Die Sache mit den Stühlen war eine gute Idee. Als der Streit nicht enden will, geht ein Mann in der Gerhart-Hauptmann-Schule auf die Suche. Er findet Stühle, sie liegen verstreut in den Zimmern wie nach einem Beben, er bringt sie in die Aula und stellt sie im Kreis auf. Es ist eine Aufforderung an alle Flüchtlinge, die geblieben sind. Sie sollen sich endlich hinsetzen und darüber sprechen, wie es weitergeht. Nur so, glaubt er, haben sie eine Chance.
Anfang Juli, soeben ist einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte Kreuzbergs beendet. Tausende Polizisten haben das von Flüchtlingen besetzte Schulgebäude an der Ohlauer Straße belagert. Die meisten der 250 Bewohner ziehen in neue Unterkünfte. Etwa 40 Flüchtlinge drohen mit Feuer. Und damit, sich vom Dach zu stürzen. Sie dürfen bleiben und fordern, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht: ein selbstbestimmtes Leben in dem Haus, in dem sie seit eineinhalb Jahren wohnen. Immerhin mit Duldung des Bezirkes.
Heute, am Freitag, läuft wieder ein Ultimatum ab. Alle Flüchtlinge sollen die Schule verlassen. Ihnen wurde ein Bett im Hostel angeboten. Aber drinnen traut diesem Angebot niemand. Zumal die meisten Flüchtlinge nun in die Bundesländer zurück müssen, aus denen sie kamen. Seit Sommer ist das Gelände für die Öffentlichkeit geschlossen. Auch Besucher dürfen nicht mehr rein. Sicherheitsleute bewachen den Eingang.
Wie haben die Flüchtlinge die zurückliegenden Monate erlebt? Was erwartet die Polizei, wenn sie Ernst macht? Wer das wissen will, muss mit Menschen sprechen, die vertraut sind mit dem Alltag hinterm Schulzaun. Nicht alle wollen ihren Namen in der Zeitung lesen.
Streit nach der Müdigkeit
Dass sie überhaupt noch da sind, ist ein Erfolg aus der Sicht der Flüchtlinge. Aber es gibt Siege, die fühlen sich an wie eine Niederlage. In den Wochen nach dem Kampf im Sommer bleibt nur Müdigkeit. Es ist still in den schmutzigen Stockwerken. Als aber die Müdigkeit nachlässt, gibt es Streit. Es sind keine Hausbesetzer, wie man sie aus den 80er-Jahren kennt. Die haben zwar viel diskutiert, aber teilten eine Ideologie und eine Sprache. Die Flüchtlinge streiten auf Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch.
Auch mit einigen ihrer Unterstützer haben sie wenig gemein. Es gibt dann Szenen wie diese: Ein Aktivist, der gegen die Räumung demonstriert hat, ruft die Flüchtlinge auf, bei einer Kundgebung für Rechte von Homosexuellen mitzulaufen. Ein Flüchtling antwortet: „Nein, Mann, ich bin gläubiger Moslem.“ Außerdem, das ist deutlich, wollen sie sich nicht zum Instrument für Proteste machen lassen. Nicht mehr. Die Schule ist zum Halt in ihrem Leben geworden. Sie wissen, dass sie am Ende ziemlich alleine dastehen.
Am Anfang streiten die Flüchtlinge darüber, wer in welches Zimmer darf. Der Bezirk hat den rechten Flügel des Gebäudes geschlossen. Sie streiten auch darüber, wer dazugehört. Der Bezirk verlangt eine Liste mit Namen, für die Hausausweise. Die Flüchtlinge sagen, es sollen nur die sein, die während der Belagerung auf dem Dach standen. Ein Mann behauptet, er sei kurz vor dem Polizeieinsatz zum Supermarkt gegangen und habe „keine Chance gehabt“, wieder reinzugehen. Sein Fall wird heftig diskutiert.
Unversehrt ist hier niemand
Ende Juli dann, im Stuhlkreis in der Aula, lebt der Gemeinsinn wieder auf. Sie fangen an aufzuräumen. Krempel von 250 Menschen muss auf das reduziert werden, was 45 Menschen brauchen. Sie schmeißen Sofas und Matratzen aus den Fenstern, das ist mit dem Bezirk abgesprochen. Wohl auch, damit nichts in der Schule bleibt, was zur Barrikade taugt. Erst nach Wochen wird der Müll abgeholt. Fremde Menschen klettern indes über den Zaun und suchen im Müll nach Altmetall. Es kommen auch Ratten.
Unversehrt ist hier niemand. Da ist Samed (Name geändert), der sich den Fuß gebrochen hat. „Treppe runtergefallen“, sagt er nur. Es gibt verlässliche Zeugen, dass Samed in einem Krankenhaus nur notdürftig behandelt wurde, weil er als Asylbewerber zwar versichert ist – aber nur an dem Ort, wo er seinen Platz im Heim hat. Der ist, wie bei den meisten hier, nicht Berlin. Inzwischen hilft ihm ein Arzt, der keine Versicherungskarte sehen will. Sein Körper ist übersät mit Narben. Samed war Soldat. Wo, will er nicht sagen. Auf seiner Flucht wurde er von dubiosen Arbeitgebern um sein Gehalt betrogen und von Polizisten geschlagen.
Sollten Beamte in das Gebäude eindringen, treffen sie also auf Menschen wie Samed. Die vertrauen Männern in Uniform nicht, sind aber entschlossen zu bleiben. Eine Mischung, die Flüchtlinge wieder auf das Dach treiben wird, mit der Drohung zu springen. Selbst wenn Polizisten per Hubschrauber zuerst auf dem Dach landen, könnte jemand im Treppenhaus Feuer legen. Die Luken auf dem Dach sind zu eng für Kampfmontur. Es gäbe keinen Fluchtweg. Weder für Polizisten noch die Bewohner. Wer wird diesen Einsatz verantworten?
Bezirk tagt unter Polizeischutz
Im August, als der Müll abgeholt ist, beginnen die besseren Wochen in der Gerhart-Hauptmann-Schule. In einem Fitnessraum trainieren die Bewohner mit Hanteln. Ein Frisör schneidet seinen Mitbewohnern die Haare. Einige lassen sich dreimal pro Woche die Haare schneiden. Sie gehen wieder auf Partys, gerne ins „Yaam“, wo karibische Musik läuft. Sie lernen Frauen kennen, es finden sich Freunde, man grillt auf dem Schulhof.
Doch seit Oktober kehrt die Lethargie zurück. Weil nichts passiert. Die Schule soll zum Flüchtlingsheim ausgebaut werden, der Bezirk hatte ihnen versprochen, dass sie während der Arbeiten bleiben dürfen. Aber die Diakonie, die Bauherr wäre, fordert ein leeres Gebäude. Kürzlich ist Stadtrat Hans Panhoff noch mal vorbeikommen. Er fühlte sich bedroht und ging. Verhandelt wird nicht mehr.
Ihr Gegner sei nicht die Polizei, sagt Nasir aus dem Sudan. Sondern der Bezirk. Er sagt nicht, dass seine Mitbewohner gegen eine Räumung kämpfen werden und auch nichts über Waffen. Er sagt nur, dass sie bleiben werden. Nasir erzählt das an dem Abend, als die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg unter Polizeischutz tagt. Man hatte Angst vor Unterstützern der Flüchtlinge. In der Versammlung aber protestieren Eltern: Geld für den Wachdienst an der Schule habe der Bezirk, aber der Streichelzoo im Viktoriapark müsse schließen. Wo sollen ihre Kinder dann Tiere streicheln? Das klingt nach ziemlich getrennten Welten. Und danach, dass die Räumung näher kommt.





