Berlin am 1. Mai

Das Myfest sprengt die Grenzen des Festgeländes

Die Partymeile erstreckte sich dieses Mal anarchisch bis zum Schlesischen Tor, im Görlitzer Park tanzten Tausende.

Andranag beim Myfest in Berlin

Andranag beim Myfest in Berlin

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Antje Kapek möchte ja keine Spießerin sein. Aber dass in der Nacht des 1. Mai Tausende Menschen zu wummernden Bässen bis in die frühen Morgenstunden im Görlitzer Park eine per Facebook angekündigte Spontanparty feierten, missfiel der Grünen-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus ebenso wie vielen anderen Anwohnern in SO 36. Das Myfest hatte in diesem Jahr die engen Grenzen des eigentlichen Festgeländes rund um die Oranienstraße gesprengt und den ganzen Ortsteil beansprucht. Vor jedem Spätkauf und vor vielen Kneipen pumpten die Soundsysteme Musik in die Masse der Straßentänzer, Bands spielten unter dem Hochbahnviadukt und das noch lange, nachdem auf der eigentlichen Festmeile die Bühnen abgebaut waren. Viele Ladenbesitzer machten das Geschäft des Jahres. Polizei war kaum zu sehen.

"Das Fest hat einen anderen Charakter bekommen durch die Verlagerung", glaubt Antje Kapek, die als gebürtige Kreuzbergerin die Entwicklung des Myfests seit Jahren verfolgt. Die Enge der Oranienstraße habe immer auch für Aggressionen gesorgt, die seien am Montagabend verschwunden gewesen. Die Stimmung bei den Spontanpartys war fröhlich. "An sich eine gute Sache, aber man muss schon sehen, welche Folgen das hat", so Kapek. Darüber müsse man im Bezirk reden.

Bezirksamt: "Polizeitaktik" begünstigte die Ausdehnung

Im Bezirksamt kann man zu den erweiterten Festgrenzen wenig sagen. Dass die Polizei schon am frühen Nachmittag die Oberbaumbrücke für Autos sperrte und so das bunte Treiben zwischen Schlesischem und Kottbusser Tor sehr begünstigte, sei "Polizeitaktik", da habe man keinen Einfluss drauf, hieß es aus dem Büro der Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne).

Die Veranstalter sind mit dem Verlauf des Myfests zufrieden. Aus ihrer Sicht sei es besser verlaufen als alle Feste zuvor, sagte Soner Ipekcioglu, Sprecher und Mitorganisator des Vereins Myfest36, der das Fest seit 15 Jahren ausrichtet. "Ich persönlich habe das Fest als sehr gut gelaunt erlebt, viele Gäste haben sich auch für die Organisation bedankt, etwa, was Toiletten und Sicherheit betraf", so der Sprecher.

Insgesamt sollen 200.000 Menschen auf dem Fest gewesen sein, diese Zahl nannte Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Montagabend. Wo die Personen gezählt wurden, war dabei nicht ganz klar. Die meisten der Partys in den umliegenden Straßen hätten mit dem offiziellen Myfest nichts zu tun, sagte Ipekcioglu. Nach seinen Informationen seien lediglich zwei Veranstaltungen am Rand des Görlitzer Parks genehmigt gewesen. Die BSR putzte schon in der Nacht mit 100 Einsatzkräften und 40 Fahrzeugen den ganzen Kiez und nahm sich am Morgen auch den Görlitzer Park vor. Von den Straßen wurden 200 Kubikmeter Müll aufgelesen, zehn mehr als 2016. Die Stadt bezahlt den Einsatz. Das Myfest gilt als Veranstaltung mit politischem Charakter, deshalb müssen die Veranstalter für den Müll nicht selbst aufkommen.

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