Nach dem Anschlag

Der Breitscheidplatz - Berlins schwieriger Ort

Acht Wochen nach dem Anschlag am Breitscheidplatz: Wie soll man des Unvorstellbaren gedenken? Eine Suche nach Antworten.

Das Meer ist größer geworden. Am Freitagmorgen läuft es am Fuß der Gedächtniskirche die Treppen hinunter, oder sollte man besser sagen: Es wächst? "Ja, und das darf auch ruhig so sein", sagt Jörg Nöthe und schiebt Grabkerzen, Windlichter und Tulpensträuße zurecht. Nöthe ist seit Anfang Januar zuständig für die Pflege des Kerzenmeeres zum Gedenken an die Opfer des Attentats vom 19. Dezember. Vielleicht weil Nöthe, 52 Jahre alt, Brille, olivfarbener Fleecepulli, grüne Arbeitshandschuhe, so zuständig aussieht, wenden sich alle an ihn, die Fragen haben. Nöthe versucht dann das zu tun, was viele andere momentan lieber vermeiden: Antworten zu geben zu Berlins so schwierigem Ort.

Drei Meter von dort, wo an jenem Abend der Terrorist Anis Amri mit einem Lastwagen zwölf Menschen tötete und rund 50 verletzte, schauen jetzt vier Passanten Jörg Nöthe dabei zu, wie er mit einem großen Schritt mitten ins Kerzenmeer tritt. Die Blicke fragen: Darf der das? Eine junge Frau zückt das Handy, eine ältere fragt in rheinischem Singsang: Wo genau dieser Lkw in den Weihnachtsmarkt gefahren sei? Eine Chinesin mit Rollkoffer bleibt irritiert stehen: Ist jemand gestorben? Und wo der Eingang zur Gedächtniskirche sei?

Kerzen, Blumen, Bären und Hassbotschaften

Jörg Nöthe ist Gartenbautechniker, sein Auftraggeber ist die AG City, die die Gewerbetreibenden rundum vertritt. Normalerweise pflegt Nöthe Gärten und Grünanlagen. Mahnmale oder gar Friedhöfe waren nie seine Aufgabe. Nun hat er dieses Beet, angelegt auf Beton, gegründet auf gewaltsamen Tod, besucht und betrachtet von Hunderten Menschen am Tag. Manche bringen Kerzen, manche täglich, manche kennt Nöthe inzwischen gut. Das Windlicht ganz vorn zündet jeden Tag ein Pole wieder an, der aus der Nähe des Heimatortes des getöteten Lastwagenfahrers stammt. "Er ist obdachlos und wohnt am Bahnhof Zoo", sagt Nöthe.

Themen-Spezial: Der Anschlag am Breitscheidplatz

Der Pole habe ihm und seinen Töchtern bei der "Umbettung" geholfen, bei der Zusammenführung der vielen Kerzenmeere am Platz, die ersten waren direkt nach dem Anschlag entstanden. Seit zwei Wochen sind sie aus Sicherheitsgründen am Fuß der Kirche zusammengefasst. Umbettung, das Wort wirkt groß, aber das ist ja auch das Problem: Es gibt keine angemessenen Worte dafür, was am Breitscheidplatz jetzt gerade passiert. Der Platz ist ja kein Friedhof. Andererseits kann man nicht einfach zum Alltag übergehen. Also sind die Kerzen da.

Und Gärtner Nöthe, der jetzt Bonbontüten aus dem Meer fischt, Zigarettenstummel. Das Treibgut des Alltags verfängt sich zwischen Kerzen, Blumen, Bären und Botschaften wie "Gegen das Vergessen der Politik!" oder "Sichere Grenzen – sichere Zukunft!" Eindeutige Hassbotschaften werfe er weg, sagt Nöthe, wo ist die Grenze, was verträgt ein solcher Ort? Nöthe entscheidet nach Bauchgefühl.

Wenn in Berlin etwas Unvorstellbares passiert, etwas, das die Stadt erschüttert, dann treffen sich die Berliner in der Gedächtniskirche. Nach Unglücken, dem Tod großer Bürger, aber auch nach dem Mauerfall wurde Berlins Symbol mit dem kriegszerstörten Turm zum Sammlungs-Ort, konkret und im übertragenen Sinn. Auch nach dem Anschlag war das so. Die Kirche voll. Zum Gedenkgottesdienst am Tag danach kamen Angela Merkel, Joachim Gauck, alle Landespolitiker. Abertausende trugen sich ins Kondolenzbuch ein.

Kein Angriff auf das Christentum

Inzwischen ist das Bedürfnis abgeflaut. Zu Abendgebeten sitzen an einem Mittwoch im Februar nur rund 20 Menschen in dem großen Raum. Eine Gruppe Schüler tuschelt, zwei französische Touristen verlassen den Raum, als Pfarrer Martin Germer die Gäste auf Deutsch begrüßt. Der Pfarrer, seit 2005 hier im Amt, ist ein leidenschaftlicher Erzähler, man hört ihm gern zu.

In Köln, so beginnt er die Andacht, stünde jetzt vielleicht noch der Weihnachtsbaum in der Kirche. Dort lasse man den Schmuck bis Anfang Februar stehen, um zu zeigen, dass die Weihnachtsbotschaft weiterwirke ins neue Jahr. "In Berlin sagt man kurz nach Neujahr: weg damit." Schon sind die Bilder wieder da. Von der Schneise im Weihnachtsmarkt. Vom Weihnachtsbaum in der zersplitterten Scheibe des Lastwagens. Auch wenn der Pfarrer es nicht so gemeint hat, sondern im Gegenteil: als Mut machende Botschaft, Weihnachten wird an diesem Ort lange nicht ohne diese Bilder vorstellbar sein.

Dass der Täter mit dem Markt das Symbol des Christentums hatte treffen wollen, womöglich die Gedächtniskirche als Symbol für Versöhnung – Germer hält es für unwahrscheinlich. "Es war ein Angriff auf die Gesellschaft an sich." Das klingt unaufgeregt. So wie die Reaktion der Berliner, von der Germer sagt, sie habe gezeigt, dass der Terror sein Ziel nicht erreicht habe. Im Gegenteil.

Was bleibt, ist die Trauer der Hinterbliebenen, die Schmerzen der Opfer, einige kämpfen mit schwersten Verletzungen. Wie viele Helfer und Augenzeugen das Erlebte seelisch traumatisiert hat, weiß niemand. Rund 130 Betroffene hätten sich nach dem Anschlag beim Berliner Krisendienst gemeldet, heißt es dort. Immer noch kämen Menschen, die jetzt erst merkten, dass sie diese Bilder alleine nicht loswürden. Noch immer kommen Menschen in die Kirche, um zu sprechen und Mitgefühl zu bekunden, sagt Germer. Er findet es deshalb richtig, das Kerzenmeer zu erhalten.

10.000 Einträge in die Kondolenzbücher

Was wird mit der Erinnerung? Es ist nicht ganz einfach. Da sind zum Beispiel die Kondolenzbücher, Pfarrer Germer schätzt, dass sich zwischen 7000 und 10.000 Menschen eingetragen haben, rekordverdächtige 700 Seiten sind es geworden. Sie werden gebunden und Teil des Kirchenarchivs – wenn auch nicht öffentlich. Ohne Einwilligung der Verfasser dürfen die Einträge nicht öffentlich gemacht werden.

Beschlossen ist, dass es am Platz auf jeden Fall eine dauerhafte Form des Gedenkens geben soll, heißt es in der Senatskanzlei. Ob Platte oder Stele, mit welcher Inschrift, soll noch entschieden werden. Zum ersten Jahrestag könnte es ein öffentliches Gedenken geben. Noch seien aber viele Hinterbliebene und Verletzte nicht so weit, sich an der Planung zu beteiligen. Offen ist zum Beispiel, ob die Opfer auf einer Gedenktafel namentlich genannt werden. In London sind die Opfer der Anschläge von 2005 auf einer Gedenktafel verzeichnet. Im Fall des Attentats auf die Diskothek La Belle 1986 in Friedenau hat man darauf verzichtet.

Hinter den Kulissen, heißt es im Roten Rathaus, gebe es durchaus persönliche Kontakte zu allen Betroffenen. Nicht allein, weil Spenden zu vergeben sind. Vermittler dabei ist auch der Opferbeauftragte des Landes Berlin, der Rechtsanwalt Roland Weber. Der Anwalt tritt Vorwürfen entgegen, Politik und Medien würden die Opfer ignorieren. Auch am Rande des Kerzenmeers heißt es immer wieder: Während der polnische Lkw-Fahrer, das erste Attentatsopfer, in seiner Heimat zum Volkshelden wurde, während Italien und Israel ihre Toten namentlich betrauerten, würde über die Opfer aus Deutschland nichts bekannt. Dies liege daran, dass die Verletzten und Hinterbliebenen das nicht wollen, sagt Weber. Alle Medienanfragen habe er an die Betroffenen weitergegeben, "ich habe inzwischen mit acht oder neun Familien der Todesopfer gesprochen und mit rund zwei Dutzend Verletzten". Doch bisher lehnten fast alle es ab, sich öffentlich zu äußern. "Ich finde, das sollten alle respektieren."

In Deutschland gilt das Persönlichkeitsrecht, nach dem niemand gegen seinen Willen öffentlich genannt oder gezeigt werden darf. Zuwiderhandlungen können empfindlich bestraft werden.

Was ist übertrieben, was ist geschmacklos?

Mit den konkreten Fragen am Platz beschäftigen sich einstweilen andere. Wie viel Vorsicht ist gut, was ist übertrieben? Ist es geschmacklos, wenn der Karnevalszug auf dem Breitscheidplatz endet, macht es die Sache besser, wenn er nur mit leiser Musik daran vorbei- zieht? So verfügten es die Behörden. Die Idee von Künstlern, am Tatort ein Gedenk-Spektakel mit einem Lkw zu veranstalten, kam letztlich nicht zustande. Man muss wohl sagen: zum Glück. Als die Betreiber des Weihnachtsmarktes nach dem Attentat beschlossen, wieder zu öffnen, schrieben sie auf ihrer Homepage, wie sie abwägen mussten. Würde es gefühllos wirken? Oder nicht doch als Zeichen, dem Terror keinen Fußbreit Raum zu geben? Sie schrieben: "In so einer Situation ist es unheimlich schwer, das Richtige zu tun."

Das gilt wohl für alle. Inzwischen fühlen sich gerade die direkten Anrainer ziemlich alleingelassen mit den konkreten Fragen. Den Gärtner zum Beispiel hat die AG City auf eigene Kosten beauftragt, sagt etwa Klaus-Jürgen Meier, Vorstand der AG City, "ansonsten hören wir von der Politik wenig". Schon in wenigen Wochen stehen die nächsten Großveranstaltungen an. Zum Kirchentag im Mai werden 140.000 Besucher erwartet, im August stehen zum Sommerfest wieder Marktstände am Platz. Gibt es erhöhte Sicherheitsmaßnahmen wie im Dezember? Die AG City und der Bezirk verweisen auf die Polizei. Maßnahmen wie etwa die Betonquader, die nach dem Attentat platziert wurden, sehen viele kritisch. Sie könnten bestenfalls psychologische Wirkung haben. Inzwischen weiß man zwar, dass der Täter hätte gestoppt werden können. Aber wohl eher im Vorfeld als am Breitscheidplatz.

Als einer der ersten Akteure wird Reinhard Naumann, Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf (SPD) die schwierige Bühne wieder offiziell betreten, die der Breitscheidplatz ja immer war. Er habe bewusst acht Wochen nach dem Anschlag zu seinem monatlichen Kiezspaziergang dorthin geladen, sagt er. Treffpunkt ist das Kerzenmeer, erstes Thema: Gedenken. Rund 150 Gäste folgen seiner Einladung am Sonnabend.

Video: Mindestens zwölf Tote auf dem Weihnachtsmarkt

Die Tragödie auf dem Breitscheidplatz hat zwölf Tote gefordert. 48 Menschen liegen teils schwer verletzt in Krankenhäusern.
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