Partytourismus

Wie Berlin mit touristischen „Brennpunkten“ umgehen will

„Kreuzkölln“ und die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain sind die Epizentren des Berliner Partytourismus. Viele Anwohner sind genervt. Auch die Tourismuswerber „Visit Berlin“ wollen jetzt reagieren.

Foto: imago/PEMAX

Im Dreiminutenrhythmus spuckt die U-Bahn am Schlesischen Tor die Menschen in den Kreuzberger Kiez. Meist jugendliche Berlinbesucher streben am Abend eines ganz normalen Wochentages zu den Bars und Clubs.

Kaum auszumachen, ob es sich bei den zehn- bis 40-köpfigen Pulks um echte Reisegruppen handelt oder ob sie nur alle zufällig ähnliches Alter, Outfit und Ziel haben. „Mann, sind hier viele Leute unterwegs“, entfährt es einem alteingesessenen Berliner, der lange nicht in diesem Teil der Stadt unterwegs war.

Selbst die Berliner Tourismuswerber sind aufgeschreckt: „Es entstehen an einigen Stellen Brennpunkte, die die Wohnbevölkerung nerven“, sagte „Visit Berlin“-Chef Burkhard Kieker: „Das können wir nachvollziehen.“

Epizentrum des Partytourismus

Hier, ungefähr auf halbem Weg zwischen Kreuzkölln und Simon-Dach-Straße auf der Friedrichshainer Seite jenseits der Oberbaumbrücke, bebt das Epizentrum des Berliner Partytourismus. Nur die Älteren erinnern sich, dass vor 15 Jahren das „Mysliwska“ die einzige Kneipe war auf der Meile und dass kürzlich in Seitengassen wie der Falckensteinstraße noch Tapetenläden die Nachbarschaft versorgten. Heute drängen sich dort die Tische der Inder, Italiener und Cocktailbars bis an die Straße heran.

Vielen Bewohnern von Friedrichshain-Kreuzberg ist der rasante, vom Tourismus getriebene Wandel nicht geheuer. Onlinemagazine formulieren Bedenken über die Auswüchse. Viele Besucher würden ihr Verhalten an das anpassen, was sie in Berlin sähen. „Deshalb pinkeln sie nachts in Hauseingänge oder kotzen auf die Warschauer Brücke. Macht man doch hier so, oder?“, schreibt Mario Münster im „Rosegarden“: „Nein, Jörg aus München, Pablo aus Sevilla und Wayne aus Manchester! Das machen wir hier nicht so.“

„Viele denken, das ist alles Disneyland“

Bezirksbürgermeister Monika Herrmann fühlt sich bisweilen wie eine Schauspielerin. „Viele denken ja, das ist alles Disneyland und wir Einheimischen sind nur Staffage“, sagte die Grünen-Politikerin und beklagte die Ideologie des „mehr, mehr, mehr“, die bisher in der Tourismuspolitik des Landes vorherrsche. Sie forderte einen sanften Städtetourismus in ihrem Bezirk.

Der ist auch nach der Statistik der Träger des Booms. Die Zahl der offiziell registrierten Übernachtungen ist in Friedrichshain-Kreuzberg in den ersten vier Monaten des Jahres mit fast elf Prozent doppelt so schnell gewachsen wie im Berliner Durchschnitt. Die Hotels und Hostels sind deutlich besser gebucht als in anderen Teilen der Stadt.

Im Senat hat man das Problem lange nicht zur Kenntnis genommen, obwohl schon vor zwei Jahren in der Innenstadt touristenfeindliche Aufkleber von einer latenten Missstimmung in den viel besuchten Kiezen kündeten. Vor zehn Monaten entschied das Bezirksamt, in Wohngebieten keine neuen Beherbergungsbetriebe mehr zuzulassen, wurde dafür aber von der Senatsverwaltung für Wirtschaft scharf kritisiert.

Projekte zur Akzeptanzförderung

Erst Ende März widmete sich der „Runde Tisch Tourismus“ dem Problem der „Akzeptanzförderung“. Die Tourismuswerber von „Visit Berlin“, eigentlich für das Außenmarketing zuständig, wurden angehalten, mit gezielten Projekten bei den Besuchern für ein weniger störendes Verhalten zu sorgen. Ein eigenes Budget für dieses Thema gibt es jedoch nicht. Die ersten konkreten Projekte sollen im Herbst vorgestellt werden.

Die Tourismusförderer sind durchaus offen für die Klagen aus den Stadtteilen, in denen sich Menschen vom Touristenstrom überrannt fühlen. Die Besucher kämen ja genau nach Berlin, um „Köpfe zu gucken“, sagte „Visit Berlin“-Chef Kieker. Sie wollten den „Geist der Stadt erkunden“. Das funktioniere dann nicht mehr, wenn sie nur noch andere Touristen sähen und keine Einheimischen, so Kieker. Mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg haben sie einen „Verhaltenskodex“ für die Besucher erarbeitet, der unter die Menschen gebracht wird und unter anderem dazu aufruft, nächtliches Geschrei zu unterlassen.

„Wir müssen die Leute sensibilisieren, dass dort auch Menschen leben“, sagte Kieker, der sich vergangene Woche mit seinen Mitarbeitern selbst ein Bild von der Partyzone rund um die Oberbaumbrücke gemacht hat. Er versteht auch das Ansinnen, in einer Straße, in der es schon zwei Hostels gibt, nicht noch ein drittes zuzulassen. Er forderte als einer der ersten, die privat vermieteten Ferienwohnungen einzudämmen.

Die Tourismuswerber versuchen auch, die Besucher in andere Bezirke zu locken. Die Broschüre „Kiez erleben“ weist unter anderem auf die Schönheiten Köpenicks und Spandaus hin. Mit Reiseführerautoren und Reisejournalisten sei man ebenfalls im Dialog. Schnelle Heilmittel für die Menschen in belasteten Stadtteilen gebe es aber nicht, sagte Kieker. Viele profitierten auch von dem Trend, Modeläden, Designshops und Gastronomen seien auf die Kunden von außerhalb angewiesen. „Berlin ist dabei, in den Normalzustand einer Weltstadt zurückzuschwingen.“

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