Sicherheit

Bahnhof Zoo: Hier das Elend, dort die Angst

Am Hardenbergplatz wird noch mehr Polizei gefordert, dabei sinkt die Kriminalität. So wird die Stadt für unsicher erklärt.

Wie sicher ist der Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo? Einerseits gehen die Straftaten zurück, andererseits hält sich kaum jemand gern hier auf

Wie sicher ist der Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo? Einerseits gehen die Straftaten zurück, andererseits hält sich kaum jemand gern hier auf

Foto: Maurizio Gambarini

Charlottenburg. Scherben liegen auf dem Pflaster des Hardenbergplatzes neben dem Imbiss „Curry 36“, umgekippte Fahrräder auf einer Verkehrsinsel. Es riecht nach Urin. Die vielen Reisenden, die hier zu den gelben Bussen der BVG und den Zügen der Deutschen Bahn wollen, sie hasten eher, als zu schlendern. Dazwischen laufen Frauen mit großen Einkaufstüten der teuren Kudamm-Boutiquen über den Platz, Reisegruppen erfragen den Weg zum Hotel.

Neben dem Haupteingang mit den schweren Glastüren lungern Obdachlose und Gruppen von Jugendlichen. Männlichkeitsrituale. Küsschen links, Küsschen rechts. „Wallah, schau mal, ihre Beine“, ruft ein junger Mann. Sein Kumpel pfeift der jungen Frau mit dem Sommerrock hinterher. Sie beschleunigt ihre Schritte. Es ist 18 Uhr, ein ganz normaler Sommertag.

Ein gemütlicher Ort war der Hardenbergplatz wohl nie. Doch angesichts mehrerer aufsehenerregender Gewalttaten in den vergangenen Wochen gibt es nun Kritik am Sicherheitskonzept der Berliner Polizei. Seit Frühjahr 2017 stuft sie den Platz nicht mehr als besonders gefährlichen Ort ein – wie etwa den Hermannplatz oder den Alexanderplatz. An solchen Orten hat die Polizei Sonderrecht, darf anlasslos Personen kon­trollieren, setzt häufig deutlich mehr Personal ein.

Der Hardenbergplatz aber ist aus Polizeisicht ein ganz normaler Platz, wenn auch Brennpunkt. Daran kommt nun Kritik von der Gewerkschaft der Polizei (GdP): Die Beamten vor Ort könnten das nicht nachvollziehen. Fast 1000 Straftaten wurden dort 2016 begangen, heißt es. Norbert Cioma, Chef der GdP Berlin, forderte in der RBB-„Abendschau“, es bei der Einstufung als kriminalitätsbelasteter Ort zu belassen. Außerdem brauche man mehr Fußstreifen.

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Laut Statistik wird der Platz immer sicherer

Am 8. Juli wurde auf der Ostseite des Platzes eine junge Frau auf Arabisch sexuell beleidigt. Sie verstand und protestierte. Eine Gruppe von bis zu 30 Männern jagte sie und ihren Freund daraufhin durch die City West, warf Stühle und Flaschen. Eine traf die Frau. Ihr Begleiter rettete die bewusstlose Frau in einen Hinterhof. Zwei Tage später kam es am gleichen Ort zu einer Prügelei. Ein Mann wurde verletzt, drei nahm die Polizei mit aufs Revier.

Zwei Gewalttaten, die die Aufmerksamkeit der Stadt auf den Bahnhofsvorplatz lenken – schon wieder. Denn auch der aufsehenerregende Mord an der Kunsthistorikerin Susanne F. im September 2017 wird mit dem Platz in Verbindung gebracht, auch wenn der Tatort in Sichtweite des Bahnhofs Zoos korrekterweise bereits im Tiergarten liegt. Der Täter, inzwischen verurteilt, war obdachlos, er wollte ihr Handy und Geld.

Wer den Hardenbergplatz abends besucht, merkt, dass er ein hartes Pflaster ist. Hier treffen sich die, denen das Leben übel mitgespielt hat, besoffen oder auf Drogen schlurfen sie über den Platz. Die Bahnhofsmission zieht sie an, irgendwo müssen sie ja hin. Ein junger Mann, verbrauchtes Gesicht, glasiger Blick, wird beinahe von einem Bus der Linie M46 überfahren, als er wankend die Straße überqueren will. Der Bus hupt. Der Mann wirft einen halb leeren Becher gegen die Busscheibe, spuckt gegen einen Reifen: „Komm doch raus, du Arschloch“, ruft er der Busfahrerin zu. Die Fahrgäste gucken schief. „Das ist der ganz normale Wahnsinn, seit Jahren“, sagen zwei breitschultrige Polizeibeamte, die über den Platz streifen. Ungerührt gehen sie weiter. Nichts passiert. Wer sich länger hier aufhält, kann den Eindruck gewinnen, die Lage entgleitet am Vorplatz des Bahnhofs Zoo. Doch ganz so einfach ist das nicht.

"Ich will hier nicht sein, ich habe hier Angst“

Es sind Szenen wie diese, die viele Menschen verstören. Dazu die Berichte über Prügeleien. „Ich will hier nicht sein, ich habe hier Angst“, sagt Pilar G. Die 56-jährige Wilmersdorferin steigt häufig am Hardenbergplatz um. „Viele hier sind verzweifelt, die holen sich natürlich alles, was sie kriegen können“, glaubt sie. Was aber sagen die Zahlen zu diesem Unsicherheitsgefühl?

Die Statistik überrascht. Laut den Zahlen der Polizei wird der Platz immer sicherer. Seit Jahren. Zwischen 2016 und 2018 hat sich die Zahl der Raubstraftaten mehr als halbiert, es gibt deutlich weniger Taschendiebstahl – im ersten Halbjahr 2016 gab es 290 Fälle, im ersten Halbjahr 2018 nur 97 – und die Sachbeschädigungen sind auf ein Drittel des Niveaus von 2016 gesunken. Die Zahl der Körperverletzungen hält sich konstant. Insgesamt also sinkt die Zahl der Straftaten deutlich. Gab es im ersten Halbjahr 2016 noch 382 Fälle, waren es im ersten Halbjahr 2018 nur noch etwa die Hälfte. Nun wird argumentiert: Wo weniger Polizisten sind, werden weniger Straftaten ermittelt. Aber bereits vorher, als der Platz noch als besonders gefährlicher Ort galt und die Polizei durchgriff, sank die Kriminalität.

Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux, Innenexperte seiner Fraktion, kann über die Forderung nach mehr Polizei nur den Kopf schütteln: „Am Hardenbergplatz gibt es eine dauerhafte und sichtbare Polizeipräsenz.“ Besonders bei Taschendiebstahl gebe es enorme Erfolge. „Diese Fakten sind der Gewerkschaft und einigen Meinungsmachern keine Zeile wert, weil sie nicht in ihr Bild von einer immer unsichereren Stadt passen.“ Statt der Berliner Polizei zu danken für den Schlag gegen organisierte Taschendiebe, werde „weiter schwarzgemalt“.

Auch die Polizeiführung sieht keinen Anlass, der Forderung der Polizeigewerkschaft nachzukommen. Es sei kein signifikanter Anstieg von „Verrohungsdelikten größerer Personengruppen“ erkennbar, heißt es auf eine Anfrage der Berliner Morgenpost. Die Fallzahlen ließen eine Wiedereinstufung als kriminalitätsbelasteter Ort nicht zu, erklärt ein Sprecher. Heißt: Zu wenig Kriminalität, um „besonders gefährlich“ zu sein. So weit die Zahlen.

„Das Wohnzimmer von Randgruppen“

Auf der Ostseite des Platzes, vor dem Halal-Imbiss, wo es häufiger Stress gibt, stehen einige Jugendliche. Biere werden geöffnet. Bis 21 Uhr wächst die Gruppe auf etwa 20 Jungs, ein paar junge Frauen. Dicke Oberarme zählen hier, sie imitieren Kampfsportübungen. Auch Ibrahima aus Guinea ist unter ihnen. Er kam als Flüchtling nach Berlin, wie viele von ihnen. Hängt hier mit seinen Freunden ab. „Wir trinken hier oft, machen Spaß“, sagt er. Einige Meter weiter sitzt Baran mit zwei Freunden. Der Abiturient trifft sich hier nach der Schule oft mit anderen. „Hier ist es nicht unsicher, viele Schulfreunde kommen her.“ Warum an diesen Platz? Er sei zentral, der Kudamm in der Nähe. Es sind wohl diese Gruppen junger Männer, dazwischen Junkies und Obdachlose, die Pilar G. und anderen Angst machen. Warum das Einfluss hat auf das Sicherheitsgefühl der Menschen, erklärt Kriminologe Claudius Ohder, Vizepräsident der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht: „Der Hardenbergplatz ist das Wohnzimmer von Randgruppen, ihre Kommunikationsbörse – ein schwieriger Ort.“ Mehr Polizei und Kontrollen aber würden kaum helfen, die Probleme anzugehen. Wer Stress mache, sei bekannt. Die Bundespolizei ist ohnehin mit einer eigenen Wache vor Ort, mehrere Mannschaftswagen stehen am Hardenbergplatz.

Für Ohder, der mal als Sozialarbeiter arbeitete, liegt der Grund für die Debatte woanders: „Wir sehen die Menschen dort und ordnen sie Stereotypen in unseren Köpfen zu, dadurch fühlen wir uns unabhängig von den Fakten unsicher.“ Subjektives Sicherheitsgefühl heißt das. Wie man das verbessern kann? „Mehr Polizei hilft hier nicht“, sagt Ohder. Bäume oder Laternen wären eine Möglichkeit, um die Aufenthaltsqualität zu steigern. Auch das Ordnungsamt könnte einschreiten.

Zurück auf dem Hardenbergplatz. Es dämmert, ein Sommertag geht zu Ende. Pilar G. klemmt ihre Handtasche fest unter den Arm. Sie muss nach Hause. „Dieser Ort macht mich traurig“, sagt sie. „So viel Elend.“ Aber irgendwo müssten sie ja hin – die, die sonst keinen Ort haben. „Soll die Polizei sie etwa vertreiben? Nein, das will ich nicht.“

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