„Keine Ahnung“ – Ein Ausspruch, den Jugendliche gern von sich geben. Auch die fünf Jugendlichen, die gerade auf der Bühne der Jugendfreizeiteinrichtung „Eastend“ in Hellersdorf stehen und für eine Schulklasse im Bezirk ihr neuestes Stück aufführen. „Keine Ahnung, wonach ich gerade suche“, heißt es immer wieder auf der Bühne. Aber eigentlich stimmt das so nicht, denn in ihrem neuen Stück „Man sollte wissen, wonach man sucht“ geben sie sich damit nicht zufrieden. Sie suchen nach Freunden, nach Erlebnissen, nach Erfolg, nach einem Sinn, nach Versöhnung. Und sie suchen nach ganz profanen Dingen: einem Duft, einem Geschenk, einer guten Note.

Lange haben Lara, Rani, Pia, René und Ismail auch nach einem Thema für ihr Theaterstück gesucht. Im Frühjahr haben sie sich zusammengefunden und damit angefangen, im Sommer erst wussten sie dann, worum es gehen soll. Nämlich um die Suche selbst. Begleitet wurden die fünf jungen Darsteller im Alter von 13 bis 17 Jahren vom Theater o.N. aus Prenzlauer Berg. Schon seit 2010 haben die Projektleiterinnen Dagmar Domrös und Cindy Ehrlichmann damit begonnen, mit Jugendlichen aus Hellersdorf Theater zu machen. Dabei geben sie weder Thema noch Texte vor, sondern lassen die Teenager dies alles selbst entwickeln. Ihre Aufgabe sehen sie eher in der Moderation und im Arrangieren der Ideen. Die Zusammenarbeit sei eine Herausforderung und erfordere eine Menge Geduld, gibt Dagmar Domrös zu, aber das Durchhalten habe sich gelohnt. Mit ihrem Stück „hell erzählen“ wurde die Gruppe 2013 zum Theatertreffen der Jugend eingeladen und durfte ihr Stück im Haus der Berliner Festspiele zeigen.

„Etwas muss sich ändern“

In „hell erzählen“ ging es um das Leben der Jugendlichen, um ihre Probleme, um ihren Alltag, aber auch um ihren Kampfgeist. „Etwas muss sich ändern“ war der Leitsatz, der sich durch das Stück zog. Und auch die neue Produktion über das Suchen und Finden erzählt von ihrem Leben und ihren Wünschen. Die fünf Darsteller haben sich Figuren ausgedacht und erzählen zu ihnen Geschichten. Die 14-jährige Lara hält ein weißes Wesen aus Pappmaschee und Knete in der Hand, das sie Corvus genannt hat: Corvus ist eine Frau, die die Weltherrschaft erlangen möchte. „Und sie wusste auch wo. Nämlich im Roten Rathaus von Berlin.“ Auf dem Weg dahin traf sie einen Raben – und verlor ihn wieder aus den Augen. Sie suchte und suchte und fand ihn schließlich wieder. Da „merkte sie, dass sie im Grunde schon hatte, was sie suchte. Nämlich einen Freund.“

Es ist nicht nur die Figur Corvus, die sich nach einem richtigen Freund sehnt. Es ist auch ein Wunsch der Jugendlichen. Und es ist auch ein Grund, wieso sie Theater spielen. „Ich fühle mich hier wohl in der Gruppe“, sagt Ismail, mit ihr habe er eine neue Heimat gefunden. Der 17-jährige Flüchtling aus dem Senegal lebt seit einem Jahr in Berlin, davor war er in Barcelona. Als er nach Berlin kam, war alles neu für ihn, und er fühlte sich oft einsam. Über seinen Deutschkurs wurde Ismail auf das Theaterprojekt aufmerksam und war gleich dabei. Er hat sich auf der Bühne die Figur eines Vaters ausgedacht, der seinen Sohn sucht. „Es ist derjenige, dessen Sohn sagte: ‚Ich werde nach Europa gehen. Ich will ein neues Leben haben!‘“ Es ist ein Satz, der auch von Ismail selbst kommen könnte.

Keine Vorbehalte gegen sich als Flüchtling

Der Senegalese spürt in der Gruppe keine Vorbehalte gegen sich als Flüchtling. Dass es draußen auf der Straße auch mal anders aussieht, weiß er, aber die Theatergruppe gibt ihm Halt. Schließlich haben sich auch die anderen Jugendlichen schon mal als Außenseiter und allein gefühlt. Zu Hause, in der Schule, in ihrer Wohngruppe. Das Theater o.N. hätte es sich auch einfacher machen und in einen Bezirk gehen können, in dem die Jugendlichen mehr Möglichkeiten haben. „Aber es war ja gerade unsere Idee, dorthin zu gehen, wo das kulturelle Angebot nicht groß ist“, erklärt Projektleiterin Dagmar Domrös, „wo Kinder selten von ihren Eltern an die Hand genommen und an alles Neue herangeführt werden.“

Aber sie gibt auch zu, dass es anfangs Probleme gab. „Viele Jugendliche kommen aus einem schwierigen Umfeld, Verbindlichkeit kennen sie oft nicht“, erzählt Dagmar Domrös. Die Gruppe trifft sich jeden Freitag. Am Anfang sei es spannend gewesen, wer überhaupt kommt und wann. Dass man sich abmeldet, wenn man nicht kann, sei für viele nicht selbstverständlich. Auch die Fluktuation in der Gruppe sei relativ hoch. Lara, Pia und René waren schon bei der vorherigen Produktion dabei, Rani und Ismail sind dazugestoßen. Und das Team muss immer damit rechnen, dass ein Mitspieler plötzlich abspringt.

Blick über den Tellerrand

Inzwischen haben die Jugendlichen aber eine enorme Entwicklung durchgemacht. „Die Probenarbeit läuft heute viel konzentrierter“, sagt die Projektleiterin. So haben die jungen Darsteller für ihr neues Stück innerhalb weniger Tage ihre Texte auswendig gelernt. Im November feierte das Stück im Theater o.N. Premiere, im Dezember gab es Aufführungen im Eastend in Hellersdorf und jetzt gibt es wieder Termine. Das fordert den Jugendlichen viel Disziplin ab. Aber müde sind sie nicht. Auch in diesem Jahr wollen sie weiter Theater spielen. Das Geld dafür gibt es, seit 2010 unterstützt die Schering-Stiftung das Projekt.

Das Theater o.N. sieht in seinem Engagement nicht nur eine Chance für die Jugendlichen. „Das ist keine Einbahnstraße, sondern wir bekommen viel zurück“, erklärt Dagmar Domrös. „Wir wollen die Tür aufmachen und die Welt hereinlassen.“ Die Welt der Jugendlichen aus Hellersdorf, die Welt, weit weg vom etablierten Prenzlauer Berg.