Der Bau der U-Bahnlinie 5 liegt zwei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan, der Bau der Straßenbahn zum Hauptbahnhof bereits mehr als sechs Jahre, vom neuen Berliner Großflughafen BER ganz zu schweigen. Dass es auch anders geht, haben zuletzt die Bauarbeiten an der Autobahn 115 (Avus) gezeigt, die ein Jahr früher als geplant beendet wurden. Diesem Beispiel wollen nun offenbar die Berliner Wasserbetriebe (BWB) folgen.
Sie sind verantwortlich für die halbseitige Sperrung der Oberbaumbrücke im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, die seit August 2012 – ähnlich wie die Baustellen für Tram und U-Bahn – täglich Tausende Autofahrer in Rage bringt.
Am Dienstag machte BWB-Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump den Staugeplagten aber Hoffnung. Voraussichtlich könnten die Arbeiten an einem neuen Regenwasserkanal unter der Oberbaumbrücke früher als geplant abgeschlossen werden, sagte sie. Auf einen konkreten Termin wollte sich die Sprecherin zwar noch nicht festlegen, doch statt Mitte Mai 2013 – wie geplant – können die Autos bestenfalls wohl schon Wochen früher wieder ungehindert über die wichtige Brückenverbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg rollen.
Sichtbares Zeichen dafür, dass mit Hochdruck gearbeitet wird, ist ein großes Zelt auf der Friedrichshainer Brückenseite. Unter der Plane klafft die mächtige Baugrube, fünf Meter tief geht es in den Untergrund. Vor Regen und Frost geschützt, wird emsig gearbeitet. Wetterbedingte Verzögerungen soll es nicht geben, egal wie streng oder nass der Berliner Winter ausfällt. Aktuell erleichtere der Wetterschutz etwa die Betonarbeiten für die Verschalung des Kanals, sagen die Fachleute der Wasserbetriebe.
Das allein würde aber wohl nicht ausreichen, um schneller als geplant fertig zu werden. Deshalb wird nach einer Vereinbarung der BWB mit der ausführenden Baufirma jetzt täglich auch länger auf der Baustelle gearbeitet. Statt zuvor von 8 bis 16 Uhr buddeln die Arbeiter nun von 8 bis 20 Uhr am Ufer der Spree.
Fast täglich lange Staus beiderseits der Spree
Seit Anfang August wird an dem Kanal unter der Brücke gebaut. Leidtragende sind vor allem die Autofahrer. Weil die Baugrube so groß ist, musste die Oberbaumbrücke seit dem Sommer halbseitig gesperrt werden. Nur in Richtung Friedrichshain kann der Verkehr seitdem noch fließen. In der Gegenrichtung müssen Autofahrer eine lange Umleitungsroute über die Schillingbrücke oder die ohnehin oft von Staus belastete Elsenbrücke wählen. Fast täglich bilden sich an den dicht befahrenen Verkehrsknoten beiderseits der Spree lange Autoschlangen. Zusätzlich verschärft wird die Situation bisweilen, wenn in der benachbarten O2 World Großveranstaltungen Tausende Zuschauer anziehen. Die Arena hat je Veranstaltung bis zu 17.000 Plätze, und längst nicht alle Besucher folgen der Empfehlung, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Chaos am Nordende der Oberbaumbrücke herrschte zuletzt etwa am vergangenen Sonntag, als die Basketballer von Alba Berlin im Spitzenspiel auf Bayern München trafen.
Was die Autofahrer ärgert, soll nachhaltig die Wasserqualität der Spree verbessern. Noch schwappt – vor allem nach starken Regenfällen – regelmäßig unverdünntes Schmutzwasser in den Fluss. Der 1,5 Millionen Euro teure Neubau an der Oberbaumbrücke soll das verhindern. Dort endet der Regenwasserkanal vom Abwasserpumpwerk am Rudolfplatz – bislang ohne Möglichkeit, ihn zu schließen. Der Kanal dient als Zwischenspeicher für bis zu 4200 Kubikmeter Schmutzwasser. Läuft er nach Wolkenbrüchen über, landet die mit Regen verdünnte Dreckbrühe bisher in der Spree. Das führt nicht nur zu lästigem Gestank, das Schmutzwasser fördert auch das Algenwachstum im Fluss und führt damit zu Sauerstoffmangel – in letzter Konsequenz sterben die Fische in der Spree.
Dreckwasser in der Spree wird halbiert
In den neuen Kanal bauen die BWB nun eine Sperrvorrichtung mit sogenannten Dammbalken ein. Damit soll der jährliche Überlauf von Mischwasser aus der Kanalisation an dieser Stelle mehr als halbiert werden, versprechen die Wasserbetriebe. Ein weiterer Vorteil für das Unternehmen: Durch das Sperrwerk lässt sich der Kanal, der bis zu drei Meter unterhalb der Flussoberfläche in die Spree mündet, künftig bei Bedarf auch komplett leer pumpen, etwa für Kontroll- und Wartungsarbeiten. „Die Dammbalken dienen so quasi als riesige Revisionsklappe“, sagte BWB-Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump am Dienstag.
Jährlich gibt es in Berlin statistisch etwa 20 bis 30 schwere Wolkenbrüche. So landen derzeit durchschnittlich noch etwa sieben Millionen Kubikmeter des verschmutzten Mischwassers pro Jahr ungeklärt in den Flüssen. Bis 2020 soll sich die Menge halbieren, so haben Wasserbetriebe und Senat vereinbart. Bislang haben die Wasserbetriebe nach eigenen Angaben dafür mit dem Bau von Wehren und unterirdischen Rückhaltebecken bereits 220.000 Kubikmeter Staukapazität geschaffen. Insgesamt 306.000 Kubikmeter Speicher sollen es laut der Vereinbarung werden.
Größtes Vorhaben der Wasserbetriebe entsteht in der Chausseestraße
Das Nadelöhr an der Oberbaumbrücke ist deshalb nur der Auftakt für eine ganze Reihe von Bauarbeiten, die die Wasserbetriebe in den kommenden vier Jahren planen und die ebenfalls teilweise zu erheblichen Einschränkungen für den Autoverkehr in der Innenstadt führen werden. Nach BWB-Angaben ist etwa in Charlottenburg-Wilmersdorf gleich an drei Stellen der Einbau von Stauvorrichtungen geplant: Unter der Kant- Ecke Fasanenstraße, der Kaiser-Friedrich-Straße und der Sophie-Charlotte-Straße sollen Speicher für bis zu 13.000 Kubikmeter Abwasser geschaffen werden. Am Mauerpark in Mitte soll eine unterirdische Kanalröhre allein 7000 Kubikmeter fassen.
Das größte Vorhaben ist jedoch hinter der neuen Zentrale für den Bundesnachrichtendienst an der Chausseestraße in Mitte geplant: Voraussichtlich im Frühjahr 2014 soll dort mit dem Bau eines 17.000 Kubikmeter fassenden Speichers begonnen werden. Über dem unterirdischen Auffangbecken soll anschließend ein Spielplatz entstehen




