Fahrbahnmarkierungen

Das bedeuten die grünen Punkte auf der Bergmannstraße

Auf der Bergmannstraße wurden neonfarbene Markierungen angebracht. Das Bezirksamt erklärt, wozu sie gut sein sollen.

Die Verkehrsführung in der Kreuzberger Bergmannstraße wurde durch neongrüne Punkte markiert. Die Anwohner fragen sich, was das soll.

Die Verkehrsführung in der Kreuzberger Bergmannstraße wurde durch neongrüne Punkte markiert. Die Anwohner fragen sich, was das soll.

Foto: Reto Klar

Verwirrung um neue Grünmarkierungen auf der Bergmannstraße in Kreuzberg: Am Ostersonnabend zeichneten Straßenarbeiter an der Kreuzung Bergmannstraße und Schenkendorfstraße unzählige neongrüne Punkte auf die Straße. Was sie bedeuten sollen, war aber zunächst unklar. Ohne Vorankündigung wurden die Punkte auf der Fahrbahn angebracht.

Bezirksamt ist im Osterurlaub, Senatsverkehrsverwaltung weiß von nichts

Das Bezirksamt von Friedrichshain-Kreuzberg hüllte sich erst einmal in Schweigen: Sowohl Baustadtrat Florian Schmidt wie auch seine Chefin, Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (beide Die Grünen), waren bis Dienstagnachmittag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen – sie weilten im Osterurlaub. Jan Thomsen, Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung, sagte der Berliner Morgenpost am Mittwoch, die Markierung mit den Punkten sei eine Angelegenheit des Bezirks. „Es geht dabei um Verkehrsberuhigung, weil Autofahrer auf markierten Straßen intuitiv die Geschwindigkeit reduzieren“, erklärte Thomsen weiter. Anwohner sagen, die Punkte sollten den Verkehr an der Kreuzung beruhigen und die Vorfahrtsregelung hervorheben. Wirklich sicher war sich aber niemand über Sinn und Zweck der Markierungen.

Nun auch Markierungen in grün für Lkw und Pkw

Zudem waren auch am Dienstag wieder Straßenarbeiter an der Bergmannstraße im Einsatz. Sie markierten Parkplätze mit ebenfalls neongrünen Zeichen für Lkw und Autos. So sollen in Zukunft alle Fahrer – egal ob Lastwagen oder Pkw – wissen, wo sie halten dürfen und wo nicht. Außerdem wurden für Blinde und Sehbehinderte am Boden Blindenleitsysteme neu angestrichen oder verlegt. An mehreren Stellen an der Bergmannstraße führen diese jetzt auf abgesenkte Rampen zu, die barrierefrei über die Fahrbahn führen sollen.

Bezirksamt erklärt schließlich grüne Punkte

Am Mittwoch veröffentlichte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg unter dem Titel “Bergmannstraße: Was hat es mit den grünen Punkten auf sich?“ eine Pressemitteilung. Darin heißt es, die farbigen Markierungen seien vorige Woche im Auftrag des Straßen- und Grünflächenamtes aufgetragen worden. Sie seien „Teil des Gestaltungskonzepts, das das Bezirksamt gemeinsam mit Anwohner*innen entwickelt hat.“ Die Punkte sollen den Verkehrsteilnehmern demnach signalisieren, dass sie in einer verkehrsberuhigten Zone seien und entsprechend die Geschwindigkeit reduzieren sollen. Die Verkehrsschilder, die auf Tempo 20 in der Bergmannstraße hinweisen, „werden leider häufig nicht wahrgenommen“. Die Punkte sollen deshalb die Beschilderung ergänzen und die Aufmerksamkeit der Fahrer wecken, ohne sie abzulenken.

Die Mitteilung zitiert Baustadtrat Schmidt: „Hier in der Bergmannstraße passiert eine Menge. Das wird mit den grünen Markierungen sichtbar – und das ist gut. Das Projekt Begegnungszone wurde lange genug auf die Parklets verkürzt. Dabei geht es hier um viel mehr: Die Reduktion des Durchgangsverkehrs, qualitätsvolle und lebendige öffentliche Räume, einen Ausbau der Radinfrastruktur. Wir teilen den öffentlichen Straßenraum neu auf. Die Begegnungszone soll ein sicherer und angenehmer Ort für alle Verkehrsteilnehmer*innen werden, nicht nur für Autos.“

Anwohner und Ladenbesitzer sauer auf Stadtrat Schmidt

Doch wie schon bei vorangegangenen Baumaßnahmen an der Straße nehmen Anwohner auch die neuesten grünen Straßenmarkierungen nicht wohlwollend auf. Im Gegenteil. Rainer Minx besitzt direkt an der nun grün gepunkteten Kreuzung Bergmannstraße Ecke Schenkendorfstraße ein Antiquariat. Er ärgert sich über die immer neuen Straßenmarkierungen. „Die ergeben einfach keinen Sinn“, sagt er. „Bei den Anwohnerversammlungen waren immer alle dagegen. Ich komme mir langsam vor wie in einer Monarchie, denn es reicht wohl, dass ein einziger Mensch dafür ist.“

Damit meint Minx Baustadtrat Schmidt. Ende 2018 nämlich hatte Schmidt entlang der Bergmannstraße 15 gelbe Parklets aufstellen lassen. Kostenpunkt: Knapp 900.000 Euro. Die Sitz,- Liege- und Pflanzmöbel sollten aus der hippen Bergmannstraße eine „Begegnungszone“ machen. Doch das Projekt kam bei den Anwohnern und im Bezirk nicht sonderlich gut an. Ende Juli sollten die unbeliebten Parklets deshalb wieder abgebaut werden. Eigentlich. Wie die Berliner Morgenpost berichtete, beschloss Schmidt Mitte April, die Parklets noch bis mindestens November zu behalten – entgegen eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Seitdem hat Schmidt immer neue Ideen, wie er die Bergmannstraße sicherer und verkehrsberuhigter machen will.

Bezirksamt gibt keine Stellungnahme zu neuen Markierungen ab

Den grünen Punkten vor seinem Geschäft jedenfalls kann Minx nichts Gutes abgewinnen. „Ich sehe ja, dass auch Autofahrer verunsichert auf diese Punkte reagieren. Die meisten wissen nicht, was sie bedeuten sollen“, sagt der Buchhändler. Und: „Hat Berlin keine vernünftigen Projekte, für die man das Geld ausgeben könnte? Das hat schon was von ,Wir mauern uns ein’.“

Sind die Markierungen am Ende sogar schädlich?

Minx hat Angst vor Geschäftseinbußen, wenn potenzielle Käufer nicht mehr an der Bergmannstraße parken können. Denn durch die Parklets wurde die Fahrbahn bereits von neun auf 6,50 Meter verengt. Die Parkmöglichkeiten links und rechts der Straße wurden reduziert, einerseits durch die Parklets. Und andererseits durch die nun grün markierten Park- und Ladezonen. In der Bergmannstraße gibt es heute nur noch 21 Parkplätze.

Gegenüber von Minx’ Antiquariat hat Dago Engler seit mehr als 40 Jahren seinen Laden „Ledernadel“. Er erinnert sich, dass Parklets vor mehr als 20 Jahren bereits einmal im Gespräch waren. „Aber damals konnten wir Anwohner das noch verhindern“, sagt Engler. Baustadtrat Schmidt wirft er nun vor: „Herr Schmidt hat innerhalb von kürzester Zeit die Bergmannstraße zerstört“.

Parklets, Grünmarkierungen, Poller: Er erkenne die quirlige Bergmannstraße mittlerweile kaum mehr wieder, so Engler. Insbesondere die Punkte findet er „vollkommen sinnlos“: Wenn Sonne darauf schiene, sehe man sie nicht mehr. „Und durch die neuen Be- und Entladezonen stehen jetzt noch viel mehr Autos in zweiter Reihe“, berichtet Engler.