Schöner kann man im Zentrum einer Metropole kaum wohnen. Links leuchten die roten Backsteine der Oberbaumbrücke, rechts schweift der Blick über das Wasser der Spree. Wer am Kreuzberger Flussufer im Zentrum Berlins lebt, hat entweder Geld oder Glück gehabt – oder sein kleines Zelt auf der Cuvry-Brache aufgeschlagen, wie der 37-jährige Martin, der mit Rasta-Locken und nacktem Oberkörper im Sand sitzt und die Wärme genießt.

„Ich bin gern draußen, hier sind gute Leute und keiner macht uns Stress“, sagt er, lächelt und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Später bringt ihm ein Zeltnachbar einen Joint und ein Flaschenbier dazu. Auf dem unbebauten Gelände, das größer ist als ein Fußballfeld, leben seit fast zwei Jahren Aussteiger, Obdachlose und Roma-Familien in Hütten und Zelten, zusammen etwa 100 Menschen.

Vor knapp zwei Jahren standen dort nur wenige Zelte, dann Hütten aus Sperrholzbrettern. Flüchtlinge tauchten auf und zogen wieder weg. Roma-Familien blieben. Viele Bewohner bauten sich nach und nach kleine Häuschen mit Ofenrohren, Fenstern und Vorgärten. „Villa Desaster“ steht über einem Eingang.

Zwischen „Freiraum“ und „Favela“

Manche Medien wollen hier Deutschlands erste „Favela“ entdeckt haben, eine Art brasilianischer Slum auf Kreuzberger Boden. Die alternativen Bewohner sprechen lieber von ihrem „Freiraum“. An der Infobude steht das Motto angeschlagen: „Auf die Cuvry kann jeder kommen und frei leben, ohne zu fragen und ohne vorgegebene Regeln. Das ist wunderschön und führt natürlich auch zu Problemen.“

Probleme zum Beispiel für die Roma-Kinder. Ihre Familien wohnen in einer Reihe von Bretterbuden. Frauen und Kinder strecken beim Anblick von Besuchern ihre Hände aus und rufen „Bitte“ und „Danke“.

Schulbesuch, Sauberkeit, Hygiene und medizinische Vorsorge für Kinder und Babys setzen weder Jugendamt noch Gesundheitsamt des grün-regierten Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg durch.

Viele Nachbarn sind genervt

Viele Nachbarn in den umliegenden Häusern sind von der ganzen Situation genervt: von Dreck, Gestank, Musik und nächtlichem Lärm an den Lagerfeuern. Die Polizei greift nur ein, wenn es wieder Streit zwischen den Bewohnergruppen wegen Diebstählen gibt.

Das könnte sich bald ändern. Auf einem Zettel am Zaun wird gewarnt: „Räumungsgefahr. Höchstwahrscheinlich Dienstag 8.7. ca. 6.00 Uhr.“ Aus dem damaligen Fehlalarm könnte noch Wirklichkeit werden. „Es gibt ein Räumungsersuchen des Besitzers“, sagt Polizeisprecher Klaus Schubert. „Das wird geprüft. Es gibt noch rechtliche Fragen zu klären.“ Eine unmittelbare Räumung stehe nicht bevor.

Die Aufmerksamkeit durch die Schauspielerin und Regisseurin Dominique Wolf könnte den Bewohnern der „Favela“ eher nutzen. Die Künstlerin kündigte ein Cuvry-Theaterstück mit dem Titel „Wolfsfriede“ an. Am Sonnabendabend soll es in oder vor verschiedenen Hütten spielen.

dpa