Zum fünften Jahrestag der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan setzt die Initiative Kabul Luftbrücke mit einer Berliner Künstlerin ein Zeichen gegen das Vergessen. Unweit von der weltberühmten East Side Gallery überträgt Anne Bengard das Werk einer afghanischen Kollegin auf eine Berliner Hauswand. Die Urheberin des Motivs lebt weiterhin unter der Herrschaft der Taliban in Kabul und arbeitet aus Sicherheitsgründen unter dem Pseudonym „Reha“, was auf Dari „Freiheit“ bedeutet.

Ihr monumentales Wandbild zeigt eine Vielzahl von Augen, die hinter einem schweren, roten Vorhang hervorlugen – ein kraftvolles Symbol für den verborgenen Blick und den stummen Protest der Menschen in Afghanistan. Im direkten Anschluss an die Kunstaktion findet eine Kundgebung statt, zu der 175 Teilnehmer angemeldet sind und bei der mehrere afghanische Redner zu Wort kommen werden. Die Kundgebung soll bis 18 Uhr dauern.

Die Berliner Künstlerin Anne Bengard will für ihre afghanische Kollegin vor allem „Sprache und Werkzeug sein“, betont sie im Gespräch. „Ich weiß, dass von vielen afghanischen Künstlerinnen Kunstwerke zerstört worden sind und sie ihre Kunst nicht offen praktizieren dürfen.“ Angst vor persönlichen Konsequenzen in Berlin hat sie jedoch nicht. Ihr gehe es in erster Linie darum, das zu tun, was sie auch sonst tue: sich mit anderen Kreativschaffenden zu vernetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die brutale Realität für Frauen unter den Taliban – das Verbot zu singen, der Ausschluss von Bildung ab der siebten Klasse und das faktische Wegsperren im eigenen Haus – wird durch die Zusammenarbeit für die 37-Jährige plötzlich greifbar.
Geflüchtete Afghanin: „Hatte bereits vor 30 Jahren Angst vor den Taliban“
Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme durch die radikal-islamischen Taliban ist das Leben der Bevölkerung von massiver Armut, extremer Entrechtung und dem Zusammenbruch der Wirtschaft geprägt. „Fünf Jahre nach dem 15. August 2021 ist die Lage in Afghanistan zunehmend untragbar – insbesondere für Frauen, Mädchen und queere Menschen. Gleichzeitig normalisiert die Bundesregierung politische Deals mit den Taliban und ebnet damit den Weg für deren politische Anerkennung“, so eine Sprecherin der Initiative „Kabul Luftbrücke“.

Eine Afghanin, der die Flucht nach Deutschland bereits vor drei Jahren gelungen ist, sagt: „Vor 30 Jahren, als die Taliban zum ersten Mal an die Macht kamen, hatte ich schon Angst vor ihnen.“ Selbst in Deutschland fühle sie sich nicht sicher. Keiner der Anwesenden möchte mit Foto und Namen in der Zeitung stehen. Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren, dass die Taliban gezielt Listen nutzen, um ehemalige Mitarbeiter der afghanischen Regierung, Sicherheitskräfte und Kritiker aufzuspüren, zu bedrohen oder zu töten.

Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass die Regierung in Kabul eine Taliban-Flagge auf der afghanischen Botschaft im Grunewald plant. Doch nach wie vor weht am Haupteingang des Botschaftsgebäudes die Schwarz-Rot-Grüne Flagge der Islamischen Republik Afghanistan in der leicht überarbeiteten Fassung von 2013 mit dem goldenen Staatsemblem der Monarchie. Die Leitung der afghanischen Botschaft in Berlin hat im März 2026 das Taliban-Mitglied Nebrasul H. übernommen. Er fungiert als Geschäftsträger und De-facto-Leiter der Vertretung. Damit steht die Botschaft erstmals in einem EU-Staat unter direkter Kontrolle der Taliban. Die Bundesrepublik erkennt das Taliban-Regime offiziell nicht als legitime Regierung Afghanistans an.



