Wrangel-Kiez

Anwohner wollen Camp an Kreuzberger Cuvrystraße loswerden

Ursprünglich sollte auf dem Gelände an der Cuvrystraße das BMW Guggenheim Lab stehen. Nun liegt die Fläche brach - und zieht Aussteiger und Obdachlose an. Viele Anwohner fühlen sich dadurch gestört.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER / Jörg Krauthöfer

Berlin-Kreuzberg, ein Bretterzaun am Ende der Cuvrystraße. Auf den ersten Blick scheint sich dahinter ein weiteres Appartement-Bauprojekt in bester Spreelage zu verbergen. Doch anstelle einer Baugrube befinden sich auf dem Grundstück selbstgebaute Zelte aus alten Planen, dazwischen stehen ein paar alte Möbelstücke herum. Auf der Brachfläche direkt am Ufer sollte vor rund einem Jahr temporär das BMW Guggenheim Lab errichtet, in Workshops und anderen Veranstaltungen über die Zukunft urbanen Lebens nachgedacht werden.

Nach massiven Protesten von Anwohnern und der linken Szene gegen das Projekt und der befürchteten zunehmenden Gentrifizierung des Stadtteils, gab die Guggenheim Stiftung den Standort auf und zog nach Prenzlauer Berg. Protest-Aktivisten errichteten damals ein Camp auf dem Gelände. Das Camp blieb – doch die Menschen an der Cuvrystraße gerieten aus der Sicht der Öffentlichkeit.

Das Gelände an einem Sommertag Mitte Juli. Es herrscht träge Mittagsruhe. Einige der Zelte liegen verlassen in der Sonne. Vor anderen sitzen kleine Gruppen, trinken Bier oder machen Musik. Ein Mann stolpert Richtung Ausgang – offensichtlich unter Drogeneinfluss. Es riecht nach Fäkalien und Müll.

Obdachlose und Alkoholprobleme statt Protestlern

Am Eingang zum Gelände klebt ein älterer Mann Zettel an den Zaun, auf denen er die Nachbarschaft zu einer Diskussionsrunde über die Nutzung der Brache einlädt. „Die Menschen hier sind ganz arm dran, aber so kann das nicht weiter gehen. Es gibt Drogen- und Alkoholprobleme, überall liegt Dreck rum, und es tummeln sich die Ratten“, sagt ein Anwohner, der anonym bleiben will.

Der Rentner lebt seit 30 Jahren in der Cuvrystraße. Doch trotz jahrzehntelanger Kreuzberg-Erfahrung stört ihn die Entwicklung des Areals. „Das Lab war meiner Meinung nach eine gute Idee. Ich konnte aber auch die Proteste dagegen nachvollziehen. Doch von den Protestlern ist keiner mehr hier. Nur noch Obdachlose“, sagt er.

Ihm ist wichtig, dass das Gelände sinnvoll genutzt wird: Für Wohnungen, möglichst nicht zu teure. „Vor allem sollten die Anwohner mit in die Planung einbezogen werden“, sagt der Mann. Ein weiterer Anwohner kommt dazu. Auch er lebt „seit Jahrzehnten“ an der Cuvrystraße. Er schlägt einen härteren Ton gegen das Camp an.

Neue Stimmung im Kiez gegen kritische Äußerungen

„Ich verstehe nicht, warum der Bezirk nicht endlich mal was dagegen macht. Ich kann nachts nicht mehr bei offenem Fenster schlafen, weil die ständig Feuer mit Holz machen, das sie irgendwo finden“, sagt er. Auch er möchte seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Das ist eine neue Stimmung im Kiez: Man befürchtet Ärger, wenn man sich kritisch äußert.

Der Wunsch, das Bezirksamt möge doch bitte tätig werden, wird wohl nicht erfüllt werden. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) verweist auf die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, der das Grundstück in den 90er-Jahren planerisch zugeteilt worden sei. „Zudem ist das Areal Privatgelände, der Eigentümer muss einen Weg finden, wie er dort mit den Bewohnern umgehen will“, sagt Schulz.

Auch die Senatsverwaltung verweist auf den Eigentümer. Seit zwei Jahren gehört das Grundstück der Nieto GmbH mit Sitz in München. Derzeit wird ein neuer Bebauungsplan angestrebt. Auf einer Fläche von 33.000 Quadratmetern sollen Wohnungen und Gewerberäume entstehen. Das Verfahren soll in anderthalb Jahren abgeschlossen sein.

Zwischennutzung der Fläche nicht geplant

Wann mit dem Bau selbst begonnen werden kann, ist noch nicht absehbar. „Wir haben Beschwerden von Anwohnern bekommen, dass die Brache verwahrlost. Wirklich etwas dagegen tun können wir aber nicht“, sagt Daniel Mamrud, Sprecher von Nieto. Eine Räumung der Brache sei seiner Einschätzung nach nicht erfolgsversprechend.

„Die Polizei fährt in Berlin eine Deeskalationslinie. Es wird erst geräumt, wenn mit dem Bau begonnen wird“, sagt Mamrud. Ernsthaft zu stören scheint es den Eigentümer nicht. Weitere Maßnahmen oder eine Zwischennutzung der Fläche sind erst einmal nicht geplant.

Die Anwohner sollten beim Bau auf jeden Fall mit einbezogen werden, sagt Mamrud, etwa bei der Planung des Grünstreifens, der am Ufer entstehen soll. Derzeit ist die Uferseite des Grundstücks ungesichert. Eine Absicherung des Geländes hat das Unternehmen ebenfalls bislang nicht vorgesehen.

„Endlich ist mal wieder was los hier“

Aber Kreuzberg wäre nicht Kreuzberg, wenn das Camp nicht auch Befürworter hätte. „Ich finde solche Sachen gehören einfach dazu. Endlich ist mal wieder was los hier“, sagt zum Beispiel Sebastian Kölling. Der 34-jährige Nachbar geht selbst ab und zu auf das Gelände, um sich dort mit Bewohnern zu unterhalten. „Es gab hier schon viele Touristengruppen, die Müll gemacht haben und laut waren. Das Camp finde ich dagegen ruhiger“, sagt er.

Läuft man die Cuvrystraße weiter Richtung Görlitzer Park, sieht man die Kreuzberger Mischung wie im Fokus. Vor einem Supermarkt Ecke Wrangelstraße sitzen ein paar Männer auf den Bänken und trinken nicht ihr erstes Bier des noch frühen Tages. Ein Mann aus dem Camp torkelt barfuß und mit nacktem Oberkörper auf die Gruppe zu – man kennt sich.

Wenige Meter weiter Bioladenidyll. Ein Vater sitzt mit seinen beiden Kindern bei glutenfreien Backwaren vor einem Café. Auf dem Spielplatz rutscht der fünfjährige Ben eifrig die Rutsche herunter. Seine Eltern haben den Problemen in der Nachbarschaft bisher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Aussteigerstimmung ohne Dusche und Toilette

„Wir kennen die Gegend schon lange und fühlen uns hier sehr wohl – auch mit Kind,“ sagt Jens Könecke. Er hätte das Guggenheim Lab auf der Brache befürwortet. „So langsam sollte man das Grundstück sinnvoll nutzen“, sagt er.

Zurück im Camp. Zehn Menschen haben sich zu einem Sitzkreis zusammengefunden. Töpfe werden zu Trommeln umfunktioniert. Es herrscht Aussteigerstimmung. Wie ist es ohne Dusche und Toilette zu leben? „Jeder macht hier sein eigenes Ding. Ich gehe immer zu einem Kumpel“, sagt Thomas. Eigentlich ist er Koch, aber seit 15 Tagen lebt er in dem Camp.

Auf die Frage hin ob er eine Mission verfolgt, antwortet er leicht gereizt. „Ich will, dass die Fläche frei bleibt und nicht wieder irgendein Einkaufszentrum oder Parkhaus hier hin kommt“, sagt er. Zumindest für die nächste Zeit muss er sich dahingehend keine Sorgen machen. Gerade dieser Stillstand im Status quo, dürfte diejenigen Anwohner, die sich von dem Camp gestört fühlen, besonders aufregen.

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