In Charlottenburg wird in diesem Monat ein Jubiläum gefeiert: Das „Charlottchen“ wurde vor 35 Jahren ursprünglich als Kinder-Restaurant für Familien eröffnet, heute ist es eine Brasserie mit einer Bühne für Veranstaltungen.

Das Besondere an dem Lokal: Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, in der Küche, beim Service und allen im Betrieb anfallenden Tätigkeiten. Das war vor 35 Jahren eine revolutionäre Idee.

Charlottchen
Das inklusive Restaurant Charlottchen in Charlottenburg in der Droysenstraße.© Kathleen Bartel | Kathleen Bartel

„Damals kamen Politiker zur Eröffnung und alle waren skeptisch“, erinnert sich Frank Jeromin von der gemeinnützigen Mosaik Gmbh. Er hatte die Idee zu dem inklusiven Restaurant hatte. „Ich wollte einen Ort schaffen, der Menschen zusammenbringt, mit und ohne Behinderung, Groß und Klein, Jung und Alt.

Revolutionäre Idee vor 35 Jahren: Inklusion am Arbeitsplatz

Er erinnert sich an diese Zeit: „Die Inklusionsdebatte befand sich damals noch in einer Art Dornröschenschlaf. Menschen mit Behinderung sollten bestenfalls in Werkstätten arbeiten, eine Anstellung im sogenannten ersten Arbeitsmarkt war für viele Leute utopisch und es galt sogar als ungesetzlich – aus heutiger Sicht schon merkwürdig. Das wollten wir jedenfalls ändern“, sagt er.

Die Chance ergab sich mit der Übernahme der ehemaligen Eckkneipe „Nante“. Finanziert wurde der Umbau vor allem durch Spenden von der Johanna-Möller-Stiftung und der Aktion Mensch, damals Aktion Sorgenkind. Vor der Eröffnung wurde die Charlottenburger Nachbarschaft befragt, welche Gerichte denn angeboten werden sollten.

Erfolgsrezept: Pommes und Spaghetti statt Vollkorn

„Das Feedback war eindeutig. Viel bio, viel Vollkorn, frisches Gemüse. Bloß keine Pommes und Spaghetti. Genau so sind wir dann auch gestartet, aber es lief schlecht. Wir mussten viel Essen wegwerfen“, erzählt Frank Jeromin.

Er führt das auf zwei Gründe zurück: „Die Mauer war gerade gefallen, und die Charlottenburger sind lieber in Ost-Berlin essen gegangen, unter anderem, weil man dort mit 1:7 getauschter DDR-Mark supergünstig Restaurants besuchen konnte. Der zweite Grund war, dass wir keine Pommes und Spaghetti auf der Karte hatten. Das haben wir dann geändert, und dann kamen auch die Familien mit ihren Kindern“.

„Charlottchen“ als Basis für ein Inklusionsunternehmen

Kerstin Hallensleben, die bei der Jubiläumsfeier wie sechs weitere Mitarbeiter für ihre langjährige Zugehörigkeit ausgezeichnet wurde sagt: „Es gibt Stammkunden, die seit vielen Jahren zu uns kommen. Beschwerden habe ich noch nicht erlebt. Es macht einfach Spaß, den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihnen eine gute Zeit zu bereiten“, sagt sie. Im Jahr 2000 hat sie in einer Behinderten Werkstatt angefangen, seit 2004 ist sie in der Gastronomie tätig. „Die Kollegen sind nett, verlässlich und wir helfen uns gegenseitig. Und darum sollte es doch überall gehen: Teamarbeit und sich gegenseitig helfen, um ein Ziel zu erreichen. Nur zusammen funktioniert es“, sagt sie.

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Das Restaurant „Charlottchen“ war der Grundstein für das heutige Inklusionsunternehmen Mosaik-Services mit fünf Restaurants, einem Malerbetrieb, Gebäudereinigung und Büroarbeitsplätzen für aktuell 155 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „In den letzten 35 Jahren konnten wir eine dreistellige Zahl an Menschen mit Behinderung in eine tarifliche Arbeit bringen. Nicht nur in unseren eigenen Betrieben, sondern auch in der wirklich freien Wirtschaft. Spätestens seit es den Fachkräftemangel gibt, merken die Leute, wie wichtig gut geschultes Personal ist“, sagt Jeromin. Für seine Ausbildungsarbeit wurde Mosaik schon mehrfach ausgezeichnet.

Unterstützung bei Behinderung

Berliner helfen e.V., der Verein der Berliner Morgenpost, unterstützt behinderte Menschen und ihre Familien durch die Gewährung von Zuschüssen für rollstuhlgeeignete Fahrzeuge, den behindertengerechten Wohnungsumbau oder für Elektrorollstühle und andere Hilfsmittel für blinde oder gehörlose Menschen. Nähere Informationen dazu unter der Tel. 030-8872 77844 oder per E-Mail an kontakt@berliner-helfen.de.

Zum Jubiläum des „Charlottchen“ gratulierte auch Berlins Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Christine Braunert-Rümenapf: „Viele junge Menschen mit Behinderung wollen eine berufliche Perspektive jenseits von Behinderten-Werkstätten. Betriebe wie das ,Charlottchen’ bieten einen sozialen Mehrwert“, sagte sie.

Bürokratischer Aufwand ist hoch

Mosaik-Geschäftsführer Frank Jeromin blickt optimistisch in die Zukunft: „Dass Inklusion funktioniert, ist ein Fakt. Die Nachfrage ist da, wir könnten unsere Kapazitäten sogar verdoppeln – besonders bei der Gebäudereinigung. Menschen mit Behinderungen in eine tarifliche Arbeit zu bringen, ist jedoch immer ein kleines Kunststück. Nicht wegen der Fähigkeiten der Mitarbeiter, sondern weil der bürokratische Aufwand extrem hoch ist“.

Als Beispiel nennt er die Bearbeitung eines Antrags auf Anerkennung einer Schwerbehinderung, die über zwölf Monate dauern würde. Er wünscht sich, dass die Prozesse einfacher und schneller werden. „Wir sind in einem ständigen Balanceakt zwischen Wirtschaftlichkeit und der professionellen Begleitung von Menschen mit Behinderung.“

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Im Unternehmen werden auch Gebärdendolmetscher für Gehörlose, Psychologen und Pädagogen beschäftigt, um die Arbeitsabläufe den Bedürfnissen der Mitarbeiter anzupassen. Dafür gibt es gesetzliche geregelte Zuschüsse für Unternehmen, um behinderten Menschen die Teilnahme am Arbeitsleben im ersten Arbeitsmarkt ermöglichen.

Kerstin Hallensleben ist glücklich mit ihrer Tätigkeit im „Charlottchen“: „Was die Arbeit für uns bedeutet, ist für Außenstehende oft nicht zu erkennen. Hier können wir uns einbringen, ein Teil des Ganzen sein. Die Arbeit gibt mir Halt und ich kann jeden Tag beweisen, dass ich selbstständig mein Leben gestalten und auch finanzieren kann.“