Weihnachtsmarkt

Der "Riss" am Breitscheidplatz: Wie das Mahnmal entstand

Ein „Riss“ aus Bronze wird am Breitscheidplatz an die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016 erinnern. Die Macher im Interview.

Arbeiten dan dem Denkmal für die Opfer des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz

Arbeiten dan dem Denkmal für die Opfer des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz

Foto: Reto Klar

Ein "Riss" aus Bronze wird am Breitscheidplatz künftig an die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016 erinnern. Am Morgen des ersten Jahrestages werden Angehörige der zwölf Todesopfer das Mahnmal persönlich fertigstellen, das am Breitscheidplatz an die Toten erinnert. Sie werden den Riss mit einer Bronzelegierung schließen. In den Treppenstufen zur Gedächtniskirche werden die Namen der zwölf Menschen genannt, die in jener Nacht starben. Über den Namen steht die Inschrift: "Gedächtniskirche wird eine Inschrift mit folgendem Wortlaut angebracht: "Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen."

Entworfen hat das Mahnmal das Berliner Architekturbüro Merz Merz (mm+). Pablo von Frankenberg ist Soziologe und Kulturwissenschaftler in dem Team aus drei Architekten, einer weiteren Kulturwissenschaftlerin und einer Grafik-Designerin. Merz Merz ist Teil des renommierten Architekturbüros HG Merz, das auf den Umbau und die Erweiterung historisch bedeutender Gebäude spezialisiert ist – etwa die Staatsoper Berlin.

Berliner Morgenpost: Als der Senat im Sommer Architekten um Ideen für den Gedenkort bat, lag der Anschlag erst wenige Monate zurück. Wie findet man eine Idee für eine so frische "Wunde" in der Stadt?

Pablo von Frankenberg: Es ist durchaus ungewöhnlich, dass man schon ein Jahr nach einem solchen Anschlag einen Gedenkort schafft. Vieles war und ist ja noch offen und ungeklärt. Die Angehörigen und Verletzten ringen noch immer mit Trauer, Verlust und Verletzungen und die Nachrichten um die Ermittlungen reißen nicht ab. Wir merkten schnell, dass wir zunächst selbst eine Haltung zu dem Ereignis und dem Ort finden mussten. Wie gehen wir selbst mit damit um? Wie wird unsere Gestaltung dazu beitragen, wie dieses Ereignis gesehen wird? Wir hatten schnell das Gefühl, dass alles, was wir tun, jedes Wort, dass wir sprechen, jeder Strich, den wir zeichnen, noch Teil der Aufarbeitung ist.

Wie kam die Idee zu dem "Riss"?

Zunächst war uns klar: Das informelle Gedenken, die Kerzen, Blumen und Gedanken, die die Menschen immer noch dort ablegen, das soll weiterhin möglich sein. Das Mahnmal soll kein abgeschlossener Ort des Gedenkens werden, sondern etwas, das für die Menschen da ist. Der zweite Gedanke war: Wir wollten das Weiterleben im Alltag ebenso möglich machen. An diesem Ort ist ständig was los, es ist ein Verbindungsort, über den viele Menschen laufen. Wir wollten nichts hinstellen, das blockiert. So kam es zu der Idee, einen symbolischen Riss im Straßenpflaster zu schaffen.

Wie genau wird das Mahnmal aussehen?

Der 17 Meter lange Riss beginnt an der Gedächtniskirche, auf der Seite zur Budapester Straße, wo seit dem letzten Jahr die Kerzen und Blumen gesammelt abgelegt wurden. Dort sind in das Bodenpflaster runde "Linsen" eingearbeitet, sie gehören zum denkmalgeschützten Ensemble des Architekten Egon Eiermann, der auch die Gedächtniskirche entworfen hat. Der Riss verläuft dann über die Stufen bis zu den Granitplatten auf Straßenniveau. Dort verliert er sich. Das Material ist eine Bronzelegierung mit einem symbolischen Goldanteil.

Es wurde lange darüber diskutiert, ob die zwölf Opfer namentlich genannt werden sollen.

Ja, über Inschrift wurde erst während der Ausschreibung entschieden. Es waren wichtige Fragen. Wie geht man in der Öffentlichkeit damit um, was ist der Wunsch der Hinterbliebenen, wie kann man sie einbinden in die Gestaltung des Mahnmals? Vertreter der Angehörigen waren Mitglieder der Jury, die den Entwurf auswählte. Wir haben sie nicht persönlich getroffen, aber uns wurde berichtet, dass einige sehr für unseren Entwurf waren. Das hat uns bewegt.

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Ein Jahr nach dem Anschlag haben wir mit zwei Betroffenen gesprochen - dem Feuerwehrmann Frank Hoedt, der als einer der ersten Einsatzkräft auf dem Breitscheidplatz war und Petr Čižmár, dessen Frau auf dem Weihnachtsmarkt getötet wurde.
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Wie geht man mit dem Terror um?

Das kann man nicht. Man muss damit leben. Wenn jemand glaubt, er müsse solch sinnlose Dinge tun, muss unsere Gesellschaft stark genug sein, um das auszuhalten. Deswegen fanden wir, der Boden sei der richtige Ort für ein Zeichen. Eines, das sehr sichtbar sein wird, es wird golden in der Sonne glänzen und deutlich sein. Der Platz ist an dieser Stelle sehr linear, orientiert sich in eine Richtung – der Riss in die andere. Andererseits ist er nicht im Weg, er verhindert nicht, dass das Alltagsleben am Breitscheidplatz weitergeht.

Wofür steht der Riss genau?

Unmittelbar steht er für die Menschen, die am 19. Dezember 2016 aus dem Leben gerissen wurden. Er steht für die Angehörigen, denen ein Mensch entrissen wurde. Er steht auch für den Riss, der danach in unserer Gesellschaft entstanden ist. Durch den Anschlag ist ja durchaus die Offenheit unserer Gesellschaft herausgefordert worden, die Toleranz, die wir anderen Menschen entgegen bringen. Auf diesen Riss wollten wir hinweisen – andererseits aber auch zeigen, dass man einen solchen Riss heilen kann. Dass Heilung aber nicht heißt, zu verdrängen oder zu vergessen, sondern immer wieder auf diese Heilung zu schauen. Deswegen haben wir den Riss mit der goldfarbenen Bronzelegierung geschlossen. Der Riss ist beides – das Negative, das, was zerbrochen ist an jenem Tag, aber er steht auch für die Heilung.

Was denken Sie, wie die Menschen mit dem Riss umgehen werden?

Der Breitscheidplatz ist extrem lebhaft. Der Riss wird dieses Leben reflektieren. Eine Bronzelegierung läuft im Prinzip mit der Zeit an. Hat sie viel Berührung, wird sie aber immer glänzender und polierter. Zum Beispiel durch die Menschen, die darüber laufen, durch Kehrmaschinen und was auch immer auf dem Platz passiert. Das heißt: Je mehr man sich mit dem Ort befasst, desto mehr bleibt er auch in Erinnerung.

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Gibt es Kritik an Ihrem Entwurf?

Nein, erstaunlicherweise nicht. Das einzige, was wir überarbeitet haben, ist die Positionierung des Risses in Bezug auf das denkmalgeschützte Kirchenensemble. Was wir immer betonen: Der Riss weist nicht auf das konkrete Geschehen am 19. Dezember hin, nicht auf den Weg, den der Lastwagen nahm oder dergleichen. Er ist einfach ein Symbol. Wir wollten nichts konkret nachzeichnen wie dies etwa der Kopfsteinpflaster-Streifen tut, der den Mauerverlauf anzeigt. Er wurde als Orientierung geschaffen, weil die Mauer verschwunden war. Bei uns geht es um den Symbolgehalt, den jeder Betrachter für sich deuten kann.

Die meiste Kritik gab es an dem Text. Die Debatte, ob das Wort "islamistisch" darin hätte vorkommen müssen, halte ich aber für vollkommen deplatziert. Das hat mit Würde des Gedenkens nichts zu tun, nichts mit den Opfern des Anschlags, es geht vollkommen am Verständnis des Ereignisses und des Gedenkortes vorbei.

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