Berlin bei Nacht

Wo gehandelt wird, wenn die Hauptstadt noch schläft

Im Berliner Großmarkt herrscht nachts Hochbetrieb. Der Fruchthof öffnet um zwei Uhr morgens. Um vier folgen die Blumen, um sechs das Fleisch, um sieben der Fisch. Ein Besuch im „Bauch von Berlin“.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Jeder Ort, jede Straße von Berlin bekommt in der Nacht ein eigenes Gesicht. Das Industrieviertel in Berlin-Neukölln duftet um Mitternacht nach frisch geröstetem Kaffee. In Tiergarten trägt die Nacht verdammt hohe Stiefel. In Grunewald hat sie die sanfte Note von Moos.

Im düsteren Moabit ist es die Hoffnung, die hell über der Beusselstraße (Bezirk Mitte) leuchtet. Von Ladengeschäft zu Ladengeschäft blinken Casinos, Spielhöllen und Wettsalons. Um halb zwei am Morgen steht davor ein einzelner Mann auf dem Bürgersteig. Mit hängenden Armen, regungslos, schweigend, als stünde die Zeit still. Vielleicht fühlt es sich so an, wenn man alles verspielt hat.

Nur an einer Ecke scheint die Zeit zu rasen. Aus der Stille der Nacht donnern Lastwagen von der Stadtautobahn und stauen sich hinter Kühlwagen mit brummenden Aggregaten an einer Art Grenzübergang. Fenster werden heruntergekurbelt, Wachposten winken den einen Wagen durch, den anderen nicht.

Die Wartenden drängeln. „Vorn links, dann rechts, dort ist der Fruchthof.“ Wachmann Michael Förste erklärt ortsfremden Fahrern den Weg. Ein Wink, und die Kolonne schiebt sich weiter, unter einer Brücke hindurch, auf der eine altmodische Neonschrift hell in den Berliner Nachthimmel leuchtet: „Berliner Großmarkt“.

Gulaschsuppe zum Feierabend

Fruchthof, Fleischhalle, Blumengroßmarkt, Bürogebäude, Tankstelle, ein großer Recyclinghof – man kann sich schnell verirren auf dem Großmarkt. Die Zufahrt ist vierspurig, das Gelände zwischen Westhafen und Stadtautobahn und S-Bahn-Ring misst 330.000 Quadratmeter, vergleichbar mit fast 47 Fußballfeldern. Allein der Fruchthof hat 22.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Er öffnet als erste Halle um zwei Uhr. Um vier werden die Blumen folgen, um sechs das Fleisch, um sieben der Fisch.

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Orangen, Kartoffeln, Tomaten stapeln sich in Kisten, auf Paletten, in Hochregalen auf vier Etagen. Der Fruchthof ist eine Art Super-Supermarkt, nur dass hier nicht Kunden mit Einkaufswagen herumlaufen, sondern zahllose Gabelstapler über die breiten Straßen zwischen meterhohen Regalen hin und her sausen. Zeit ist Geld, im Großmarkt am morgen um zwei.

In der einen Straße duftet es nach Erdbeeren, in der nächsten nach Waldpilzen und an manchen Orten nach frisch gebrühtem Kaffee. In der „Kaffeeklappe“ sitzen die einen gähnend beim ersten Morgenkaffee, ein Trupp Packer löffelt Gulaschsuppe zu Feierabend. Draußen laden Lkw schon seit Stunden ihre Waren aus. Um Punkt zwei startet der Verkauf. Aber wer, bitte, geht um zwei Uhr morgens shoppen?

Gabelstapler schießen hupend um die Ecke

Gar nicht mal wenige. Unter den ersten Kunden sind Horst-Peter Steinweg und seine Frau Rosi. Um Mitternacht sind sie in ihrer Heimatstadt Oderberg losgefahren, einem kleinen Ort im Oderbruch an der polnischen Grenze, fast 100 Kilometer entfernt. Jetzt stapeln sie auf einem kleinen Rollwagen Salatköpfe und Sellerieknollen, Rosi Steinweg prüft kritisch einige Petersilienbunde. Seit 22 Jahren machen sie das so, seit sie nach der Wende ihr kleines Geschäft gründeten. Zum Großmarkt kommen sie oft zweimal die Woche.

Vor allem im Winter, wenn die Gemüsebauern im Oderbruch nichts mehr im Angebot haben, sagt Horst-Peter Steinweg. „Der Weg lohnt sich aber selbst im Sommer, die Preise sind hier immer noch am günstigsten“. Dann dreht er sich um. „Junger Mann, wo sind die Radieschen?“ – „Die kommen!“ Die Antwort kommt von irgendwo hinter meterhoch gestapelten Kartons hervor. Steinweg springt aus dem Weg, als zwei Gabelstapler hupend um die Ecke schießen.

Früh am Morgen, sagt Steinweg, seien die Preise am besten. Denn die Höhe bestimmen auch Angebot und Nachfrage. Während draußen die Packer noch Ware ausladen, wird diese drinnen teils schon verkauft. Anderes steht als Kommissionsware auf Paletten und wartet, bis sich ein Käufer findet. An einer Ecke hat jemand Ananassteigen abgestellt, liebevoll mit einer geblümten Wolldecke umhüllt. Vielleicht, weil das deutsche Klima problematisch ist für Südfrüchte.

Oliven und Öl in Kanistern neben Wein und Pasta

Nach einer halben Stunde füllt sich die Halle. Gut 40 Großhändler haben hier ihre Stände. Zu den größten zählt „Lykos“, ein Anbieter für griechische und türkische Lebensmittel. Neben frischen Obst und Gemüse gibt es gibt Oliven und Öl in Kanistern, Wein, Pasta, Gewürze. Im Kühlregal stehen Käse, Joghurt und eingeschweißte Antipasti. Davor thront Polier Sven Schreiber auf einem Podest, wie es ihn an jedem Stand gibt.

Sein Arbeitsgerät sind lange Listen, Computer, Handy – und eine kräftige Stimme, mit der er seine Fahrer dirigiert. Gabelstapler dürfen beladen nur rückwärts fahren – die Ware verstellt den Blick. Dazwischen huschen elektrisch betriebene Hubwagen herum, die „Ameisen“ genannt werden. Angeblich heißen sie so, weil sie von alleine laufen. Der Name passt aber auch auf die Menschen, die hier, winzig klein, emsig hin- und herlaufen und Dinge von hier nach dort transportieren.

Sven Schreiber organisiert den Verkauf von einem Podest aus wie die meisten Poliere an den Ständen. Die Käufer kommen zu ihm oder suchen sich ihre Waren selbst aus den Regalen, viele rufen auch an und bestellen Lieferware. Schreiber schreibt mit, stellt die Lieferscheine aus, dirigiert Waren von A nach B. Um kurz vor drei hat er Zeit, seinen Job zu erklären.

Familienbetriebe haben im Großmarkt Tradition

„Normalerweise ist mehr los“, sagt er. An diesem Tag aber ist ein türkischer Feiertag „Die meisten unserer Kunden haben gestern schon eingekauft.“ Zu diesen zählen viele Restaurants, vor allem aber Lebensmittelhändler aus Berlin und Umgebung. Viele Händler wie Kunden des Großmarkts sind türkischer Abstammung. Schilder und Anweisungen im Großmarkt sind deswegen zweisprachig.

Sven Schreiber ist schon seit Mitternacht bei der Arbeit. Zwei Stunden hat er Ware sortiert, bis zum Morgen werden weiter Lkw ausgeladen. Um halb neun hat Schreiber Feierabend. Der Verkauf läuft bis um 16 Uhr – das alles fünf Mal die Woche.

Wo bleibt bei solchen Arbeitszeiten die Nacht? Einige Meter weiter steht Marc Steinwedel mit zwei Kollegen am Stehpult, es gibt Tee aus Plastikbechern. Gemütlich ist anders – aber das hier ist eben Großmarkt. Steinwedel sagt: Er schlafe unter der Woche meist nur wenige Stunden, „vom Nachmittag bis zum Abend“. Er ist schon seit 23 Uhr hier und bleibt, wenn es sein muss, auch 14 Stunden. Er ist selbstständig. Er sagt: Er kenne es nicht anders, denn er sei mit Großmarkt-Arbeitszeiten aufgewachsen wie viele hier. Im Großmarkt haben Familienbetriebe Tradition. Auch Steinwedels Großeltern waren schon Großhändler. „Meine Eltern haben sich so kennen gelernt.“

Breiteres Angebot lohnt sich nicht mehr

Er deutet über große Kisten mit rotbackigen Äpfeln und prallen Kartoffeln hinweg. Dahinter hängt an das große Schwarz-Weiß-Porträt eines älteren Mannes mit 60er-Jahre-Hornbrille. „Mein Großvater Friedrich Steinwedel“. Der Enkel lächelt. Er hofft, dass eines Tages auch sein Sohn wiederum die Firma übernimmt. Aber momentan sei die Situation schwierig – auch wenn auf dem Großmarkt viel für die Händler getan werde.

Erst 2008 ist die Halle komplett neu errichtet worden. Rundherum gibt es jetzt eine moderne Rampe, von der die Gabelstapler direkt in die Lkw fahren können, um diese auszuladen. Das spart Zeit. Die einzelnen Kühlhäuser der Händler wurden durch große gemeinsame Räume ersetzt. Doch das Ganze wirkt klein im Verhältnis zu den gigantischen Verteilzentren der Lebensmittelkonzerne, die in den letzten Jahren rund um Berlin entstanden sind. Steinwedel schaut auf das Bild seines Großvaters. „Als er in den 60er-Jahren sein Geschäft in Hannover gründete, wurde praktisch das gesamte Obst und Gemüse in Deutschland über Großhändler gehandelt.“ Heute hätten die großen Lebensmittelketten den Handel mit den Produzenten größtenteils selbst übernommen.

Steinwedel schaut etwas frustriert auf seine Äpfel. Im Sommer, sagt er, seien Erdbeeren sein Hauptgeschäft, dazu Spargel, Kirschen und andere Saisonware. „Ich hätte gern ein breiteres Angebot, aber es lohnt sich nicht mehr.“ Dann klingelt sein Handy. „Möhren?“ Er winkt einen seiner Staplerfahrer heran.

Erster Großmarkt nach der Blockade gegründet

Die Großmarkthallen an der Beusselstraße wurden 1965 errichtet, als West-Berlin hinter der Mauer lag und praktisch alle Lebensmittel aus dem Bundesgebiet hergebracht werden mussten. Der erste Großmarkt war nach der Blockade 1949 in privater Initiative als Genossenschaft gegründet worden. Auf der Internetseite haben die heutigen Betreiber der Großmarkthallen einen kleinen Amateurfilm aus jener Zeit als Video eingestellt. Ohne Ton erzählt er von den Anfangszeiten in Mariendorf.

„Der Bauch von Berlin“ wurde der Großmarkt damals genannt, ein Wort, das viel sagt über den Hunger der Kriegs- und Nachkriegsjahre und danach. Den Hobbyfilmer faszinierte schon damals vor allem die Hektik am frühen Morgen, die unzähligen Transportfahrzeuge, die Käufer und Verkäufer mit ihren ernsten Mienen. Der Film zeigt aber auch die faszinierten Mienen, als exotische Früchte wie Bananen oder Koksnüssen aus Lkw und Waggons geladen werden.

Ein bisschen hat sich die Exotik erhalten. In der Blumenhalle zum Beispiel. Um vier Uhr früh fließt plötzlich helles Tageslicht über die oktobermüden Gesichter der Wartenden in der Vorhalle. Ungefähr 50 Männer und Frauen schieben hohe Rollregale vor sich her, auf die sie gleich ihre blütenduftende „Ernte“ laden werden. Noch aber sammelt die Gruppe sich drängelnd vor den Rolltoren der einzelnen Händler. Viel gesprochen wird nicht, und wenn überhaupt, dann auf Vietnamesisch. Zwei deutsche Blumenfrauen empören sich über die asiatische Konkurrenz. Blumen sind heutzutage ein hartes Geschäft.

Minze ist für die Drinks in Berliner Clubs

Dann öffnen sich die Tore. Aus dem „Exotic Garden“ und den anderen Hallen dringt feucht-kühler Blumenduft. Es wird nicht lange dauern, bis die Regale mit Gerbera, Rosen und Tulpen abgeräumt sind. Sogar die kitschig lackierten Zierkohl-Köpfe finden Abnehmer.

Es ist fast fünf Uhr, im Fruchthof herrscht mittlerweile Geschrei und Gedrängel. Bestellte Ware wird auf Paletten zusammengestellt. Später werden die Stapel abgeholt oder ausgefahren. Beim Kräuterhandel Ernst & Schlösser werden Kräuter im Akkordtempo aus- und wieder eingepackt. Andreas Dinter bindet Thymiansträußchen, neben ihm packen Kollegen Basilikum in 100-Gramm-Portionen für ein Restaurant, andere sortieren Minze für die Berliner Clubs, in denen Minze-Drinks momentan angesagt sind.

Auch Ernst & Schlösser ist ein Familienbetrieb, sagt Dinter. Gegründet haben ihn seine Eltern, heute ist seine Schwester Inhaberin. Sie beginnen nachts um eins mit dem Kräuterbinden, am Sonntag schon eine Stunde früher. Seine Nacht, sagt Dinter, sei zweigeteilt: „Ich schlafe vormittags ein paar Stunden und dann abends noch einmal ab acht, bevor ich zur Arbeit fahre.“

„Bauch von Berlin“ macht viele satt

Draußen an der Einfahrt hat sich derweil der nächste Stau gebildet. Ab sechs Uhr öffnen die Fleischgroßhändler, ab sieben die Halle für Fisch. Um kurz vor sechs wandert eine Gruppe junger Leute übers Gelände. Es sind Auszubildende, die einmal Köche und Restaurantfachleute werden wollen. An diesem Tag steht die Besichtigung des Großmarktes an. „Alle mal herhören!“, ruft der Ausbildungsleiter. Dreißig müde Augenpaare richten sich auf einen Kühlraum. Nicht für jeden, so sieht es aus, fühlt sich die Nacht genauso an wie der Tag.

Am Pförtnerhäuschen ist der Tag um Punkt sechs Uhr zu Ende. Wachmann Michael Förste wird abgelöst von seinem Kollegen Jan-Henrik Wetters. Für einen Moment stehen die beiden draußen und schauen den Lastwagenkolonnen entgegen, die über die Zufahrt dröhnen. Im dunklen Gras neben ihnen hockt jetzt eine gefleckte Katze, aufmerksam und hellwach. Die Männer lächeln. Der „Bauch von Berlin“ macht eben viele satt.

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