In dieser Woche fand im Golfclub Seddiner See zum zweiten Mal der Inklusionscup statt, ein Sportwettbewerb für Golfer mit und ohne Behinderungen. Er wird veranstaltet vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen in Kooperation mit dem Deutschen Golfverband und dem Behinderten Golf Club Deutschland. Bei dem Wettspiel spielen Golfer mit einer körperlichen oder intellektuellen Beeinträchtigung zusammen mit Sportlern ohne Behinderungen. Über seine Aufgabe und warum er solche inklusiven Sportveranstaltungen für sehr wichtig hält, habe ich mit Jürgen Dusel gesprochen. Er ist seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Inklusionscup 2024
Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung.© Elke A. Jung-Wolff | Elke A. Jung-Wolff

Herr Dusel, was genau macht ein Behinderten-Beauftragter?

Er hat darauf hinzuwirken, dass der Bund seiner Verpflichtung, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen, gerecht wird. Menschen mit Behinderungen sind Bürgerinnen und Bürger unseres Landes wie alle anderen auch, mit den gleichen Rechten. Da gibt es keine Unterschiede. Und es ist Aufgabe des Staates, also von Bund, Ländern und Kommunen, dafür zu sorgen, dass diese Rechte bei den Menschen auch ankommen und sie wirklich in allen Bereichen gleichberechtigt sind. Da geht es nicht nur um Soziales, sondern auch um die Gesundheitsversorgung, das Ausüben von Sport oder Theaterbesuche. Ich arbeite mit allen Ministerien zusammen, damit das auch umgesetzt wird.

Sie selbst haben auch eine Behinderung?

Ich war von Geburt an stark sehbehindert und jetzt blind. Habe jetzt noch ein Prozent Sehkraft. Ich war erst auf einer Grundschule für sehbehinderte Kinder und bin dann auf eine Regelschule gewechselt und habe Abitur gemacht. Das war für mich persönlich ein Segen, aber es war nicht einfach. Denn als mich meine Eltern aufs Gymnasium schicken wollten, ich komme aus der Mannheimer/Heidelberger Ecke, haben alle Direktoren erst einmal gesagt: ein sehbehindertes Kind, das können wir den Lehrern nicht zumuten! Dafür gibt es doch die Blindenschule in Marburg, da hätte ich mit zehn Jahren ins Internat gemusst und das wollte ich nicht. Deshalb weiß ich schon, was strukturelle Benachteiligung bedeutet.

Wo sehen Sie die größten Hindernisse im Sinne der Gleichbehandlung?

Als Erstes ist Inklusion eine Haltungsfrage. Wir haben in Deutschland immer noch nicht begriffen, dass es um Gleichberechtigung geht, dass es also auch eine hohe Priorität haben sollte in der Politik. Ich erlebe immer wieder, dass es einfach hingenommen wird, dass Menschen mit Behinderungen strukturell benachteiligt werden. Das wird einfach akzeptiert. Und als Zweites geht es vor allem um Barrierefreiheit, und das nicht nur in Rathäusern, sondern auch im privaten Bereich. Hubertus Heil hat der Stadt München einen Inklusionspreis gegeben, weil die Stadt in ihrem Gesundheitsamt Räume zur Verfügung gestellt hat, damit Frauen im Rollstuhl gynäkologisch versorgt werden können. Im ganzen Großraum München gab es offensichtlich bis dahin keine einzige barrierefreie gynäkologische Praxis, was das Behandlungssetting angeht. Und das betrifft nicht nur München.

Wie werden denn die Frauen bisher behandelt?

Sie müssen für jede Untersuchung ins Krankenhaus, und weil das niemand gern macht, ist das Risiko, an Krebs zu erkranken, für Frauen mit Behinderung deutlich höher. Ich bin froh, dass Hubertus Heil jetzt ein Gesetz auf den Weg bringt, dass auch Arztpraxen zur Barrierefreiheit verpflichten soll. Es geht darum, für diese strukturellen Benachteiligungen ein Bewusstsein zu schaffen und sie abzubauen.

Inklusionscup 2024
Gemeinsam auf dem Golfplatz: Paul Kögler, Petra Götze von Berliner helfen e.V., Jennifer Sräga und Tilo Jentzsch aus dem Arbeitsstab des Behinderten-Beauftragten.© Elke A. Jung-Wolff | Elke A. Jung-Wolff

Was versprechen Sie sich von dem Inklusiven Golfturnier?

Es gibt relativ wenige inklusive Sportveranstaltungen. Wir haben das hier gemacht, um mal zu zeigen, was möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Menschen mit Behinderungen werden von den meisten ja eher defizitär betrachtet, was sie alles nicht können. Aber bei diesem Turnier zeigt sich, dass Männer und Frauen, beispielsweise mit intellektuellen Beeinträchtigungen, großartige Golfer sein können. Wir wollen einen Perspektivwechsel erreichen, nämlich dass Menschen mit Behinderungen anders betrachtet werden.

Wie sieht denn die Realität aus?

Viele glauben ja, dass alle im Heim leben, Sozialhilfe bekommen und in Behinderten-Werkstätten arbeiten. Das ist so absurd. Wir haben 13,7 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung in Deutschland, das ist jeder Sechste der Gesamtbevölkerung. Und nur 900.000 von ihnen kriegen Sozialhilfe, also Eingliederungshilfen. Durch die Begegnungen bei diesem Turnier werden viele Teilnehmer noch mal überdenken, ob ihre Bilder von Behinderten der Realität entsprechen. Und genau das wollen wir erreichen.

Inklusionscup 2024
Ralf Bockstedte, Präsident des Behinderten Golf Club Deutschland, in seinem Spezial-Rollstuhl (r.)© Elke A. Jung-Wolff | Elke A. Jung-Wolff

Gibt es finanzielle Förderungen für inklusive Sportveranstaltungen?

Für Vereine, die das machen wollen, gibt es Fördermöglichkeiten, zum Beispiel über die Aktion Mensch; der Deutsche Olympischen Sportbund informiert online über weitere Fördermöglichkeiten. Aber es braucht als allererstes den Willen das zu tun, sich dem Thema zu öffnen und den Benefit von Gemeinsamkeit zu sehen. Ich hatte viel mit Regine Hildebrand zu tun und die hat immer gesagt: Bedenkt bei allem, was ihr tut: Das Wichtigste im Leben ist das Miteinander. Und genau darum geht es bei Inklusion. Es geht nicht um irgendwelche Ideologie-Projekte, es geht um Menschenrechte. Und da unterscheiden sich Menschen mit und ohne Behinderungen nicht. Wir wollen doch alle dabei sein, wollen nicht ausgeschlossen werden und unserer Talente ausüben. Deshalb lautet mein Motto: Demokratie braucht Inklusion. Menschen mit Behinderungen haben nicht nur die gleichen Rechte, sie müssen sie auch leben können.

Berliner helfen e.V.

Der Verein der Berliner Morgenpost, Berliner helfen e.V., unterstützt in Einzelfällen den rollstuhlgerechten Umbau von Badezimmern oder Küchen und den Kauf oder Umbau von behindertengerechten Fahrzeugen bei Familien mit schwer behinderten Kindern mit einem finanziellen Zuschuss. Nähere Informationen zu den erforderlichen Nachweisen per E-Mail an: kontakt@berliner-helfen.de oder telefonisch unter 030 8876 77844
www.berliner-helfen.de