Schon der erste Gang in die Alte Halle ist wie die Reise in eine andere Zeit. Eine Gewölbetür in einer verzierten Backsteinfassade führt in das 1898 erbaute und somit älteste Hallenbad Berlins. Gänge und Foyer sind mit Kreuzgratgewölben versehen. Wände mit hellen und grau-grünen Schmuckfliesen umrahmt.
Ein Hauch der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts liegt in der Luft. Als die Menschen solche Bäder noch eher als Badewannenersatz denn als Sport- oder Freizeittempel nutzen. Durch eine schwere Holztür geht es in die beeindruckende Schwimmhalle. Der Raum ist überspannt von filigranen Stahlträgern mit einem Glasdach in der Mitte. An den Stirnseiten sind im Jugendstil gehaltene Wasserszenen aufgemalt.

Es gibt kein klassisches Drehkreuz. Dafür beobachtet ein Mann im roten T-Shirt den Eingang mit wachem Blick vom Beckenrand. Seit 1982 steht die Alte Halle unter Denkmalschutz. Im selben Jahr hat Thomas Wolf seinen ersten Arbeitstag gehabt. Und auch er ist auf den ersten Blick ein gut konserviertes Original. Walkie-Talkie, Bauchtasche und Goldkette. Ein Bademeister der alten Schule möchte man meinen.
Beckenrand statt Mittelpunkt
Auch wenn die korrekte Bezeichnung für die Ausbildung schon zu seiner Zeit Schwimmmeistergehilfe lautete. Aber immerhin noch etwas griffiger als der heutige Begriff Fachangestellter für Bäderbetriebe. Aber der erste Eindruck täuscht. Thomas Wolf ist kein Mann, der vom Beckenrand pfeift und dirigiert. „Ich stehe nicht so gerne im Mittelpunkt. Es geht mir um das Bad und seine Gäste“, sagt der 60-Jährige Schichtleiter.
Und über das Bad und seine Gäste kann er viel erzählen. Als er anfing, seien die Fliesen noch knallorange gewesen. Siebzigerjahre eben. Kurze Zeit gab es noch eine Wannenabteilung. „Ich habe jeden Tag Wäsche nach oben geschleppt“, erinnert sich Wolf. Sogar ein Sprungturm war mal an der Hallendecke aufgehängt. Das Bad sehe heute aber weitaus besser aus, als zu jener Zeit, als er damals angefangen habe. Schon in den Achtzigerjahren wurde es umfassend saniert und restauriert – und seitdem in Schuss gehalten.

Inzwischen kommen sehr viel jüngere Menschen. Auch wenn es weiter ein älteres Stammpublikum gebe. Das sei am Anfang nicht immer konfliktfrei gewesen. „Wenn die Sportschwimmer an den alten Damen vorbeirauschten, gab es schon mal böse Blicke, wenn die Haare nass wurden“, sagt er. Inzwischen habe es sich aber eingepegelt. Die älteren Herrschaften kommen oft schon um 6:30. Die Sportler später. Aber auch der Vereins- und Schulsport muss noch im Programm untergebracht werden. Das fällt zunehmend schwer.
Corona lässt Besucherzahlen einbrechen
Die Corona-Jahre waren für die Berliner Bäderbetriebe keine leichte Zeit. Die Besucherzahlen brachen von gut 4,17 Millionen Besuchern im Rekordjahr 2019 auf nur noch rund zwei Millionen Besucher in den Jahren 2020 und 2021 ein. Hauptverantwortlich waren Lockdowns und Einschränkungen bei den erlaubten Gästen. Hinzu kommt ein berlinweiter Sanierungsbedarf für Bäder in Höhe von 400 Millionen Euro bis 2030. Die benachbarte Neue Halle ist aufgrund des maroden Zustandes geschlossen. Eine Sanierung wird wohl nicht vor 2027 erfolgen. Der Bezirk ist unzufrieden mit den Kapazitäten. Eine Lösung aber bisher nicht in Sicht.

Das Herabsetzen der Wassertemperatur um zwei Grad hätte hingegen kaum Gäste gestört. Aufgrund der Energiekrise heizen die Berliner Bäder-Betriebe die Schwimmbecken nur noch auf 26 Grad auf. „Wer aktiv schwimmt, für den sind 26 Grad Wassertemperatur angenehm“, sagt Wolf. Das neue Publikum sei etwas jünger und daher robuster. Die Gäste sind sehr international – und die ziehen meist sportlich ihre Bahnen.
Würstchen, Sauna und Restaurant gescheitert
Der Anspruch an die Badekultur sei wechselnden Trends unterworfen. Früher hatten einige Bäder sogar Friseure unter ihrem Dach. Auch eine Sauna gab es vor einigen Jahren noch. Heute nutzen die Angestellten den Bereich als Lager. „Während früher Schönheit im Fokus stand, ist es heute auch der sportliche Aspekt“, sagt Wolf. Den Würstchenstand in der Vorhalle gab es schon nicht mehr, als er anfing. Ein gescheitertes Restaurant für Anzug- und Schlipsträger, wie er sagt, aber auch nicht. Heute wird vor allem geschwommen.

Aus dem bei einigen Charlottenburgern als Rentnerbadewanne verschrienen Stadtbad ist ein kleines, aber feines Sportbad geworden. Ukrainische Geflüchtete ziehen ihre Bahnen. Studenten der nahen Technischen Universität ebenso. Es gibt sogar eine Gruppe HIV-positiver Männer, die sich als Gruppe regelmäßig im Bad trifft, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Nur beim Schwimmen bleibt es also doch nicht.
Dunkle Keller und andere Schattenseiten
Zu manchen Badegästen entwickelt sich gar eine freundschaftliche Beziehung. Thomas Wolf ist ein guter Zuhörer. Manche persönliche Geschichte habe er gehört. „Darüber rede ich nicht. Das gehört sich nicht“, sagt er. Zu den Schattenseiten zählen Einsätze, bei denen es um Leben und Tod geht. Auch wenn der letzte schon viele Jahre her sei. „So etwas bleibt im Kopf hängen“, sagt er. Ein Mann, dem er das Leben gerettet hat, sei später noch einmal vorbeigekommen, um sich zu bedanken. „Das war ein schönes Gefühl“, sagt er.
Bevor wir gehen, zeigt uns Thomas Wolf noch den Keller. Wir stehen jetzt direkt neben dem Becken. Rohre, Tanks und Pumpen finden sich an den Enden der Gänge. „Mit dem Keller und der Technik hatte ich lange nichts zu tun“, sagt er. Aber der Beruf habe sich gewandelt. Bei jüngeren Kollegen zählt die technische Ausbildung inzwischen zum Standard. Aber auch er habe sich mit den Jahren immer weiter fortgebildet. „Es ist wie überall: Manche Dinge ändern sich. Manche bleiben immer gleich“, sagt er und schließt die Tür.
Mehr über das Bad
Stadtbad Charlottenburg - Alte Halle
Krumme Straße 10
10585 Berlin-Charlottenburg


