An Siegfried Nord gibt es in Marzahn-Hellersdorf kein Vorbeikommen. In einem tristen Bürokomplex lauscht er Mitte Januar Politikern, wie sie über Bauprojekte diskutieren. Vor ihm liegen Zettel, die Tagesordnung und eine dicke Ledermappe. Einmal werden die Zuhörer um Ruhe gebeten, Nord flüstert weiter mit seiner Begleiterin. Acht Tage später überreicht er im Namen von Anwohnern dem Bausenator Christian Gaebler (SPD) einen offenen Brief. „Herr Senator, der wachsende Unmut der Bevölkerung über diese Art der Baupolitik sollte Ihnen zu denken geben“, steht darin. In der Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf verliest er im Februar einen Antrag, um eine beliebte Bowlingbahn zu retten.

Nord, 70 Jahre alt, ist eigentlich im Ruhestand. Doch mit der Ruhe hat er es nicht. „Ich bin nicht zufrieden, wenn ich zu Hause in meinem Wohnzimmersessel sitze und das Programm im Fernsehen ist langweilig“, sagt er. Auf seinem Profil bei Facebook steht deshalb auch „Arbeitet bei Unruhestand“. Warum mischt er sich so oft ein?

Boulevard Kastanienallee: In diesem Kiez wohnt Siegfried Nord

Nord wohnt im Kiez rund um den Boulevard Kastanienallee, zwischen den U-Bahnhöfen Cottbusser Platz und Hellersdorf. In den 1980er-Jahren baute die DDR hier circa 2800 Wohnungen. Fünf bis sechs Stockwerke hoch. Plattenbau. Rund um einen mit Kastanien gesäumten Boulevard entstand hier ein Kiez mit allerlei Komfort. Doch nach der Wende verwaiste die Kastanienallee, die Geschäfte verschwanden.

Im Unruhestand #wohnserie
Blick auf den Boulevard Kastanienallee in Hellersdorf. © FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Statt Prachtboulevard gibt es einen 14-stöckigen Rohbau, eine Pizzeria und ein Tattoostudio. Die Neonazis vom Dritten Weg kleben hier gerne ihre Sticker. Knapp 6000 Menschen leben im Kiez. Laut Sozialbericht ist der Anteil an Menschen, die Bürgergeld und Grundsicherung im Alter beziehen, hier im Vergleich zum Rest des Bezirks besonders hoch. Auch ziehen die Menschen häufiger weg als anderswo im Bezirk.

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Seit 1987 mischt er sich ein

Nicht Siegfried Nord. Er wohnt seit 1987 hier. Damals zog es seine Frau nach Berlin, in den Bezirk, der gerade erst gegründet worden war. Als Versorgungsinspektorin wurde sie in Hellersdorf gebraucht. Nord, damals Student, zog mit. Die beiden sind geblieben. 39 Jahre später ist er in Rente. Und ist Sprecher des Quartiersrats. Das ist ein Anwohner-Beirat der Kiez-Sozialarbeiter. „Ich mische mich besonders gerne ein, wenn ich merke, dass andere, die dafür bezahlt werden, ihren Job nicht so machen, wie ich mir das vorstelle“, sagt Nord.

Ich mische mich besonders gerne ein, wenn ich merke, dass andere, die dafür bezahlt werden, ihren Job nicht so machen, wie ich mir das vorstelle.

Siegfried Nord

1987 mischte er sich das erste Mal ein. Da pflanzten die Anwohner Bäume, säuberten Straßen, gründeten Hausgemeinschaften. Bäume haben Nord zuletzt wieder beschäftigt. Am Auerbacher Ring sollten nämlich Bäume gefällt werden und einem Schulneubau weichen. Genauer gesagt einem sogenannten „Chill-Hain“ für die Schüler. Bedeutet: Wo Bäume gefällt werden sollten, sollten später wieder Bäume gepflanzt werden. Auch wegen Nords Engagement bleiben zumindest einige stehen.

Siegfried Nord aus Marzahn-Hellersdorf
Siegfried Nord aus Marzahn-Hellersdorf. Der Rentner ist im Kiez sehr engagiert.© BM | Oskar Paul

Dabei ist Nord nicht gegen den Schulneubau. Ganz im Gegenteil. Er freut sich, wenn Familien einen Grund haben, hierherzuziehen. Es geht ihm darum, dass er, dass die Anwohner mitsprechen dürfen.

Dem Berliner Bausenator übergab er im Januar einen offenen Brief

In letzter Zeit ist Nord nicht mehr nur im Kiez rund um den Boulevard Kastanienallee unterwegs. Er ist auch Sprecher der Anwohnerinitiative, die eine beliebte Bowlingbahn in Hellersdorf retten will. Auf der anderen Seite der U‑Bahn‑Gleise. Die Nachbarn baten Nord um Hilfe. „Wenn man einmal angefangen hat, hört man auch nicht wieder auf“, sagt er. Und deshalb mischt er auch bei einem Zusammenschluss von sieben Anwohnerinitiativen mit, die sich gegen dieses oder jenes Bauprojekt wehren.

Protest gegen den Bausenator
Siegfried Nord im Gespräch mit Christian Gaebeler (SPD). Im Januar übergab Nord dem Bausenator einen offenen Brief – unterzeichnet von sieben Anwohnerinitiativen.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Denn Marzahn-Hellersdorf boomt. Im Norden des Bezirks sollen das Tal-Center und die Kleeblattpassage Hunderten Wohnungen weichen. Auch der dicht besiedelte Kiez um den Helene-Weigel-Platz soll wachsen. Auf dem Areal von Knorr-Bremse entsteht ein ganzes Quartier. Rund um den U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord werden zurzeit 1400 Wohnungen geplant oder bereits gebaut.

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Gleichzeitig mangelt es in Marzahn-Hellersdorf an vielem. Vor allem an Ärzten. Kinos, Bars und Restaurants gibt es wenige. Viele Anwohner, mit denen die Morgenpost in den vergangenen Monaten gesprochen hat, sorgen sich, dass die Probleme, die der Bezirk heute schon hat, durch eine dichtere Besiedlung noch schlimmer werden.

Ist er ein Wichtigtuer?

Siegfried Nord aus Marzahn-Hellersdorf
Siegfried Nord posiert für ein Foto im Kiez.© BM | Oskar Paul

Nord kennt solche Probleme auch vom Boulevard Kastanienallee: Vor 20 Jahren wurde die alte Kaufhalle am Boulevard Kastanienallee abgerissen, seitdem gibt es im Kiez keinen Supermarkt mehr. Stattdessen steht dort, wo früher die Kaufhalle stand, heute ein 14-geschössiger Rohbau, um den es jahrelang Rechtsstreitigkeiten gab. Irgendwann sollen hier neue Nachbarn einziehen.

Im Unruhestand #wohnserie
Siegfried Nord bei einem Rundgang über den Kastanienboulevard.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Nord ist nicht dagegen (die 14 Stockwerke nennt er „Gewöhnungssache“). Aber er sagt, ganz grundsätzlich: „Erst die Infrastruktur. Dann der Wohnungsbau.“ Zwar ziehen viele Menschen hier schnell wieder weg, aber wie in vielen anderen Kiezen im Bezirk gibt es auch hier einen hohen Anteil an Nachbarn, die seit über 10 Jahren am Boulevard Kastanienallee leben: 43 Prozent.

Serie: Nahaufnahme Wohnungsmarkt

Marzahn-Hellersdorf hat nicht den besten Ruf. Doch trotz mancher Probleme leben viele Menschen sehr gerne hier. Auch am Boulevard Kastanienallee. Es gibt ein sehr aktives Quartiersbüro. Ein Puppentheater. Anwohner, die gegen Müll kämpfen. Die Gärten der Welt sind nicht weit weg. Menschen wie Nord ist ihre Nachbarschaft nicht egal. Ist er ein Wichtigtuer? „Kann man sagen“, sagt Nord. „Von mir aus.“ Aber vielleicht muss er das auch sein. „Sonst wirst du nicht wahrgenommen.“ Und Nord will, dass in seinem Kiez etwas passiert, sagt er. „Und dass es nicht nur mir nützt, sondern allen anderen auch.“