Breitscheidplatz

Morgenpost-Reporterin: Wie der Anschlag mein Leben verändert

Vor einem Jahr ereignete sich der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Eine Volontärin der Berliner Morgenpost erinnert sich an den Tag.

Der Breitscheidplatz im Jahr 2017

Der Breitscheidplatz im Jahr 2017

Foto: Reto Klar

Berlin.  Das letzte Mal war ich am 19. Dezember 2016 auf einem Weihnachtsmarkt. Seitdem habe ich mich keinem Weihnachtsmarkt mehr genähert. Bis heute. Ein Jahr später stehe ich wieder hier, an der Ecke von Budapester- und Kantstraße. Es regnet, ich versuche, mich in meinem Schal zu verstecken, mein Blick springt zwischen Straße und Markt hin und her. Ich halte Ausschau nach Fahrzeugen, vor allem nach Lkw. Viele Busse fahren an mir vorbei – „von denen geht keine Gefahr aus, oder?“, frage ich mich. Solche Gedanken beschäftigen mich seit einem Jahr. Wer kann mir garantieren, dass ich sicher bin? Die Antwort ist ernüchternd: niemand. Will ich mein Leben von meiner Angst einschränken lassen? Nein. Deswegen bin ich seit einem Jahr in Therapie, deswegen stehe ich jetzt hier, auf dem Breitscheidplatz.

Vor einem Jahr war ich Volontärin der Berliner Morgenpost und 21 Jahre alt. Die Redaktion am Kurfürstendamm liegt nur 300 Meter weit vom Breitscheidplatz entfernt. Ich hatte Spätdienst. Um 20.05 Uhr traf bei uns im Newsroom die Nachricht ein, dass ein Lkw auf den Weihnachtsmarkt gerast war. Wir gingen zunächst von einem Unfall aus. Der Blattmacher entschied, dass ich hinüberlaufen und von dort berichten sollte. Innerhalb von fünf Minuten war ich an der Gedächtniskirche, noch bevor die Polizei eintraf. Schnell wurde mir bewusst, dass es sich unmöglich um einen Unfall handeln konnte.

>>> Interaktiv: So nah waren die Behörden Anis Amri <<<

Immer wieder wollte ich die Bilder in meinem Kopf löschen

Während ich jetzt diesen Text verfasse, schaue ich mir zum ersten Mal wieder den Facebook-Post an, den ich einen Tag nach dem Attentat verfasst habe. „Nur wenige Minuten nach dem lauten Knall war ich da. Auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Noch auf dem Weg dorthin begegnete ich fröhlichen Menschen, in der einen Hand die vollen Tüten, in der anderen gebrannte Mandeln. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass etwas so Schlimmes passiert und die Menschen drumherum noch so hoffnungsvoll den Kudamm entlangschlendern. Ein Funken Hoffnung – bis plötzlich Budenbesitzer hysterisch umherrennen und schreien, dass alle schnell schließen sollten. Eine Gasexplosion soll es gegeben haben. Jetzt werden auch die Sirenen lauter. Und dann, wenige Meter weiter: Das fröhliche Treiben ist ausgelöscht. Weinende Menschen, überall, sie halten sich in den Armen und rufen ihre Lieben an, zittern, manche starren auch einfach nur vor sich hin, sprechen kein Wort. Vor uns: Ein Bild der Verwüstung, zahlreiche Menschen liegen am Boden, drumherum ist alles zerstört. Da liegt Lametta, ein Stück Wand einer Bude und überall Körper“, schreibe ich. Dreimal wurde der Text geteilt, 79-mal gelikt, mit 32 Traurig-Smileys und sieben Herzen kommentiert.

Meine Hände sind feucht, es fühlt sich komisch an, diese Zeilen zu lesen. Immer wieder habe ich versucht, die Bilder in meinem Kopf zu löschen, auf meinem Smartphone hat das gut geklappt. Aber jetzt ist alles wieder da, fühlt sich merkwürdig real an. Wenn ich den Namen Anis Amri lese, zieht sich mein Magen zusammen. Schnell weg, denke ich. Sogar einen Wikipedia-Eintrag hat er, ärgere ich mich, in dem er als ein „mehrfach verurteilter tunesischer Gewalttäter und islamistischer Attentäter“ beschrieben wird. Eigentlich ist er aber viel mehr als das. Er hat das Leben von Hunderten schlagartig verändert. Er hat Menschen getötet, verletzt und verstört. Einen Tag nach seinem 24. Geburtstag wurde er erschossen, einen Tag vor Heiligabend. Ein Weihnachtsfest, das für mich den Beginn eines neuen Abschnitts darstellt.

Wenn man Angst hat, lernt man, sich abzulenken

Am 20. Dezember 2016 soll mein Zug in die Heimat gehen. Eine Stunde vor Abfahrt vibriert mein Handy, man habe den Falschen gefasst, der Attentäter vom Breitscheidplatz sei noch immer auf freiem Fuß. Fünfmal lese ich diese Zeilen. In einen Zug zu steigen, in dem dieser Mann sitzen könnte, scheint mir unmöglich. Eine Freundin fährt mich schließlich zum Zug, im Schlepptau habe ich meine beiden Hunde und hoffe, dass sie mich irgendwie beschützen. Wenn man Angst hat, lernt man, sich abzulenken – ich kann mittlerweile etliche Streckennetze, Notausgänge und Sicherheitsanweisungen auswendig – und sich schon an Kleinigkeiten zu klammern, die einem scheinbar Sicherheit geben.

Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag

Ein Jahr nach dem Anschlag haben wir mit zwei Betroffenen gesprochen - dem Feuerwehrmann Frank Hoedt, der als einer der ersten Einsatzkräft auf dem Breitscheidplatz war und Petr Čižmár, dessen Frau auf dem Weihnachtsmarkt getötet wurde.
Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag

An den folgenden Tagen umgebe ich mich nur mit engen Freunden, gehe an wenige öffentliche Orte, bis ich am 26. Dezember wieder nach Berlin fahre. Ich habe wieder Dienst und soll eine Seite über das Attentat produzieren. Ich traue mich nicht zu sagen, dass sich das falsch und unangenehm für mich anfühlt. „Ich krieg das schon hin“, rede ich mir ein und mache meinen Job.

Bis zu einer Bahnfahrt vier Wochen später. Ich bekomme keine Luft mehr, Tränen stauen sich in meinen Augen, meine Hände zittern. Ich renne aus der Bahn und setze mich auf nasse Treppenstufen. Mit der Hand vorm Mund versuche ich, meine Atmung zu beruhigen und gehe den restlichen Weg zu Fuß. Es ist, als wäre ein Deckel von einem überkochenden Topf geöffnet worden, den ich nicht mehr schließen kann. Ständig bin ich überfordert. Mir macht Dunkelheit Angst, Betrunkene, die sich unkoordiniert bewegen, Menschenmengen und das schlimmste: U-Bahn-Fahrten. Und zum ersten Mal gestehe ich mir ein, dass der 19. Dezember kein normaler Tag für mich ist, sondern ein Tag, an dem ich Zeugin und Opfer einer Gewalttat geworden bin. Und wenn es mir schon so geht, wie gehen dann wohl die damit um, die Zeuge geworden sind oder einen geliebten Menschen verloren haben? Diese Frage stelle ich mir immer wieder.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Irgendwann konnte ich nur noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, wenn ich dabei telefonierte. Die Stimme am Ohr lenkt mich ab, gibt mir Sicherheit und Ruhe. Ich will so nicht mehr weitermachen. Zusammen mit einem Freund sehe ich mich nach einer Therapeutin um. Zusätzlich wird mir von der Berufsgenossenschaft Trauma-Therapie angeboten. Und so beginnt ein neuer Lebensabschnitt, in dem ich mir einige Auszeiten nehme. Seitdem sitze ich nahezu jede Woche in einem Therapiesessel. Am Anfang fällt es mir noch schwer, anderen davon zu erzählen. Nicht, dass man mich für verrückt, labil oder schwach hält. Mittlerweile weiß der Großteil meiner Freunde, Familie und Kollegen Bescheid. Und bis heute hat mich niemand dafür verurteilt. Im Gegenteil.

Vor wenigen Wochen habe ich dann meine Therapeutin angesprochen. Ich wolle versuchen, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen. Natürlich nicht auf den Breitscheidplatz, aber vielleicht zur Kulturbrauerei oder dem Gendarmenmarkt. Gemeinsam mit Freunden erhoffe ich mir einen Abend am Glühweinstand, bei dem ich irgendwann meine Umgebung vergesse. Das sei keine gute Idee, sagt mir meine Therapeutin. Ich müsste mich meiner Angst stellen, ohne mich abzulenken. Ich bin genervt und wütend. „Lassen Sie uns das gemeinsam machen“, sagt sie mir. „Wie Sie meinen“, nuschle ich. Wir vereinbaren den Termin, „und dann schauen wir mal, was wir machen“, sagt sie.

Um 16 Uhr geht es los. Ich bin eine Viertelstunde zu spät. Erst fahren wir zum Hauptbahnhof. Ich hasse diesen Ort, weil er für mich unübersichtlich, eng und mit dem Anschlag verknüpft ist. „Ich lasse Sie jetzt allein und komme wieder. Hören Sie auf Ihre Gefühle und lenken Sie sich nicht ab“, sagt sie mir und verschwindet. Ich fühle mich, als stünde ich nackt auf dem Tisch eines Restaurants, angegafft von allen. Irgendwann lasse ich mich doch von dem Lageplan des Hauptbahnhofs ablenken.

Da ist die Therapeutin wieder. „Wie fühlen Sie sich auf einer Skala von gut, eins bis zehn, schrecklich?“, fragt sie mich. Sechs bis sieben. Wir fahren S-Bahn. Zum Bahnhof Zoo. „Hat das eben nicht schon gereicht?“, frage ich mich, als wir dasselbe Spiel am Zoo wiederholen. Sieben bis Acht. „Sie wissen ja jetzt, wo es hingeht“, sagt sie mir. Ungläubig schaue ich sie an. Ist das ihr Ernst? Sie weiß doch, dass ich da nicht hin kann. Der Breitscheidplatz ist eine glatte Zehn.

Und jetzt stehe ich hier. Sie hat mich wieder allein gelassen. Nach zehn Minuten würde ich mir gern ein Brot kaufen, aber innerlich höre ich sie sagen, ich soll mich nicht ablenken. Meine Gefühlskurve hat sich langsam gesenkt, ich bin jetzt nur noch bei einer Sechs bis Sieben. Also schaue ich mich um. Da stehen Sicherheitsbeamte unter dem Weihnachtsmarkt-Schild, wo vor einem Jahr der Lkw reinfuhr. Rechts und links daneben Betonsperren. Polizisten patrouillieren mit Maschinengewehr durch die verwinkelten Gänge. Menschen machen Fotos. Ich werde wütend, frage mich, warum sie Aufnahmen von diesem Ort machen. Nur weil es ein schöner Weihnachtsmarkt ist – oder weil es der Berliner Weihnachtsmarkt ist? Da lagen die Menschen, in dem Glühweinstand fand die Erstversorgung der Zeugen statt und da stand der Lkw.

Mein neues Jahr beginnt am 20. Dezember

Und plötzlich mischt sich ein anderer Gedanke dazwischen. „Eigentlich mag ich Weihnachtsmärkte.“ Meine Therapeutin steht wieder vor mir und lädt mich zum Café ein, mit Blick auf den Breitscheidplatz. Bis heute war ich wütend. Wütend auf Anis Amri, wütend auf meinen Job, wütend auf das Versagen der Behörden, wütend auf den IS, wütend auf mich. Aber jetzt ist nur Platz für ein Gefühl. Ich bin stolz. Unglaublich stolz, erleichtert und froh. Ich dachte, ich würde es nicht schaffen, jemals wieder an diesen Ort zu gehen.

Schon vor Wochen hatte ich den Wunsch, dazu einen Text zu schreiben, aber ich wusste, dass ich dafür an den Breitscheidplatz zurückkehren müsste. Auf dem Heimweg schreibe ich meinem Chef, dass ich eine Geschichte zum Jahrestag des Anschlags schreiben möchte. Und jetzt ist sie hier und markiert den Beginn meines neuen Jahres. Mein neues Jahr beginnt nicht mehr am 1. Januar. Mein neues Jahr beginnt am 20. Dezember.

Mehr zum Thema:

Alle Berichte zum Anschlag auf den Breitscheidplatz

Protokoll des Anschlags - die ersten drei Tage

Strenge Sicherheitsvorkehrungen beim Terror-Gedenktag

Der „Riss“ am Breitscheidplatz: Wie das Mahnmal entstand

Attentäter Amri hatte offenbar noch andere Orte im Visier

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.