Berlin-Mitte

Bezirk streitet mit Senat um Skulptur der Bethlehemskirche

Eine Stahl-Skulptur an der Mauerstraße erinnert an die 1963 abgerissene Bethlehemskirche. Jetzt will sie der Bezirk Mitte entfernen. Die Stimmen mehren sich für eine dauerhafte Lösung.

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Eine Andacht im Inneren einer filigranen Stahlkonstruktion – das war schon etwas Besonderes. Mehr als hundert Besucher kamen im Juni 2012 auf den Bethlehemkirchplatz an der Mauerstraße in Mitte, um bei der Einweihung der Kirchen-Nachbildung dabei zu sein. Der spanische Künstler Juan Garaizabal hatte die 1963 abgerissene Bethlehemskirche wieder auferstehen lassen, auf 21 Stahlpfeilern, mit acht Rundbögen, 30 Meter hoch und 60 Tonnen schwer. Maßstabsgetreu und auf den alten Grundmauern von 1737.

Gedacht war der Nachbau als temporäres Kunstwerk, zunächst für drei Monate. Dann wurde die Standzeit bis November dieses Jahres verlängert. Während der Bezirk Mitte den Abbau wie geplant beschlossen hat, mehren sich aber die Stimmen für einen dauerhaften Erhalt. Elf Berliner Geschichtsvereine haben eine gemeinsame Erklärung abgegeben, um die Installation zu sichern. Doch der Bezirk sieht keinen Diskussionsbedarf mehr.

„Das Kunstwerk wurde als temporäre Arbeit im Rahmen des Projekts Memorias Urbanas genehmigt“, sagt Sabine Weißler (Grüne), Bezirksstadträtin für Kultur in Mitte. Dafür zuständig sei die bezirkliche Kommission Kunst am Bau gewesen. Die könne jetzt keine weiteren Verlängerungen erteilen. Dauerhaft könne die Installation ohnehin nicht auf den „Betonfüßchen“ stehen.

Kulturstaatssekretär Schmitz für dauerhaften Verbleib

„Auf dem kleinen Platz ist schon eine Skulptur, die an die Böhmischen Flüchtlinge erinnern soll“, sagt Weißler. Die werde von dem Kirchen-Nachbau komplett überformt und komme nicht mehr zur Geltung. Außerdem habe der Künstler noch keinen Antrag auf Verlängerung eingereicht. Sabine Weißler lässt keinen Zweifel daran: „Der Bezirk will die Skulptur nicht.“ Sollte das Land es anders sehen, dann könne es sich gern um den Umbau und die Unterhaltung kümmern.

Der Senat vertritt tatsächlich eine andere Auffassung als der Bezirk. Kulturstaatssekretär André Schmitz habe sich für einen dauerhaften Verbleib ausgesprochen, sagt sein Sprecher Günter Kolodziej. Noch im November werde sich der Beratungsausschuss Kunst, in der Politiker und Fachleute sitzen, mit der Skulptur befassen. Der gute Wille sei da, die Skulptur zu verstetigen, sagt Kolodziej. Sollte die Empfehlung des Ausschusses positiv sein, gehe er allerdings davon aus, dass alles weitere, wie die Finanzierung, Sache des Bezirks sei.

Das gibt den Historikern, die für den Erhalt der Installation sind, neue Hoffnung. „Es ist das richtige Bildnis am richtigen Ort“, sagt Gerhard Hoya, Vorsitzender der Gesellschaft Historisches Berlin und einer der elf Unterzeichner. Auf dem Platz wirke die Stahlkonstruktion keinesfalls störend, sondern bereichernd. So werde das andere Kunstwerk auch nicht in den Schatten gestellt. „Wir haben einen so hohen Verlust an Kirchen in Mitte – allein im engsten Raum sind es sieben – da sollte man doch mit dieser Installation die Erinnerung aufrecht erhalten“, sagt Hoya.

Kirche war Zeichen für Toleranz

Bernd Krebs, Pfarrer der Bethlehemsgemeinde, sieht noch einen anderen Grund für den Erhalt der Kirchen-Skulptur. „Mit dem Abriss der Kirche wurde ein Zeichen für Toleranz getilgt“, sagt der Pfarrer. Ein Zeichen für preußische Toleranz, aber auch für die religiöse Toleranz.

Der Bau der Bethlehemskirche begann 1732. Protestantische Flüchtlinge aus Böhmen sollten dort ihre Gottesdienste abhalten. Sie wurden von König Friedrich Wilhelm I. aufgenommen und siedelten sich zunächst in der Friedrichstadt an. Als die Kirche 1737 eingeweiht wurde, waren bereits so viele neue Flüchtlinge da, dass der König für sie ein Gut aufkaufte: Es entstand Böhmisch Rixdorf mit einem weiteren Bet- und Schulhaus. „Die Kirche auf dem Bethlehemkirchplatz blieb aber immer der Mittelpunkt“, sagt Bernd Krebs. 1943 wurde die Barockkirche zerstört. „Nur die Kuppel war eingestürzt, man hätte sie wieder aufbauen können“, so der Pfarrer. Aber sie hätte eben nicht in das von der DDR erwünschte Stadtbild gepasst.

Der Künstler will jetzt einen Antrag auf Verlängerung einreichen. Der Pfarrer ist sich sicher: „Wir werden einen Kompromiss finden.“ Gespräche mit potenziellen Sponsoren wurden aufgenommen, die Verhandlungen laufen noch. „Wir sind dabei zu überlegen“. so Bernd Krebs, „wie die Stahlkonstruktion dauerhaft im Boden gesichert werden könnte.“

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