachmittags. Eine Bulgarin fassen die Männer auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz, als sie einer Frau die Geldbörse mit 150 Euro darin aus der Tasche raubt. Fünf rumänische Jugendliche erwischen sie am S-Bahnhof Messe Nord in Charlottenburg dabei, wie sie in Teamarbeit eine Touristin bestehlen. Was ihnen einfiele, hier in Berlin Leute zu beklauen, will einer der drei Zivilfahnder von den Teenagern wissen. Die reagieren vollkommen verblüfft. Der Polizist spricht Rumänisch. Und er erkennt sofort, dass ihre rumänischen Papiere gefälscht sind.

Das Bild des Reichstagsgebäudes huscht vorüber, als der graue Transporter mit den Polizisten in zivil über die Marschallbrücke Richtung Wilhelmstraße fährt. Octavian sieht den Bau kurz durch die getönten Scheiben des Wagens. „Ist das der Reichstag“, fragt er auf Englisch und deutet mit dem Finger Richtung Glaskuppel. Octavian war noch nie in Berlin, noch nie in Deutschland. Aber für Sehenswürdigkeiten hat er kaum Zeit. Octavian will helfen, Kriminelle zu fangen. Möglichst viele. Zusammen mit seinen Berliner Kollegen.

Innensenator schaltete sich ein

Seit Ende November ist der 41 Jahre alte Octavian, dessen voller Name aus Rücksicht auf seine Arbeit als Ermittler nicht veröffentlicht werden soll, in Berlin. Gemeinsam mit zwei weiteren Polizisten aus Rumänien hospitiert er hier bei der Polizei. Vier Wochen lang, bis kurz vor Weihnachten. Erst Ende August hatte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) mit dem rumänischen Innenminister Bogdan Tohăneanu eine Vereinbarung über wechselseitige Hospitationen unterzeichnet. Zum Erfahrungs- und Kulturaustausch unter Polizisten. Auch Rumäniens Botschafter Lazăr Comănescu lobt die vertiefte Zusammenarbeit: „Ich bin zuversichtlich, dass diese praktische Kooperation und der Erfahrungsaustausch zwischen rumänischen und deutschen Polizeibeamten sehr erfolgreich sein werden.“

Birgit Spier hat sofort den Finger gehoben, als es intern um die Frage ging, wo die rumänischen Kollegen eingesetzt werden könnten. Birgit Spier, 47, ist Kommissariatsleiterin beim Landeskriminalamt. Ihre Abteilung ist stadtweit zuständig für Taschendiebstahl. Spier und ihre Mitarbeiter sammeln fast täglich Erfahrungen mit Rumänen. Leider. „Wir haben sehr viel mehr mit rumänischen Tätern zu tun als früher“, sagt Spier. „In diesem Jahr ist ihr Anteil noch einmal gewachsen.“

In ganz Deutschland steige die Zahl der Taschendiebstähle, sagt Spier. Doch in Berlin sei der Anstieg in diesem Jahr voraussichtlich „heftig“. Im vergangenen Jahr zählte die Kriminalstatistik knapp 18.000 Fälle, ein Plus von fast 19 Prozent zum Vorjahr. Dieses Jahr rechnet Spier mit einem ähnlich starken Anstieg. „Wir werden wahrscheinlich die 20.000 Taten erreichen.“ Vergangenes Jahr stammten gut 75 Prozent der Tatverdächtigen nicht aus Deutschland. Von den ausländischen Tatverdächtigen kam wiederum mehr als ein Drittel aus Rumänien. Ein rumänischer Kollege könne ihnen bei der Ermittlungsarbeit sehr helfen, findet Spier. Nicht nur mit dem Wissen über kulturelle Hintergründe und Sprachkenntnissen. Auch als eine Art Schock-Effekt für manche Tatverdächtige. „Ich hoffe sehr, dass die Täter sich auch erschrecken, was wir bei der Polizei alles möglich machen können, wenn sie merken, dass bei uns sogar ein Kollege aus ihrer Heimat dabei ist“, sagt Spier.

Der Erfolg der Zusammenarbeit stellte sich gleich in den ersten Tagen ein. Die Berliner Polizisten ärgerten sich mit einer Gruppe Jugendlicher herum, die sie im Verdacht hatten, bandenmäßig als Diebe in der Stadt unterwegs zu sein. Doch die Jugendlichen hatten keine Papiere. Und damit keine Namen. Doch zufällig erkannte Octavian einen der jungen Rumänen und besorgte die Namen.

Polizisten in Rumänien haben einen 24-Stunden-Job

Aus Piatra Neamț kommt Octavian, einer Stadt mit gut 78.000 Einwohnern. Auf der Karte in Birgit Spiers Büro zeigt er auf den roten Punkt im Nordosten Rumäniens. Seit fünf Jahren ist Octavian Polizist, vier Jahre war er zuvor auf der Polizei-Akademie. Frau und Kinder hat der 41-Jährige nicht. Keine Zeit. Polizist in Rumänien zu sein bedeute, viel Verantwortung zu haben, sagt Octavian. „Man ist 24 Stunden am Tag Polizist – das ist ein Job, den man nicht einfach zum Feierabend ablegt.“ Aber vermutlich sei das hier ja auch so. „Ein Austausch mit Deutschland klang nach einer interessanten Erfahrung, deshalb habe ich mich beworben“, erzählt der Rumäne. In seiner Heimat ist Octavian Polizei-Inspektor. Einbrüche und Diebstähle sind sein Fachbereich. Für den Austausch mit Berlin musste er noch einen Sprach- und Eignungstest absolvieren.

Kurz vor dem Start Mitte November bekam Octavian Bescheid, dass er ausgewählt wurde. Eine Agenda für seinen Aufenthalt habe er nicht, sagt er. Nur bei möglichst vielen Festnahmen mitwirken, das möchte er. Und sich mit den Kollegen austauschen. Er sei ganz beeindruckt davon, dass Berlin ein eigenes Kommissariat nur für Taschendiebstahl habe, sagt Octavian. Dass er in Berlin möglicherweise viel mit Landsleuten zu tun haben würde, war dem Polizisten bewusst. „In Rumänien ist es durchaus ein Thema, dass im Westen viele Straftäter aus Osteuropa gefasst werden“, sagt Octavian. „Daher haben leider auch viele Leute hier Vorurteile oder ein negatives Bild von Rumänien, das ich gern ein bisschen mit verbessern würde.“ Das wirtschaftliche Gefälle innerhalb Europas sei ein Problem, sagt Ocatvian. Vielleicht entstehe dadurch die Kriminalität und das Phänomen der „reisenden Täter“, die von Ort zu Ort ziehen. Sicher ist sich Octavian aber auch nicht. Die Polizeien der Länder müssten noch besser zusammenarbeiten, sagt er. Vielleicht bekomme man das Problem dann besser in den Griff.

Octavian arbeitet ganz normal in den Schichten der Kollegen beim LKA mit. Er darf in Deutschland aber keine Waffe tragen und keine hoheitlichen Aufgaben übernehmen. An diesem Freitagnachmittag ist er mit zwei erfahrenen Zivilfahndern aus der Abteilung von Birgit Spier unterwegs. Weihnachtsmärkte und S-Bahnhöfe wollen sie sich vornehmen. Die drei teilen sich auf, beobachten und verständigen sich unmerklich, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt.

Die Vorweihnachtszeit ist besonders gefährlich

Trend beim Taschendiebstahl seien Gruppen von Jugendlichen, die im Nahverkehr auf Diebestour gingen, sagt einer der Fahnder. Die Jugendlichen rempeln beim Einsteigen in die S-Bahn andere Passagiere an oder drängeln im Bus beim Fahrscheinkauf und lenken so ihr Opfer davon ab, dass es gerade von einem Komplizen bestohlen wird.

Die Fahnder kennen alle Tricks. Den „Abdecker“-Trick, bei dem in einem Café höflich nach dem Weg gefragt wird, und unter dem ausgebreiteten Stadtplan werden dann Handy und Börse vom Tisch geräumt. Den „Jacke-Jacke“-Trick, bei dem der Täter in Restaurant oder Café so tut, als würde er etwas in seiner Jacke suchen, die über der Stuhllehne hängt – in Wirklichkeit greift er aber durch die Ärmel hindurch in die am Nachbarstuhl hängende Jacke seines Opfers. Beliebt sei auch der Rolltreppen-Trick, sagen die Polizisten. Fährt ein Täter auf der Stufe dicht hinter seinem Opfer nach oben, sei Tasche oder Rucksack meist in richtiger Höhe, um unbemerkt hineinzugreifen.

Viele der Taschendiebe, gerade Kinder und Jugendliche, würden gezielt von ominösen Banden oder Familienclans zum Klauen eingesetzt, sagen die Fahnder. Über die Hintermänner jedoch wissen sie wenig. „Wir wissen nur, dass jede Woche große Summen nach Osteuropa überwiesen werden.“ Auch für diese Ermittlungen wäre eine vertiefte Kooperation der Polizeien sinnvoll. Taschendiebe gebe es natürlich auch in seiner Heimat, sagt Octavian. „Aber dort stehlen sie oft, um Geld für Lebensmittel zu haben, nicht um das Geld an Hintermänner abzugeben so wie in Deutschland.“

Die Vorweihnachtszeit sei Hochsaison für Taschendiebe, sagt Birgit Spier. Das Gedränge in den Fußgängerzonen, die sorglose Stimmung auf Weihnachtsmärkten, das viele Bargeld in den Taschen der Leute. „Ich kann nur raten, sich immer gut zu überlegen, was man im Portemonnaie wirklich gerade mit sich herumtragen muss“, sagt die Kriminalhauptkommissarin. Während der Feiertage jedoch gehe die Fallzahl schlagartig nach unten. „Ich glaube, die reisenden Täter sind religiös. Die fahren zu Weihnachten nach Hause.“ Noch so eine Kulturfrage, die Octavian den Berliner Kommissaren beantworten soll.

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