Nächste Staufalle

Berliner Oberbaumbrücke wird fast ein Jahr gesperrt

Weil Abwasserkanäle saniert werden, wird die Brücke für mindestens zehn Monate teilweise gesperrt. Staus scheinen vorprogrammiert.

Foto: Massimo Rodari

Den seit Monaten staugeplagten Berliner Autofahrern droht eine weitere Großbaustelle. Weil die Wasserbetriebe Abwasserkanäle sanieren müssen, wird von Montag an die Oberbaumbrücke für mindestens zehn Monate in einer Fahrtrichtung gesperrt. Betroffen von der Sperrung ist eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen der Stadt, die täglich von Zehntausenden Autofahrern genutzt wird. Wer von Friedrichshain in Richtung Kreuzberg fahren will, muss Ausweichrouten über die Schillingbrücke und die schon jetzt häufig zugestaute Elsenbrücke wählen. Verkehrsexperten erwarten für den Bereich erhebliche Beeinträchtigungen. Sie empfehlen ein weiträumiges Umfahren des Gebiets.

02 World rechnet mit keinen größeren Problemen

Für viele Autofahrer wird das allerdings gar nicht möglich sein. Schwierigkeiten könnten vor allem Besucher von Veranstaltungen in der nahen O2 World an der Mühlenstraße bekommen. Rund 130 Sport- und Musikevents finden jedes Jahr in der Arena statt. „Wir wurden Ende Mai über die geplante Sperrung informiert“, sagte Sprecher Moritz Hillebrand. Da viele Veranstaltungen in der bis zu 17.000 Besucher fassenden Halle erst am späten Abend endeten, rechnet Hillebrand mit keinen größeren Problemen.

Wann genau die Oberbaumbrücke halbseitig gesperrt wird, war am Mittwoch nicht zu erfahren. Hintergrund ist ein langer Streit zwischen den Berliner Wasserbetrieben und der Verkehrslenkung Berlin (VLB). Wegen der Auswirkungen auf den Straßenverkehr hatte die VLB zusätzliche Anforderungen an das Verkehrskonzept gestellt. Dabei ging es etwa um Änderungen an den Ampelschaltungen, die den Verkehrsfluss an der Schillingbrücke und an der Elsenbrücke steuern. Zudem hatten Vertreter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vor erheblichen Problemen gewarnt. Sie befürchten, dass die Busse der Linien 140 und 147, die über die Schillingbrücke fahren, bei zusätzlicher Belastung durch den Umleitungsverkehr nicht mehr vorankommen.

Baustelle bis Mai 2013

Inzwischen seien alle Forderungen erfüllt, sagte Daniela Augenstein von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die VLB hat demnach eine Sperrung von zwei in Richtung Kreuzberg führenden Fahrspuren auf der Oberbaumbrücke für die Zeit vom 6. August 2012 bis 17. Mai 2013 genehmigt. Ob die Brücke tatsächlich schon am Montag gesperrt ist, hänge allerdings von der bauausführenden Firma ab. Hinweisschilder, die auf die Sperrung hinweisen, sind bereits enthüllt.

Für Ärger sorgt auch der erneut lange Zeitraum, für den eine wichtige Verkehrsader in der Stadt verstopft werden soll. „Dies ist eine ziemlich große Baustelle, die einfach ihre Zeit braucht“, sagte Astrid Hackenesch-Rump, Sprecherin der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Die Arbeiten sollten eigentlich bereits im März beginnen. Damals waren dafür sogar 13 Monate veranschlagt.

Sperrwerk verhindert Überlaufen von Schmutzwasser

Konkret geht es bei dem 1,5 Millionen Euro teuren Bauwerk unter der Oberbaumbrücke auf Friedrichshainer Seite um eine Sperrvorrichtung für den alten Regenüberlaufkanal, der vom Abwasserpumpwerk an der Rudolfstraße bis in die Spree führt. Der Kanal dient bei starken Niederschlägen als Zwischenspeicher für 4200 Kubikmeter mit Regen verdünntem Schmutzwasser. Durch das neue Sperrwerk soll verhindert werden, dass die Dreckbrühe in die Spree überlaufen kann. „Damit werden an dieser Stelle die Überläufe aus der Kanalisation mehr als halbiert“, so BWB-Sprecher Stephan Natz.

Auf Grund der Lage des Kanals unter der Brücke und der Größe des zu errichtenden Bauwerks (sechs Meter breit, zehn Meter lang und fünf Meter tief) lasse sich die halbseitige Sperrung der Oberbaumbrücke nicht vermeiden. Das Sperrwerk an der Oberbaumbrücke ist Teil des zwischen den Wasserbetrieben und dem Berliner Senat verabredeten Vorhabens, bis 2020 insgesamt rund 306.000 Kubikmeter Zwischenspeicher für Abwässer zu schaffen. Wenige Meter weiter stromaufwärts am Osthafen dient die Versuchsanlage „Spree 2011“ demselben Zweck.

Denn jedes Jahr schwappen bei Wolkenbrüchen – und davon gibt es im Jahresdurchschnitt 20 bis 30 – rund sieben Millionen Kubikmeter Mischwasser ungeklärt in die Berliner Flüsse. Die stinkende Brühe ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sie führt auch zu rasantem Algenwachstum, Sauerstoffmangel und schließlich zum Fischsterben. „Aktuell haben wir durch den Bau neuer Wehre und unterirdischer Rückhaltebecken schon 222.000 Kubikmeter Stauraum geschaffen“, sagte Natz. Damit komme man dem Ziel, bis 2020 die Schmutzwasser-Überläufe auf rund 3,5 Millionen Kubikmeter zu halbieren, einen großen Schritt näher.

Projekte auch in anderen Bezirken

Nicht nur an der Oberbaumbrücke, sondern nahezu in der gesamten Innenstadt werden die Berliner in den kommenden vier Jahren auf die Baustellen der Wasserbetriebe stoßen: Nach Angaben des BWB-Sprechers ist etwa in Charlottenburg-Wilmersdorf gleich an drei Stellen der Einbau von Stauvorrichtungen geplant: Unter der Kant-, Ecke Fasanenstraße, der Kaiser-Friedrich-Straße und der Sophie-Charlotte-Straße sollen Speicher für bis zu 13.000 Kubikmeter Abwasser geschaffen werden. Am Mauerpark in Mitte soll eine unterirdische Kanalröhre allein 7000 Kubikmeter fassen. Das größte Vorhaben ist jedoch hinter der neuen Zentrale für den Bundesnachrichtendienst an der Chausseestraße geplant: Ab dem Frühjahr 2014 soll dort mit dem Bau eines 17.000 Kubikmeter fassenden Speichers begonnen werden. Über dem unterirdischen Auffangbecken soll anschließend ein Spielplatz entstehen.