Sonntag, kurz nach halb zehn morgens. Vor dem Berghain am Wriezener Bahnhof in Friedrichshain reihen sich knapp 20 Meter Menschen in Schlangenlinien auf. Fast alle tragen Schwarz, dicke Plateaustiefel, dunkle Mäntel. Vier Mädchen mit starkem bayerischen Dialekt schminken einander goldenes Glitzer ins Gesicht. „Egal ob wir reinkommen oder nicht, ich find uns schön“, sagen sie einander. Als sie vorne stehen, überlegt der Türsteher keine Sekunde. „Nein“, sagt er und weist sie mit einer Handbewegung weg. „Warum?“, will eines der Mädchen wissen und bleibt trotzig stehen. „Weil ich euch hier nicht will“, raunt er sie an. Geknickt trabt die Gruppe ab.
Ich bin an diesem Sonntagmorgen mit einer Freundin hier. Sie kennt den Club und war schon ein paar Mal drin. Ich nicht. Also frage ich sie vorher nach Tipps. „Nur Schwarz tragen ist ein Mythos“, sagt sie. „Sei einfach authentisch und zeig‘ mit deinen Augen, dass du da wirklich rein willst.“ Wie genau das aussehen soll, verrät sie mir nicht. Ich trage schwarze Doc Martens, eine schwarze Strumpfhose, darüber kurze schwarze Shorts und ein dunkelgrünes Croptop. Wenn Schwarztragen wirklich ein Mythos ist, dann wage ich heute den Versuch. Wir stellen uns an.
Berghain nicht mal mehr unter den Top 20
Das DJ Mag hat sein Club-Ranking 2026 veröffentlicht. Das Berghain steht heute auf Platz 21, fünf Plätze schlechter als im Vorjahr. Nicht mal mehr Top 20. Das Bootshaus in Köln ist auf Platz 11 gelandet und damit deutlich vor dem Berliner Kultclub. An der Weltspitze steht ein Neueinsteiger aus Ibiza namens UNVRS. Das DJ Mag begründet das so: „Den ersten Platz gewinnt nicht der Club mit der längsten Geschichte, sondern der Club, der die Gegenwart am besten verkörpert.“
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Dabei ist das Berghain selbst längst mehr als ein Club. Die Schlange vor dem Eingang hat Kultstatus, es gibt Apps, die in Echtzeit anzeigen, wie lang sie gerade ist. Wer sie noch nie erlebt hat, kennt sie trotzdem. Sie ist Teil des Mythos, ein Ritual, das man entweder kennt oder kennenlernen will. Wer drin war, hat etwas erlebt. Wer draußen blieb, hat trotzdem eine Geschichte zu erzählen.
„Die wollen eine bestimmte Crowd, die auch zu der Party passt“
In der Schlange treffe ich Joshi. Er war schon mehrfach hier. Seine ersten zwei Versuche, in den Club zu kommen, sind gescheitert, erzählt er mir. Danach hat es jedes Mal geklappt. „Die ersten Male war ich mir aber auch sicher, dass ich da nicht reinkomme. Ich hatte kein passendes Outfit an.“ Die Türpolitik versteht er inzwischen besser. „Die wollen eine bestimmte Crowd, die auch zu der Party passt. Und das müssen die halt in ein paar Sekunden entscheiden.“
Zum Ranking vom DJ Mag hat er eine klare Meinung. „Cool ist es da drin trotzdem, und das wird es bestimmt auch bleiben. Ich glaube nicht, dass die jetzt auf einmal jeden reinlassen, nur weil die auf Platz 21 gerutscht sind.“
Auch Oliver steht in der Schlange. Er war das erste Mal 2018 hier. Damals kam er über einen Bekannten direkt rein, ohne Wartezeit. Vor 2020 beschreibt er den Club so: „Es war nie zu voll, viel Platz zum Tanzen, und der Eintritt hat damals nur zwischen 10 und 18 Euro gekostet. Die Leute waren korrekt zueinander.“ Seit 2024 hat sich für ihn das Bild verändert. Der Club sei zu voll geworden, der Eintritt inzwischen bei bis zu 30 Euro. Auch das Konsumverhalten habe sich seiner Wahrnehmung nach verschoben. Trenddrogen wie GHB und Mephedron sind sehr beliebt bei den Feiernden und hätten die Stimmung im Club verändert. „Laut meiner Erfahrung hat sich das Berghain seitdem deutlich verschlechtert“, sagt er.
Kein Sehen und Gesehenwerden, kein Social Media, einfach Tanzen
Direkt vor mir in der Schlange steht Sophia. Ganz in Schwarz. Sie trägt einen bodenlangen Lackmantel und dicke schwarze Lidstriche. Sie kommt regelmäßig her, am liebsten tagsüber und am liebsten sonntags. „Hier ist eine lustige Crowd mit sehr diversen Menschen, die einfach nur abschalten und tanzen wollen“, beschreibt sie die Stimmung im Club. „Für ein paar Stunden einfach nur sein können.“ Innen, sagt sie, macht vor allem die coole Architektur etwas aus. „Kein Sehen und Gesehenwerden, kein Social Media, einfach Tanzen.“ Warum das Berghain nicht mehr in den Top 20 ist? „Da hab‘ ich echt keine Ahnung“, sagt sie und zuckt die Schultern.
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Als sie an der Reihe ist, muss sie kurz warten, bis es weitergeht. Im Club scheint es gerade sehr voll zu sein. Dann lässt der Türsteher sie eintreten.
Nun sind wir dran. Knapp 25 Minuten habe ich auf diesen Moment gewartet. Ein großer Mann mit Glatze und buschigen, schwarzen Augenbrauen mustert uns von Kopf bis Fuß. Er verschwindet kurz um die Ecke und scheint sich zu beraten. Als er wiederkommt, sagt er „Diesmal nicht“ und weist uns zurück auf die Straße. „Schade, beim nächsten Mal klappt‘s“, verspricht meine Freundin.




