Gründerszene

Das CHIC bietet jungen Start-Ups ein Zuhause

Im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC) haben sich 60 Start-Ups angesiedelt. Wir stellen kreative Gründer vor.

Max Müseler ist Gründer von "Betterguards" und selbst begeisterter Sportler

Max Müseler ist Gründer von "Betterguards" und selbst begeisterter Sportler

Foto: David Heerde

Berlin. Vor der Tür sieht es aus wie vor einem Hochschulinstitut. Fahrräder tummeln sich um viel zu wenig Ständer, junge Leute stehen vor dem Eingang, reden, telefonieren. Doch dahinter verbirgt sich ein anderer Ort. „CHIC“ steht auf der dunkelgrünen Natursteinbrüstung über dem Eingang, Charlottenburger Innovations-Centrum. Der Empfang wirkt wieder einer großen Firmenzentrale, kein Wunder, saß doch hier mal der Gerling-Versicherungskonzern. Heute sind es 60 Unternehmen, die in dem sechsstöckigen Gebäude ihr Zuhause haben: Start-ups, die meisten im Bereich Softwareentwicklung und Kreativwirtschaft.

Vor fast genau drei Jahren wurde das CHIC eröffnet, nachdem das denkmalgeschützte Haus komplett saniert und für seinen neuen Zweck als Innovationszentrum umgebaut worden war. Es ist Teil des Campus Charlottenburg, einer der zehn Zukunftsorte in der Stadt, an denen sich Start-ups, vorwiegend im Technologie-Bereich, ansiedeln und miteinander vernetzen sollen. Hinter dem CHIC steht die WISTA Management GmbH. Eine landeseigene Gesellschaft, die seit den 90er-Jahren zunächst den Technologiepark Adlershof aufgebaut hat und die nun unter anderem auch mit dem Aufbau des FUBIC, dem FU Business und Innovation Center, in Dahlem und mit der Planung zur Nachnutzung des Flughafengeländes Tegel betraut ist.

Schon seit 2011 gab es das CHIC um die Ecke, in der Marie-Elisabeth-Lüders-Straße, aber in kleiner Ausführung, 20 Gründer hatten hier Platz. Seit der Fertigstellung des Gerlinghauses stehen den jungen Unternehmern nun insgesamt 4500 Quadratmeter Bürofläche zur Verfügung, dazu noch etwa 1000 Quadratmeter Veranstaltungs-, Lager-, Gemeinschaftsräume.

Die Nähe zur TU und die günstige Miete überzeugen

Doch der Platz reicht eigentlich nicht. „Der Andrang ist groß, es kommen immer neue Anfragen“, bestätigt Zentrumsleiter Lars Hansen. Er ist hier der Kümmerer: Organisiert, was die jungen Gründer brauchen, organisiert Veranstaltungen, sorgt für die Vernetzung der jungen Unternehmen. Die Auslastung liege bei fast 100 Prozent. Was Gründer ins CHIC zieht, ist zum einen die Nähe zur Technischen Universität, an der auch viele selbst studiert haben. 60 Prozent der jungen Unternehmen im Innovationszentrum sind Uni-Ausgründungen, davon 40 Prozent von der TU.

Außerdem sind es die Infrastruktur und der subventionierte Quadratmeterpreis von 8,60 Euro, die für das CHIC sprechen. Auf dem freien Markt würden sie dafür wohl kaum voll ausgestattete Büroflächen bekommen. „Und neue Räume können bei Bedarf dazu gemietet werden, die Kündigungsfristen sind flexibel“, erklärt Hansen. Allerdings: Kündigungen gibt es bislang wenig. Das hängt auch damit zusammen, dass die Start-ups im CHIC bis zu acht Jahre bleiben können.

Die meisten sind tatsächlich von Anfang an da. Sie sollen Zeit haben, ihre Geschäftsidee zur Marktreife zu entwickeln. Ein Businessplan ist schon da, jetzt geht es darum, daraus ein Unternehmen zu entwickeln. „Wir nehmen Gründer rein und entlassen Entrepreneure“, sagt Hansen. Und diese Entrepreneure haben immerhin zusammen bereits 350 Arbeitsplätze geschaffen. Das einzige, was sich Hansen noch wünschen würde, wären mehr Gründerinnen. Nur acht bis zehn Prozent der Jungunternehmer sind Frauen – aber das ist in der Gründerszene anderswo genauso.

Die Berliner Morgenpost stellt drei Jung-Unternehmer vor:

Coplannery: Hilfe bei Bauprojekten

Eines der jüngsten Unternehmen im Chic ist Coplannery. Erst seit Anfang August sitzt das Start-up hier in einem 17-Quadratmeter-Büro. Zur Ausstattung gehören derzeit nur Schreibtische mit Rechnern, eine Menge Ideen und viele Kontakte. Ideengeberin ist die 30-jährige Architektin Viviane Hülsmeier, die an der TU und in Princeton studiert hat. Die Architektin könnte jetzt auch in einem großen Büro arbeiten, aber sie sagt: „Ich wollte etwas verändern.“ Daher hat sie sich entschlossen, selbst zur Gründerin zu werden, und das Start-up Coplannery entwickelt. Ihr Ziel: Bauherren sollen mit einer App unterstützt werden, damit der Bau oder die Sanierung gelingt.

Die App „Bauplaner“ bietet zum Beispiel smarte Checklisten, einen Konfigurator und einen Auftragsmanager und will Schritt für Schritt durch ein Bauprojekt von der Planung bis zur Fertigstellung führen. So sollen auch private Bauherren ertüchtigt werden, die eigentlich gar keine Ahnung vom Bauen haben. Dahinter steckt die Erfahrung aus ihrer beruflichen Praxis: „Die meisten Bauprojekte haben einen holprigen Anfang.“ Und diese Hürden will das Team von Coplannery minimieren. Die Idee hatte Viviane Hülsmeier, aber sie musste jemanden finden, der aus dieser Idee auch tatsächlich einen digitalen Assistenten entstehen lässt. Dabei traf sie auf Nadir Benkhellouf. Der 33-Jährige hatte selbst gerade ein Haus gebaut und erfahren, was alles schieflaufen kann. Als Dritter im Bunde kam dann der Medieninformatiker Jakob Pupke dazu.

Ein Jahr hatten die drei Gründer ein Stipendium und konnten ihre Idee an der TU erst einmal zur Marktreife entwickeln. Im April war es dann soweit. Die App Bauplaner wird schon in der Praxis genutzt. Für Coplannery war es da auch wichtig, eine Firmenadresse außerhalb der Uni zu haben, damit es nicht wie ein studentisches Projekt, sondern ein eigenständiges Unternehmen auftreten kann. „Wir stehen gerade vor dem Abschluss eines Investments, dann wollen wir wachsen.“ Und damit kommt eine neue Herausforderung auf die drei Gründer zu: Sie brauchen Personal. Da Softwareentwickler sehr gute Aussichten auf dem Markt haben, wollen viele eher nicht das Risiko eingehen und zu einem Start-up wechseln, zumal etablierte Unternehmen meist auch besser bezahlen können. Wie gut, dass da wenigstens die Raumfrage gelöst ist.

Betterguards: Sicherheitsgurte für Sportler

Jeder Sportler kennt das. Ein Stolpern, eine falsche Bewegung und schon ist das Band oder Gelenk verletzt. Jeder der Mitarbeiter bei Betterguards kennt das auch irgendwie. „Wir sind alle im Team leidenschaftliche Sportler“, erklärt Max Müseler, einer der drei Gründer des Start-ups Betterguards. Zum Team gehören sieben festangestellte Mitarbeiter, dazu kommen Freie und Werksstudenten. Zusammen suchen sie einen Weg, wie Verletzungen vorgebeugt werden kann, und haben eine Art Sicherheitsgurt für Gelenke entwickelt, der sich in Sportschuhe, Socken, Handschuhe, Protektoren oder Bandagen einbauen lässt. Wenn ein Fußgelenk zum Beispiel umknickt, wird die zu schnelle Bewegung wahrgenommen und der „Sicherheitsgurt“ versteift innerhalb von Millisekunden an der Stelle, wo eine Verletzung auftreten kann. So wird die „falsche“ Bewegung blockiert.

Danach löst sich die Versteifung und die Bewegungsfreiheit ist wieder gegeben. Müseler hat das System erprobt und nutzt es beim Badminton-Spiel: „Das konnte ich vorher lange nicht mehr machen wegen der Verletzungsgefahr.“

Betterguards sitzt seit 2014 im CHIC. Noch ins Ursprungshaus zog das Team ein, heute tüfteln sie auf 100 Quadratmetern. Dazu gibt es eine Produktion in Hennigsdorf. Die drei Gründer haben an der TU studiert, Medizintechnik und Bionik, und dort zunächst ihre Idee entwickelt, finanziert durch ein Stipendium. Nun entwickeln sie ihr Produkt zur Marktreife. Sie haben viele Partner: Hersteller von Sport- und Trekking-Schuhen, die Füchse Berlin testen das Produkt. „Der Markteintritt steht unmittelbar bevor“, sagt Müseler.

R3 - Reliable Realtime Radio Communications: WLAN in Echtzeit

Nicht einmal drei Jahre hat das Technologie-Start-up R3 – Reliable Realtime Radio Communications -- seine Firmenadresse im CHIC, und dreimal ist das junge Unternehmen bereits im Haus umgezogen. Inzwischen sitzt das Team auf 110 Quadratmetern und der Platz reicht schon wieder nicht mehr. Das Team besteht aus 17 festangestellten Mitarbeitern, dazu kommen einige Studenten. Bei jedem Umzug dabei ist die Profi-Kaffeemaschine. Sie ist für R3-Mitgründer und Geschäftsführer Mathias Bohge unersetzlich für das Unternehmenswachstum. Finanziert hat er sie mit dem ersten Preisgeld, das R3 2015 beim erstmals vergebenen Deep Tech Award bekommen hat. Damals machte das junge Unternehmen die ersten Schritte und für Bohge war klar: „Wenn ich gute ITler haben will, muss ich guten Kaffee bieten.“

R3 hat das Funksystem Echoring entwickelt, das mit hoher Verlässlichkeit und in Echtzeit eine drahtlose Datenübertragung ermöglicht. „Eine Art WLAN für die Industrie“, nennt Bohge das Prinzip, „nur dass es viel verlässlicher und ohne zeitliche Verzögerung funktioniert“. Inzwischen ist das System schon im Testeinsatz bei großen Unternehmen wie Bosch Rexroth oder Airbus. Gerade im Flugzeug, in dem die Verkabelung zu den komplexesten Bereichen gehört, spiele die kabellose Kommunikation eine ganz wichtige Rolle.

Mathias Bohge ist Berliner und hat Elektrotechnik erst an der TU, später in den USA studiert. Seine Doktorarbeit hat er im Bereich Nachrichtenübertragung geschrieben. Daraus mal ein Start-up zu entwickeln, war da zunächst noch kein Plan. Er ging für vier Jahre zur Boston Consulting Group als Unternehmensberater. Dann traf er aber einen ehemaligen Kommilitonen wieder, James Gross, mit dem er zusammen in Berlin studiert hatte und der heute Professor am technologischen Institut in Stockholm ist. Zu viert gründeten sie schließlich 2015 das Start-up R3. Dass sie sich dabei für Berlin entschieden haben, ist kein Zufall: „Es gibt keinen besseren Standort für IT“, sagt Bohge. Inzwischen kommen zwar auch schon Anfragen aus China, sich dort anzusiedeln oder doch zumindest einen zweiten Standort aufzumachen. Aber das ist Zukunftsmusik. Wachsen will das Start-up vorerst aus dem CHIC heraus.

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