Stadentwicklung

Cuvry-Brache - Die Berliner und der Kampf um Freiraum

Mehr Brachflächen als Berlin hat kaum eine andere Stadt. Aber nirgendwo gibt es mehr Streit um die Nutzung. Jüngstes Beispiel: Die Cuvry-Brache in Kreuzberg.

Foto: Glanze

Das Ufer muss frei bleiben. Keine Hütten und Zelte direkt an der Spee, das ist so ziemlich das einzige Gesetz, das derzeit auf Berlins umstrittenster Brache gilt. In Kreuzberg, zwischen Cuvry- und Schlesischer Straße und Spree. 12.000 Quadratmeter bestes Bauland – eigentlich sind hier Wohnungen geplant, Büros, eine Kita und ein Supermarkt.

Stattdessen stehen seit zwei Jahren nur Zelte auf dem wüsten Gelände, das einst ein Bunker war. Und jetzt werden Holzhütten gebaut. Aus Sperrmüll. Das Hämmern und Sägen hinter dem bunten Bauzaun ist der Sommer-Sound an der Schlesischen Straße. Darüber hat jemand in bunten Farben an eine Brandwand gesprüht: "Cuvry bleibt!"

Vor dem Haupteingang an der Schlesischen Straße steht ein verschlissenes Sofa. Darauf sitzen ein paar junge Männer, sie sind gewissermaßen die Vorhut der Welt hinter dem Zaun. Vor ihnen versucht eine Gruppe Touristen, halb neugierig, halb verunsichert, durch den Zaun zu blicken. "Ey, euch brauchen wir nicht", nölt einer der Sofa-Sitzer, doch sein Nachbar unterbricht: "Doch klar, kommt rein." Öffentlichkeit ist wichtig, in diesen Tagen.

"Berlins Favela", so hat der "Tagesspiegel" im Frühjahr das Camp genannt, das seit zwei Jahren auf der Brache entsteht. Die Bewohner sind Aussteiger, Lebenskünstler, Junkies und immer mehr Roma-Familien aus Rumänien und Bulgarien. Erst kürzlich empörte sich die "taz" ungewöhnlich heftig über die Verhältnisse auf dem Platz. Seit vergangener Woche kursiert auf dem Gelände das Gerücht einer bevorstehenden Räumung.

Lebenskünstler, Schäfer und Touristen

Trotzdem herrscht weiter Aufbaustimmung, immer mehr Besucher und Bewohner strömen auf den Platz, der seine Gäste mit dem Versprechen der Berliner Freiheiten lockt, wie man sie auch von anderen besetzten Brachen und Gebäuden kennt – und die Besucher mit bestialischem Gestank empfängt. An drei Eingängen türmt sich der Müll. Dahinter fällt der Blick auf eine Brache im Stadium der Sekundärvegetation. Birken und Haselsträucher verdecken den Blick auf die Zelte und Holzhütten der ersten Generation aus dem vergangenen Jahr.

In der Mitte, entlang des Trampelpfads zur Spree, entsteht auf einer neuen Großbaustelle eine ganze "Häuserzeile". Aus Sperrholz, alten Türen und Fenstern zimmern Männer und Frauen kleine Häuschen, dazwischen spielen Kinder, die den Besuchern bettelnd die Hände hinhalten. Auf der anderen "Straßenseite" sitzen junge Menschen mit bunten Haaren an einem Grillfeuer zusammen, ein älterer Mann beugt sich über Bohnen- und Tomatenbeete. Irgendwo spielt leise Jazz-Musik.

Was, also, ist das hier? Elendsquartier, soziales Experiment – oder doch ein politisches Manifest, wie es manche wollen? "Free Cuvry", so hatten linke Gruppen das Feld getauft, im Frühjahr 2012, als sie mit Protesten und Drohungen das "Guggenheim Lab" aus Kreuzberg vertrieben. Die Aktion des Guggenheim Museum in New York sollte in einem mobilen Container der Brache die Entwicklung von Großstädten erörtern. Doch das Labor geriet selbst unter Gentrifizierungsverdacht und zog nach der Drohungen weiter nach Prenzlauer Berg. Ein Jahr später brüllten Teilnehmer einer Anwohnerversammlung den Eigentümer der Brache nieder, der eine sozial verträglichere Bebauungsvariante vorstellen wollte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen den Fronten.

Sanierte Industriepaläste und Luxuslofts

Auf dem Platz blieben ein paar Lebenskünstler zurück, ein Schäfer und Touristen, die das Wort "Mediaspree" nie gehört hatten. Jenen Begriff, der in Kreuzberg seit den 90er-Jahren als Synonym gilt für die verhasste Aufwertung des ehemaligen Grenzgebiets diesseits und jenseits der Spree. Heute fällt der Blick von der Cuvry-Brache auf sanierte Industriepaläste und Luxuslofts in freischwebenden Würfeln über den Dächern. Wenn abends die Sonne hinter der Oberbaumbrücke versinkt, stehen Touristen und Brachenbewohner gemeinsam am Ufer, um das Schauspiel zu bewundern. Entlang der Spree liegen Clubs und Wasserterrassen. Viele Brachenbesucher genießen den Kontrast.

Auch Chiara Ciccarello kennt das seit einem Jahr. Die 28-Jährige Italienerin ist Architektin, sie hat in Catania studiert – und ihr erstes eigenes Haus auf der Cuvry-Brache gebaut. Errichtet hat sie es mit ihrem Freund, dem Künstler Yukihiro Taguchi. Das Paar gehörte zu den ersten Besiedlern der Brache, den Pionieren, wenn man so will. Am 1. März 2013, erinnern sich die beiden, lag noch Schnee, als sie ihr Zelt hier aufschlugen. "Ich hatte beschlossen, nicht weiter nach einem Job und einer bezahlbaren Wohnung zu suchen", sagt Chiara, "sondern mir selbst ein Haus zu bauen, schließlich bin ich Architektin". So gingen sie Sperrmüll sammeln, sie entwarf und er baute. Yuki kann gut mit Baumaterialien umgehen.

Das kleine Haus ist seitdem gewachsen. Es besteht inzwischen aus einem Schlaf- und Wohnraum mit angeschlossener Küche samt Spüle und Gaskocher. Eine Feuerstelle aus Steinen ist draußen eingebettet in eine hölzerne Terrasse samt Sitzbänken aus alten Holzbohlen und Möbelteilen. Hier sitzen sie oft mit den Nachbarn, feiern und reden. Hinterm Haus gedeihen Sonnenblumen, Klatschmohn und Gemüse in Beeten. Eine kleine, heile Welt, über die Chiara in einem Blog im Internet regelmäßig berichtet. Über den Bau, die Abende, die Nachbarn – und ihre Kunstprojekte.

Im Mai errichteten Chiara und Yuki vor dem Theater "Hebbel am Ufer" eine offene Küche aus gebrauchtem Material – ganz ähnlich wie auf der Brache. Die Theatermacher bemühten für die Aktion das etwas sperrige Wort "soziale Plastik". Auf den Sperrmüll-Bänken wurde über den Atomunfall von Fukushima gesprochen und auch über die Cuvry-Brache. Das Motto lautete "confronting comfort". Was braucht ein (Stadt)-Mensch zum Überleben? Chiara hat ihren Brachen-Blog "discuvry" getauft, ein Spiel mit dem englischen Verb "to discover" : "entdecken". Für sie sei das Leben auf der Brache ein Experiment, mit schönen und weniger schönen Seiten, sagen die Architektin und der Künstler.

Auf der Suche

Neben sozialen "Entdeckern" wie Chiara und Yuki gibt es auf dem Platz viele, die auf der Suche sind. Nach Abenteuern, neuen neuen Freunden, nach sich selbst. Candy Borrmann hat vor gut einer Woche sein Magister-Studium in Indischer Kunstwissenschaft abgeschlossen, er ist 44 Jahre alt. Nun sitzt er an seinem provisorischen Schreibtisch in seinem "Haus" aus Plastikfolie und Bauzaun und denkt über sein Leben nach. "Vielleicht gehe ich nach London oder ich arbeite für die Politik." Doch erst mal will er den Sommer auf der Brache verbringen. Unter den Nachbarn sei eine spanische Philologin, ein kanadischer Tischler, die italienische Bildhauerin, "man kann interessante Gespräche führen".

Dass andere Mitbewohner harte Drogen nehmen, dass in den russischen und polnischen Ecken extrem viel getrunken wird, dass viele Hütten inzwischen Vorhängeschlösser haben wegen der Diebstähle, stört Borrmann nicht. Auch nicht, dass es bereits mindestens einen Toten auf dem Gelände gab, dass ein Bewohner vor einem Jahr das Zelt eines anderen anzündete, die Polizei immer wieder wegen Lärm und Lagerfeuern anrückt. "Ich bin um die ganze Welt gereist, ich habe viel elendere Umstände erlebt", sagt Borrmann gelassen.

Ähnlich sehen es viele auf dem Platz. Trommler Andreas zum Beispiel, der nachmittags in der Sonne ein Buch aus der Bibliothek liest, einen alten Roman aus der DDR. Neben ihm sitzen Phila und Pierre, 20 und 22 Jahre alt und rühmen die Freiheiten der Brache: "Hier gibt es keine Gesetze". Sie freuen sich auf ein Theaterstück, das Ende Juli auf dem Gelände stattfinden soll. Die Theatermacherin Dominique Wolf plant ein sozialkritisches Stück, das in den Hütten spielt, während die Bewohner an einer langen Tafel bewirtet werden. Seit Wochen schon kommt sie regelmäßig, um die Aktion vorzubereiten. Phila und Pierre sind begeistert. "Frau Wolf spricht mit uns und hört zu", sagen die beiden. Es klingt ein bisschen wie: endlich tut das mal jemand.

Während die Jungs reden, kommen zwei junge Leute dazu, die interessiert zuhören. Sie seien Ethnologie-Studenten bei der Feldforschung, stellen sie sich vor. In Interviews wollen herausfinden, welche Vorstellungen die Bewohner von dem Leben hier haben "und ob man tatsächlich von einer Gemeinschaft sprechen kann". Auch die Jungforscher sind Pioniere. Vor ihnen hat diese Fragen niemand gestellt.

Überhaupt, so sieht es aus, wurden wenig Fragen gestellt in den letzten Jahren. Vielleicht, weil im Fokus das Flüchtlingscamp Camp auf dem Oranienplatz stand, die besetzte Gerhard-Hauptmann-Schule, die Drogenszene im Görlitzer Park. Vielleicht, weil man meinte, das Problem würde sich durch einen Baubeginn von selbst erledigen. Doch das Verfahren zum vorgezogenen Bebauungsplan wird noch mindestens ein Jahr brauchen. Viele haben wohl auch geglaubt, das Kreuzberger Bezirksamt würde für Toiletten und Müllabfuhr sorgen, ähnlich wie am Oranienplatz, und überhaupt für ein menschenwürdiges Leben.

"Niemand erklärt uns, wie wir Arbeit und eine Wohnung finden", sagt ein bulgarisches Ehepaar, das mit seinen Kindern gerade auf die Brache gezogen ist. 13 und 17 Jahre sind die Kinder alt, sagen die beiden. "Wir würden sie gern in die Schule schicken, aber auf dem Amt haben sie uns einfach weggeschickt." Nun bauen sie eine Hütte auf dem Gelände. "Was sollen wir tun? In Bulgarien bekommen Leute wie wir keine Arbeit. Wir hoffen, dass wir Arbeit finden und man uns hilft."

Soziales Experiment, hygienisches Desaster

Architektin Chiara Ciccarella und Künstler Yuki sagen: Etwas mehr Organisation auf der Brache fänden sie inzwischen ganz gut. Etwa 100 bis 150 Menschen leben mittlerweile hier, "es kommen jede Woche mehr." Für alle zusammen gibt es eine Plastiktoilette, unter die sie eine Grube gegraben haben, damit sie nicht überläuft. Andere verrichten ihre Geschäft in den Büschen oder in Erdlöchern nahe am Ufer. Wasser kommt von einer öffentlichen Pumpe, gekocht wird auf offener Flamme. Müll, der am Straßenrand liegt, wird einmal die Woche abgeholt. Um die herrenlosen Müllberge auf dem Gelände kümmert sich niemand. Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird aus dem sozialen Experiment ein hygienisches Desaster. Das ist offensichtlich.

Doch wer soll den Anfang machen? Das Bezirksamt reagiert nicht auf Anfragen, was die Zustände betrifft. Die Senatsentwicklungsverwaltung führt zwar das Bebauungsplanverfahren wegen der "außergewöhnlichen stadtpolitischen Bedeutung". Doch darunter fallen offenbar weder Müll noch Klos, noch die Betreuung von Zuwanderern. Die Polizei teilt mit, man prüfe auf Bitten des Eigentümers "geeignete Maßnahmen". Außerdem bietet sie den Anwohnern per Aushang Beratung in Sachen Wohnungseinbrüche an .

Doch vielen ist das nicht genug. Johannes Rahm, 35, ist Arzt. Er lebt seit 2010 an der Cuvrystraße und schon viel länger im Kiez. Im vergangenen Jahr wurde seine Tochter geboren. Aus seinem Fenster kann Rahm beobachten, wie das neue "Viertel" auf der Brache gegenüber wächst. Bisher, sagt er, habe ihm das bunte Leben auf der Brache gefallen, von der er findet, sie müsse erhalten bleiben. "So etwas gehört in Kreuzberg einfach dazu".

Auch Rahm hat eine persönliche Verbindung zu dem Ort. Vor zwei Jahren pflanzten Freunde ihm und seiner Frau zur Hochzeit eine Rose in die damalige Wildnis. Doch inzwischen belästigt Lärm und Gewalt auch ihn und seine Familie. Dreimal ist ihr Auto beschädigt worden, "und nachts ist es so laut, dass wir nur hinten schlafen können". Die ersten Nachbarn sind schon weggezogen, sagt Rahm. Eine Familie mit Kindern. "Es wird Zeit, dass sich etwas ändert."

Dass es so nicht weitergehen könne, sagen selbst viele Brachen-Bewohner. "Der Eigentümer hat ja einen Anspruch auf das Gelände", findet außerdem Architektin Chiara und Künstler Yuki. Die Forderung, dass die Brache "verteidigt" und frei bleiben soll, haben sie nicht gehört. Wenn das Gelände geräumt wird, sagen die beiden, haben sie nur einen Wunsch: "Wir möchten es rechtzeitig wissen, um unser Haus abzubauen."

Vor einer Woche nämlich, sagt Yuki, sei die Kuratorin eines Museums in Japan dagewesen. Sie hatte sich das kleine Holzhaus genau angeschaut und dann ein Angebot gemacht. Sie würde den Bungalow gerne ankaufen – um ihn dann im Museum originalgetreu wieder aufzubauen. Mutmaßlich deswegen, weil er so typisch ist für Berlin.

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