Kunst

In Berlin-Neukölln entstehen Skulpturen aus Zucker

Der Australier Joseph Marr fertigt aus Bonbonmasse Kunstwerke, die auch im Berghain stehen und bis zu 9000 Euro kosten. Essen kann man die süßen Skulpturen wegen einer Lackschicht allerdings nicht.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Wäre das Leben von Joseph Marr ein Film, dann könnte diese Szene ein Schlüsselmoment sein. Die Großmutter kommt zu Besuch – und der kleine Joseph flitzt an ihr vorbei zu den Schokoladen-Donuts, die sie mitgebracht hat. Das Verlangen nach Zucker kennt wohl jeder. Für den australischen Künstler steht es für mehr: für Sehnsucht und die Lust auf Leben. So entwickelte sich die Idee, aus Bonbonmasse Skulpturen zu fertigen.

Die bekannteste schimmert wie ein Cola-Bonbon, ist neun Meter lang, 200 Kilo schwer und zeigt zwei Männer beim Liebesspiel. Zu betrachten ist die Skulptur „Together“ in einer Tresenvitrine im Berghain. Joseph Marr ist dort in guter Gesellschaft, auch Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans steuerte Kunst für das Berghain bei.

Sein Atelier hat der Australier Joseph Marr in einem Altbau in Neukölln. „Vierter Hinterhof“, ruft er durch die Gegensprechanlage. Der 34-Jährige trägt Shorts und Flip-Flops, in der Werkstatt läuft leise Jazz. Im Eingang steht eine Blumenvase in Form eines Frauenkörpers, in den Regalen liegen Teile von Skulpturen, die an die Antike erinnern. Nur ist es kein Marmor, sondern Bonbonmasse.

Modelle per 3D-Kamera fotografiert

Essen kann man die Skulpturen allerdings nicht, Lackschichten machen sie haltbar. Die Geschmacksrichtungen kann Marr dennoch aufzählen wie ein Kioskbesitzer: „Granini-Kirsch, Granini-Apfel, Ahoi-Brause Cola, Sallos Lakritz, Ahoi-Brause Lemon...“ Skulpturen aus Naschwerk, das ist selbst für die bunte Berliner Kunstszene ungewöhnlich.

Doch gerade das Ungewöhnliche hat anscheinend seinen Preis: Eine Skulptur von Marr kostet bis zu 9000 Euro. Einige Privatsammler haben schon bei dem Künstler, der auch malt, zugeschlagen. Seine Liste mit Ausstellungen ist lang.

Die Fertigung der Skulpturen ist kompliziert. Die Menschen werden von Marr in Szene gesetzt und mit einer 3D-Kamera fotografiert. Danach entsteht mit einer Spezialfräse ein Kunstholz-Modell, das die Vorlage für eine Silikonform ist. Mit dieser Form fährt Marr zum Werk eines Bonbonherstellers in Babelsberg, das ihn mit der zähflüssigen Masse versorgt, die er zu Skulpturen gießt. Für kleinere Figuren kocht er in Töpfen im Atelier.

Zucker liebt Marr nach wie vor

„Es ist so ein erstaunlicher Prozess“, schwärmt er. Die Kanten von Bonbons können scharf wie Glas sein, die Klebrigkeit mag er sehr. Andere anscheinend auch. In einem Film ist zu sehen, wie die Besucherin einer Ausstellung in Dresden eine Figur ableckt (die zum Glück nicht lackiert war).

Gerade arbeitet Marr an der Skulptur einer Frau in Boxerpose. Fotograf Helmut Newton hat ihn beeinflusst, Frauen als stark zu zeigen. Er will die Leute daran erinnern, dass der Mensch etwas Besonderes ist. Zucker liebt er nach wie vor – „aber nicht mehr so viele Bonbons.“