Anteilnahme ist selbst für Textexperten eine schwierige Aufgabe. Wie lässt sich Mitgefühl angemessen ausdrücken? Jedes noch so gut gemeinte Wort schleicht plötzlich banal, gekünstelt, missverständlich umher. Wer je einen nahen Menschen verlor, der weiß, dass alles richtig und zugleich alles falsch klingen kann. Trauern Politik, Medien, Verwaltung mit, wird der angemessene Ton nahezu zwingend verfehlt, erst recht in Berlin, das für seine eher sperrige Spielart der Empathie bekannt ist. Manche Peinlichkeiten passieren hier einfach unbemerkt, weil es so normal ist, geraten in den falschen Hals, ein Missgeschick zieht das nächste nach sich, kleine Pannen verketten sich zu einem Knäuel der Unwürdigkeit. Hat es irgendjemand böse gemeint? Womöglich nicht. War doch nur das übliche Schieben und Ducken und Recken und Rangeln.

Gedenken an die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz
Gedenken an die Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz© Frank Lehmann | Frank Lehmann

So fühlt sich das Jahr seit dem Attentat am Breitscheidplatz für alle Beteiligten so merkwürdig unangemessen an. Hätten der Norweger Stoltenberg, der Franzose Macron, Barack Obama das Drama souveräner bewältigt? Womöglich schon. Andererseits: Ob NSU oder Love Parade in Duisburg, ob 9/11 oder G20 – überall Pannen, übersehene Warnzeichen, fassungslose Angehörige. Immer ist es zu spät, zu wenig, zu undurchsichtig. Es gibt keine Routine im Umgang mit dem Inferno, nirgends, was wiederum Teil des Dramas ist.

Berlin ist eine vergessliche Stadt. Kurz vor dem Weihnachtsfest 2016 war ein Verwandter aus der Provinz zu Besuch, der die Hauptstadt spannend findet wegen der Prominenten und der guten Lokale, aber auch furchterregend, wegen Kreuzberg und Neukölln. Was Menschen so glauben, die Berlin vorwiegend aus den Nachrichten kennen. Und wer trank eine Stunde vor dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein? Exakt: der Verwandte. Vergangene Woche rief er an und sagte feierlich: „Mein zweiter Geburtstag.“ Kurzes Überlegen. Was meinte er?

5441074375001_videostill_1519589044461.jpg
So wurde die Akte von Anis Amri gefälscht

weitere Videos

    Ach ja; sehr, sehr langsam kehrten Bilder von dem Todeslaster zurück. Das Gedächtnis hat die fürchterlichen Bilder vom 19. Dezember vergangenen Jahres weit nach weit hinten geschoben. Vergessen diene auch dem Selbstschutz, sagen Psychologen. Man kann das ignorant nennen, gefühllos oder aber pragmatisch. Wer alles Elend aufsaugt, macht sich und seinen Mitmenschen das Leben nicht leichter.

    Hätte die Stadt Berlin eine ausgeprägte Trauerkultur, würden hier jeden Tag die Kränze fliegen. Aber die Hier-und-jetzt-Mentalität der Ureinwohner wehrt permanente Anteilnahme ab. Wir laden es lieber bei der Politik ab; die da oben sind schließlich verantwortlich für alles, für Sicherheit, Entschädigung, Briefe, Würde und angemessenes Trauern natürlich.

    Es ist den Angehörigen der Opfer vom Breitscheidplatz zu verdanken, dass der Jahrestag der grausamen Nacht nicht im Weihnachtstaumel unterging. In einem scharfen Brief an die Bundeskanzlerin wurde der Umgang mit Toten, Verletzten und Hinterbliebenen kritisiert. Und immer wieder jene unselige Rechnung über 51 Euro aus der Gerichtsmedizin der Charité für die „Untersuchung eines Toten (unbekannt) einschließlich Feststellung des Todes und Ausstellung eines Leichenschauscheins“, die drei Tage nach dem Attentat bei den Angehörigen eingeht. Es gehört zu den Eigenheiten der Hauptstadt, dass manche bürokratischen Abläufe mit einer eiskalten Automatik vor sich gehen. Andererseits: Bekommen Verwaltungskräfte nicht umgehend auf den Deckel, wenn nicht umgehend eingetrieben wird in einer chronisch unterfinanzierten Klinik, deren Rechnungen traditionell nur zur Hälfte bezahlt werden?

    5686005031001_videostill_1517998428746.jpg
    Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag

    weitere Videos

      Die Kondolenzschreiben des Regierenden Bürgermeisters brauchten wiederum mehrere Monate, weil angeblich die Adressen nicht so leicht zu besorgen gewesen seien. Kleine Frage: Woher hatte die Charité die Anschriften? Große Frage: Warum funktioniert in Berlin alles, was mit Geldeintreiben zu tun hat, aber der Rest nicht?

      Ja, mit Vorwürfen liegt man hier immer richtig, denn Berlin bedeutet ewiges Provisorium, bisweilen sogar emotionales Überlebenstraining. Zwischenfrage: Möchte jemand in der Haut eines Regierenden Bürgermeisters stecken, im öffentlichen Trauerwettbewerb mit der Kanzlerin? Wessen Idee mag es nur gewesen sein, einen Gedenkgottesdienst ohne Hinterbliebene zu insze­nieren, als Menschen noch durch die Krankenhäuser dieser Stadt irrten, in der Hoffnung, ihre Angehörigen lebendig zu finden? Ging es um Anteilnahme? Oder einfach darum, das Thema Terror rasch zu vergraben, bevor der Baum festlich leuchtet?

      Die Angehörigen der Opfer haben alles Recht, mangelnde Empathie zu beklagen. Andererseits bringt die karge Emotion mit sich, dass hier kaum jemand durchdreht, fragwürdige Ausnahmezustände beschließt, Hassparolen brüllt. Gleichgültigkeit und Besonnenheit sind manchmal kaum zu unterscheiden, führen aber bizarrerweise zu ähnlichen Resultaten, manchmal sogar guten: Inzwischen ist der Opferschutz verbessert worden, es wird eine Anlaufstelle für künftige Krisenfälle eingerichtet, die Pannen haben die Sensibilität des Apparats erhöht, vorübergehend jedenfalls. Und die Gedenkveranstaltung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, was den Angehörigen eine fernsehgerechte Inszenierung von Trauer erspart.

      Berlin ist dauerndes Experiment, mit sehr flexibler Interpretation, was Benehmen, Stil, Haltung angeht. Die gute Nachricht: Alles ist denkbar. Das ist zugleich die schlechte. Immerhin: Wer diese Stadt überstanden hat, den kann nicht mehr viel erschüttern. Und wenn es irgendwo besser läuft, weiß man es zu schätzen.

      Mehr zum Thema: