Es ist Freitagabend gegen 22.30 Uhr und ich sitze in der U3 auf dem Weg nach Hause. Ich bin glücklich – nach einem schönen Abend mit Freunden, die ich zum ersten Mal seit über 15 Jahren wieder gesehen habe. Mit Kopfhörern im Ohr lausche ich einem Hörbuch und blende alle Geräusche um mich herum weitestgehend aus. Plötzlich tritt ein Mann in mein Blickfeld, spukt mich an, schreit und geht weiter. Mein Herz rast. Mein Atem stockt. Wie versteinert sitze ich da. Was ist gerade passiert? Ich verstehe es nicht. Mein Gehirn versucht, den Sinn der Situation zu erfassen. Aber da ist nur Leere.

Übergriff in der U-Bahn in Berlin-Wilmersdorf

Langsam schaue ich mich um. Außer mir sind noch fünf weitere Personen im Abteil. Ein junger Mann spricht mich an. Ich höre nicht, was er sagt. Mein Hörbuch läuft noch. Ich ziehe die Stecker aus dem Ohr und er fragt mich, ob alles in Ordnung sei, ob er die Polizei rufen solle. Ohne nachzudenken, schüttle ich den Kopf und sage, dass es mir gut geht. Aber ist das wirklich so? Ich bin verwirrt. In Schockstarre. Langsam versuche ich mich wieder zu orientieren. Wir stehen am Bahnhof Spichernstraße. Niemand steigt ein oder aus.

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Jetzt drehe ich den Kopf in die andere Richtung. Der spuckende und niesende Mann ist immer noch da, am anderen Ende des Waggons steht er vor einer Tür. Eine ältere Dame setzt sich zu uns, um von ihm wegzukommen. Ihr Begleiter bleibt sitzen. Ich verstehe die Situation nicht. Hat der Mann mich angespuckt, weil ich als Einzige eine Maske trage? Ist er ein Corona-Leugner? Ein Verschwörungstheoretiker? Oder hat es mich erwischt, weil ich die einzige junge Frau im Abteil bin?

Berlin: Nur ein Mann zeigt Zivilcourage in der U-Bahn

Ich beobachte, wie der hilfsbereite Mann, der als einziger Zivilcourage zeigt, den „Spucker“ mit seinem Handy filmt. Wieder fragt er mich, ob es mir wirklich gut gehe und ob er nicht die Polizei rufen solle. Wieder schüttle ich den Kopf, während mir bewusst wird, dass der aggressive Typ immer noch da ist. Er niest und spuckt und flucht lautstark vor sich hin. Er ist immer noch eine Gefahr. Ich fühle mich wie gelähmt. Was mache ich, wenn er zurückkommt?

Die Antwort bleibe ich mir selbst schuldig und blicke stattdessen in die fassungslosen Gesichter der anderen Passagiere. Niemand spricht. Auch sie schütteln die Köpfe. Dann taucht er wie aus dem Nichts wieder auf. Ich schaue weg, drücke mich in den Sitz und hoffe, unsichtbar zu werden. „Schau ihm bloß nicht in die Augen“, denke ich. Aber es hilft nichts. Der Mann spuckt erneut in meine Richtung. Diesmal von weiter weg. Er trifft mich nicht. Der nette junge Mann regt sich auf, spricht ihn an. Prompt spuckt und niest der Typ nun in seine Richtung. Schnell zieht er seine Kapuze über, um sich zu schützen.

Angreifer bespuckt auch andere U-Bahn-Fahrgäste

Die Situation kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ein Zeitlupenmoment. Ich betrachte den wutschnaubenden Angreifer, der völlig irrational wirkt. Er ist groß, hat mittellange blonde Locken, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Seine Kleidung wirkt alt und schmutzig. Er könnte obdachlos sein. Seine Augen sind blutunterlaufen. Er sieht aus, als hätte er Drogen genommen. Vielleicht hat er eine Psychose?

Sophie Maas
Sophie Maaß am 11. November am U-Bahnhof Spichernstraße in Berlin. Bis zu dem Vorfall in der U3 fühlte sich die Autorin auf der Wilmersdorfer Strecke selbst nachts sicher.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

So plötzlich wie er aufgetaucht ist, verschwindet der bedrohliche Mann wieder. Ich sehe ihm durch die Scheiben nach. Er bleibt auf dem Bahnsteig stehen, zieht seinen Pullover hoch und fasst sich mit einer Hand an den Bauch. Vielleicht will er sich eine Spritze geben. Vielleicht weiß er nicht, was er tut. Die U-Bahn setzt sich in Bewegung und fährt mit mir und den anderen geschockten Fahrgästen davon. Obwohl mir diese Episode wie eine Ewigkeit vorkommt, können wir nicht länger als zwei, drei Stationen mit ihm im Waggon gewesen sein. In der U3, mitten im beschaulichen Wilmersdorf.

Menschliche Reaktionen auf Gefahr

Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, verstehe ich mein Verhalten besser. Ich hatte Angst. Richtig krasse Angst. Mein Gehirn schaltete auf Überlebensmodus. Der logisch denkende Teil hat sich ausgeschaltet. Das limbische System – die Funktionseinheit, die unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist – hat meinen Körper in eine Schockstarre versetzt. „Freeze“ heißt diese Reaktion auf Englisch. Sie ist neben „Fight“ und „Flight“ (Kampf und Flucht) eine von drei Reaktionen, die wir unbewusst auf gefährliche und vor allem (potenziell) lebensbedrohliche Situationen folgen lassen.

Neurobiologen zufolge ist unsere Reaktion auf Gefahr genetisch festgelegt. Das heißt, ich kann mir nicht aussuchen, ob ich kämpfe, fliehe oder in Schockstarre verfalle. Das entscheidet mein Körper für mich. Aber was mache ich mit dieser neuen Erkenntnis? Ich will mich nicht wegducken. Ich will Zivilcourage zeigen, anderen helfen – so wie der junge Mann in der U-Bahn mir geholfen hat.

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Während ich mir diese und andere Fragen stelle, wird mir klar, dass es vielen Menschen so geht wie mir. Erst kürzlich hat einer meiner Kollegen über die steigende Zahl von Gewaltdelikten in öffentlichen Verkehrsmitteln berichtet. Die Zahlen im laufenden Jahr 2024 übertreffen jetzt schon das Rekordjahr 2023. Die Polizei hat im Zeitraum 1. Januar bis 30. September 2024 insgesamt 20.179 Straftaten in Bus, U-Bahn und Tram erfasst. 2023 waren es noch 14.825 Straftaten. Für Straftaten in den Zügen und Bahnhöfen der Berliner S-Bahn sieht die aktuelle Statistik der Bundespolizei nicht besser aus. Bei der Recherche zu diesem Artikel stieß ich außerdem auf einen Artikel über eine schwangere Kollegin, die im vergangenen Monat in der S-Bahn angegangen wurde. Darin schildert sie die Ignoranz der anderen Fahrgäste im Angesicht einer für sie und ihr ungeborenes Kind bedrohlichen Situation.

Zivilcourage will gelernt sein

Auch mich regt es auf, wenn meine Berliner Mitbürgerinnen und Mitbürger tatenlos zusehen, wie anderen Menschen Schaden zugefügt wird. Ich habe ein klares Wertesystem, zu dem auch gehört, dass ich mich gegen Unrecht einsetze. Nach dem vergangenen Freitag frage ich mich allerdings, wie bruchsicher dieses Wertesystem ist. Sozialen Mut zu zeigen und sich ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile für andere einzusetzen, erscheint mir nach meiner Erfahrung schwerer denn je. Ich glaube nicht, dass meine Angst viel geringer gewesen wäre, wenn eine andere Person im Waggon zuerst angespuckt worden wäre und nicht ich. Aber zum Glück kann man Zivilcourage, also angemessenes und mutiges Verhalten, lernen. Online stoße ich auf unterschiedliche Kursangebote zu dem Thema. Noch einmal möchte ich mich nicht bespucken lassen. Ich will aufstehen, nicht sitzen bleiben und mich für mich und andere starkmachen.