Friedrichshain

So sieht das Viertel rund um den Mercedes Platz aus

Am Spreeufer entstehen Wohntürme und ein komplettes Vergnügungsviertel. "In einem Jahr wird das eine komplett andere Welt sein."

Sie fährt mit der Vespa zur Arbeit nach Friedrichshain. Katharina Dinovski ist seit einem Jahr Art-Direktorin der Kommunikations-Agentur MWD an der Helen-Ernst-Straße auf dem Anschutz-Gelände. Ihr Schreibtisch steht in einem Büro in den S-Bahnbögen. Die Gleise darüber sind stillgelegt. Wenn die junge Frau vor die Tür geht, sieht sie die Zäune der Baustelle für die geplanten Wohntürme "Max" und "Moritz". Dort sei früher eine große Wiese gewesen, erzählt sie. "Das war unser Beachvolleyballfeld." Die Baustelle gebe es schon sehr lange. Doch von den Türmen ist noch nichts zu sehen.

Viel weiter sind die Arbeiten am nahe gelegenen Mercedes Platz fortgeschritten. Westlich und östlich vor der Arena wächst für rund 200 Millionen Euro ein Vergnügungsviertel heran. Am Dienstag ist Richtfest. Vier Gebäude sind im Rohbau fertig. Bis Herbst 2018 entstehen eine Music Hall für 4500 Besucher, ein Multiplexkino mit 14 Sälen für 2500 Zuschauer, außerdem zwei Hotels und 15 Restaurants, Bars und Cafés sowie ein Bowlingzentrum mit 28 Bahnen. Auf dem Vorplatz, der etwa 6500 Quadratmeter groß ist, sollen Fontänen sprudeln und 32 Platanen wachsen. Noch zieht sich auch hier ein Bauzaun um das Gelände. Kräne transportieren Platten in der Höhe. Auf den Gerüsten sind behelmte Bauarbeiter unterwegs.

Ein weiteres Richtfest wird am 26. Oktober gefeiert. Der Rohbau des neuen Einkaufszentrums, der East Side Mall, ist fertig. Es wird bis Herbst 2018 zwischen Arena und Warschauer Brücke errichtet. 120 Geschäfte und gastronomische Angebote und ein Fitnessstudio ziehen ein.

"In einem Jahr wird das eine komplett andere Welt sein"

Vom Baulärm bekommt MWD-Art-Direktorin Katharina Dinovski in ihrem Büro nicht viel mit. Die unmittelbare Umgebung sei ruhig und entspannt, sagt sie. "Aber nach einem Konzert in der Arena ist viel los." Über das Anschutz-Gelände mit den vielen Baustellen sagt die 30-Jährige: "Es ist megaspannend." Als sie nach Berlin zog, dachte sie, sie würde etablierte Orte wie Kreuzberg oder Mitte als Arbeitsort vorziehen. Nun sagt sie: "Hier passiert so viel. In einem Jahr wird das eine komplett andere Welt sein." Vom Miterleben dieser permanenten Entwicklung "werden wir unseren Großenkeln noch erzählen".

Der Mercedes Platz und die East Side Mall sind nicht die einzigen Vorhaben auf dem Anschutz-Gelände. Weitere Hotels entstehen, das Unternehmen Zalando erweitert seinen Standort. Noch einige Jahre wird das Baugeschehen andauern, das seinen Ursprung im Jahr 2001 hat. Damals kaufte die Anschutz Entertainment Group das große Gelände des einstigen Güterbahnhofs. Unternehmen und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg entwickelten einen Bebauungsplan, den die Bezirksverordneten 2004 akzeptierten. 2008 eröffnete die große Veranstaltungshalle, damals unter dem Namen O2 World. In der Nähe bezog Mercedes-Benz im Jahr 2013 seine neue Vertriebszen­trale.

Die Straßen sind fast ausschließlich nach Frauen benannt

"Wir wussten, dass es ein langfristiges Projekt ist", sagt Moritz Hillebrand, Sprecher von Anschutz in Berlin. Er begleitet das Geschehen in Friedrichshain seit 18 Jahren. Für ihn ist es immer noch "total spannend". Er sei gebürtiger Berliner, sagt Hillebrand. Seine Arbeit empfindet er als Privileg. "Wann hat man schon Gelegenheit, in seiner Stadt an etwas mitzuwirken, was bleibt?" Hillebrand hat auch den Widerstand der Initiative "Mediaspree versenken" miterlebt, und die Kritik aus dem von Grünen regierten Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Der damalige Bürgermeister Franz Schulz habe "klar für seine Interessen gekämpft". Vieles, was er einforderte und gegenüber dem Senat durchsetzte, sei verwirklicht worden. Als Beispiel nennt Hillebrand den East Side Park an der Spree.

Die Straßen im neuen Büro- und Vergnügungsviertel sind fast ausschließlich nach Frauen benannt – auch das ist der politische Einfluss des Bezirks. Die Namen erinnern zum Beispiel an die Künstlerin und Widerstandskämpferin Helen Ernst und an die DDR-Sängerin Tamara Danz. Direkt neben dem Sitz von Mercedes-Benz verläuft die Edith-Kiss-Straße. Eine kleine Tafel am Straßenschild informiert darüber, dass die ungarische Bildhauerin 1944 Zwangsarbeiterin im Werk von Daimler-Benz in Ludwigsfelde war.

Einige Tausend Arbeitsplätze sind bereits entstanden

Mehrere Tausend vor allem junge Menschen gehen bereits täglich zur Arbeit auf dem Anschutz-Gelände, hauptsächlich in den Büros von Mercedes-Benz und Zalando. Bewohner sind dagegen noch eine Minderheit. Ende 2014 wurde das erste Wohngebäude in der Nähe der Arena fertig. Der Elfgeschosser mit zwei Trakten von je acht Etagen steht zwischen Mühlenstraße und Am Postbahnhof. Seit zwei Jahren wohnt dort Marcin Markowski mit seiner Frau und Hund Flinn. Der Ingenieur ist 33 Jahre alt. Er stammt aus Krakau, hat in London studiert und arbeitet am Gendarmenmarkt. Die Wohnung und ihre zentrale Lage gefallen ihm.

Was ihm weniger gefällt: "Es ist laut, besonders am Wochenende." Abends und nachts kommen viele Partygänger und Konzertbesucher am Haus vorbei, wenn sie zum Ostbahnhof gehen. Doch die Wohnung ist nur eine Zwischenstation für Markovski. Wenn das neue Vergnügungsviertel 2018 fertig wird, wohnt er mit Frau und Hund schon in Amsterdam. Dagegen freut sich MWD-Art-Direktorin Katharina Dinov­ski darauf, "dass mit der Entwicklung des Mercedes Platzes Leben kommt". Und Anschutz-Sprecher Moritz Hillebrand sagt: "Wir sind gespannt auf die Lebendigkeit im täglichen Betrieb."

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