Hamdi Dridi steht vor dem „Cayetano“ in Berlin-Friedrichshain und hält sein Gesicht in die Morgensonne. Die ersten Gäste gönnen sich eine Tasse Kaffee und genießen es, im Außenbereich der Bar an der Simon-Dach-Straße zu sitzen. Dridi arbeitet hier als Kellner und weiß, wie wichtig die Tische draußen für das Geschäft sind.
Wenn es allerdings nach den Plänen einer Arbeitsgruppe im Bezirksamt geht, sollen genau diese Plätze bald verschwinden. Wegen ständiger Beschwerden über Lärm und zu wenig Platz für Fußgänger auf den mit Restaurantmöbeln zugestellten Bürgersteigen gibt es nun den Vorschlag, die Außengastronomie in Kreuzberg und Friedrichshain einzuschränken.
70 Prozent Verlust
In „Tourismusdistrikten“ sollen Tische und Stühle künftig nur noch direkt an der Hauswand, dem sogenannten „Oberstreifen“, platziert werden dürfen. Der Bereich am Fahrbahnrand soll frei bleiben. Für die Gastronomen dürfte das Folgen für das Geschäft haben. „Wer zahlt denn die 70 Prozent Verlust, die wir dann machen?“, fragt Dridi wütend. Kreuzberg und Friedrichshain würden von den Touristen leben, die hier die lauen Sommerabende genießen wollten. „Die kommen doch teilweise nur für diese Gegenden nach Berlin“, sagt Dridi. Natürlich sei an touristischen Orten mehr los als anderswo. Jeder, der hierher ziehe, müsse wissen, dass es nicht so ruhig sei wie in Steglitz.
Tatsächlich sind die Bars und Restaurants in Friedrichshain und Kreuzberg beliebte Lokalitäten, in denen Touristen bei Bier und Musik gerne lange Abende zusammen verbringen. Willy Weiland, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Berlin (Dehoga), hält deshalb auch nichts von dem Vorhaben der Verwaltung. „Wir wollen international sein, doch so vertreiben wir die Touristen nur“, sagt er. In Städten wie Paris sei die Außengastronomie ein Teil der Kultur und würde gefördert. „Dort ist das die pure Idylle und in Berlin schaffen wir es ab“, kritisiert Weiland.
Schon im letzten Monat sorgte Monika Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, mit dem Vorschlag für Aufsehen, einen Verhaltenskodex für Touristen herauszugeben. Der neueste Vorstoß betrifft die Gastronomen nun aber direkt. Für die Besitzerin des „avril“, Leyla Köprülügil, sind die Beschwerden aus der Nachbarschaft nicht neu: „Die Streitigkeiten um Außenbestuhlung gibt es schon seit 20 Jahren.“ Sie kümmere sich darum, dass es in ihrem Restaurant ab 22 Uhr leiser sei. Klagen gibt es trotzdem.
„Wenn man in eine hippe Gegend wie den Graefekiez zieht, soll man sich nicht beschweren, dass es ein wenig lauter ist als auf dem Land“, sagt die 46-Jährige. Sie selbst lebt ebenfalls im Kiez. Oft würde auch Lärm, den Musiker oder Bettler machten, den Restaurants und Bars zugeschrieben. Die Beschränkung der Außenbestuhlung würde auch Köprülügil treffen. Das Ordnungsamt, sagt sie, sei in diesen Dingen pingelig. „Manchmal muss man sich wegen 20 Zentimetern streiten.“
Keine Lösung in Sicht
Neben den Planungen, den Servicebereich auf der Straße zu beschränken, gibt es noch einen Vorschlag aus dem Rathaus. Der Blücherplatz soll zum zentralen Veranstaltungsort werden. Nach entsprechenden Umbaumaßnahmen könnte er in Zukunft öfter bespielt werden, da es dort weniger Wohnhäuser gibt. Weiland hält solche zusätzlichen Alternativen für möglich. Sie könnten Entlastung schaffen und den Lärmpegel an verschiedenen Stellen reduzieren. „Aber einfach die Tische vor den Gaststätten zu verbieten, führt dazu, dass die Touristen wegbleiben.“ Gästewunsch sei es einfach, im Sommer draußen zu sitzen. Für Hamdi Dridi vom „Cayetano“ ist die Vorstellung, weniger Gäste bedienen zu können, bedrohlich: „Dann müssen die Gastronomen hier reihenweise die Kellner rauswerfen“, prophezeit er.
Laut Aussage aus dem Bezirksamt soll niemand in die Insolvenz getrieben werden. Willy Weiland hält es dennoch für schwer vorstellbar, dass solche Regelungen ohne Folgen fürs Personal in Bars und Gaststätten bleiben. Die Situation ist verfahren. Wütende Nachbarn, die Ruhe suchen, stehen Gastronomen gegenüber, die um ihre Existenz fürchten. Die mehr als 1600 Beschwerden beim Ordnungsamt, die im Zeitraum von 2010 bis 2013 für die Bereiche Friedrichshain und Kreuzberg registriert wurden, zeugen von dem Interessenkonflikt. Eine gemeinsame Lösung ist derzeit nicht in Sicht. In einem Punkt ist sich Dridi sicher: „Ohne die große Außengastronomie ist es hier vorbei mit den Touristen.“




