Zwei große Betonplatten auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße sind beschädigt und werden mit einer Metallklammer zusammengehalten. Es sind die letzten sichtbaren Zeichen des dramatischen Geschehens hier auf der Kreuzung zur Nürnberger Straße vom Abend des 1. Februar. Zwei Männer sollen spontan ein illegales Autorennen gefahren sein. Auf der Kreuzung kam es bei hohem Tempo zum Zusammenprall mit dem Geländewagen eines 69-Jährigen. Der Mann hatte keine Chance, er starb noch am Unfallort.

Von Donnerstag an stehen die beiden Männer, die den Unfall mit ihren PS-starken Autos verursachten, weil sie nicht nur viel zu schnell, sondern auch bei Rotlicht gefahren sein sollen, vor Gericht. Die Justiz fährt schwere Geschütze gegen den 27-jährigen Hamdi H. und den 24 Jahre alten Marvin N. auf. Der Tatvorwurf lautet Mord. Es ist der schwerste Vorwurf, den das Strafrecht vorsieht.

Tödlicher Unfall bei illegalem Autorennen

Am Tauentzien in der City West starb in der Nacht zum 1. Februar 2016 ein Rentner. Ein Sportwagen krachte in voller Fahrt in den Jeep des Mannes.
Am Tauentzien in der City West starb in der Nacht zum 1. Februar 2016 ein Rentner. Ein Sportwagen krachte in voller Fahrt in den Jeep des Mannes.© ABIX | Foto: ABIX
Zwei Sportwagenfahrer hatten sich zuvor ein illegales Rennen geliefert.
Zwei Sportwagenfahrer hatten sich zuvor ein illegales Rennen geliefert.© ABIX | Foto: ABIX
Dabei rasten die beiden Fahrer bei Rot über mehrere Ampeln.
Dabei rasten die beiden Fahrer bei Rot über mehrere Ampeln. © ABIX | Foto: ABIX
Ein Mercedes konnte ausweichen, ein Audi prallte auf den Jeep.
Ein Mercedes konnte ausweichen, ein Audi prallte auf den Jeep.© Abix | Abix
Der Mercedes wurde durch die Luft geschleudert und landete auf der Mittelinsel.
Der Mercedes wurde durch die Luft geschleudert und landete auf der Mittelinsel.© ABIX | Foto: ABIX
Der 69 Jahre alte Fahrer des Jeeps starb noch am Unfallort.
Der 69 Jahre alte Fahrer des Jeeps starb noch am Unfallort.© ABIX | Foto: ABIX
Die Fahrer der beiden anderen Autos wurden schwer verletzt.
Die Fahrer der beiden anderen Autos wurden schwer verletzt.© ABIX | Foto: ABIX
Auch eine Beifahrerin kam in ein Krankenhaus.
Auch eine Beifahrerin kam in ein Krankenhaus.© Abix | Abix
Der am Unfall beteiligte Mercedes soll sich mehrfach überschlagen haben.
Der am Unfall beteiligte Mercedes soll sich mehrfach überschlagen haben.© ABIX | Foto: ABIX
Experten der Kriminaltechnik ermitteln.
Experten der Kriminaltechnik ermitteln.© ABIX | Foto: ABIX
Einer der Unfallwagen zertrümmerte die Betonumrandung der Mittelinsel.
Einer der Unfallwagen zertrümmerte die Betonumrandung der Mittelinsel.© Steffen Pletl | Steffen Pletl
Erst der Erdwall des Beetes stoppte das Auto.
Erst der Erdwall des Beetes stoppte das Auto.© dpa | dpa
Übrig blieben Betonbrocken.
Übrig blieben Betonbrocken.© Steffen Pletl | Steffen Pletl
Der Tauentzien war über Stunden gesperrt.
Der Tauentzien war über Stunden gesperrt.© dpa | dpa
Und es musste ein neuer Ampelmast aufgestellt werden.
Und es musste ein neuer Ampelmast aufgestellt werden.© Steffen Pletl | Steffen Pletl
Viele kleine Einzelteile der Fahrzeuge wurden über die Straße verteilt.
Viele kleine Einzelteile der Fahrzeuge wurden über die Straße verteilt.© dpa | dpa
Die BSR reinigte die verschmutzte Fahrbahn.
Die BSR reinigte die verschmutzte Fahrbahn.© Steffen Pletl | Steffen Pletl

Laut den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft hatten sich die Männer spontan dazu verabredet, mit ihren Autos ein illegales Rennen zu fahren. Sie sollen zeitweise mit Tempo 160 über Kurfürstendamm und Tauentzienstraße gerast sein, nebeneinander, und dabei mehrfach rote Ampeln missachtet haben. Für die Ermittler haben die Männer damit den tödlichen Ausgang billigend in Kauf genommen. Dass jeder das Rennen gewinnen und daraus Selbstbestätigung ziehen wollte, betrachtet der Staatsanwalt als sogenannten niederen Beweggrund.

Unfall bringt Rennszene ins Licht der Öffentlichkeit

Der Unfall hat die illegalen Straßenrennfahrer und die Szene der Profilierungsfahrer, die mit aufgemotzten Autos Straßen wie den Kurfürstendamm auf und ab fahren, verstärkt ins Licht gerückt. Die Polizei reagierte mit zahlreichen Maßnahmen. Polizeipräsident Klaus Kandt kündigte schon wenige Tage nach dem schweren Unglück „stadtweite Schwerpunktkontrollen“ an und setzte diese auch umgehend in die Tat um. Zu den Einsätzen zählten nicht nur Geschwindigkeitskontrollen. Vielmehr wurden auch gezielt die Profilierungsfahrer auf ihren bevorzugten Strecken ins Visier genommen. Sie haben oft technische Veränderungen an ihren Wagen vorgenommen, die nicht erlaubt sind.

[kein Linktext vorhanden]

Zumeist sind die Autos ausgesprochen laut. Durch pausenloses Herumfahren mit hohen Drehzahlen in kleinen Gängen und „Kavaliersstarts“ an Ampeln versuchen die zumeist jüngeren Männer, die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu ziehen. Außerdem sind nach Ansicht der Ermittler die Grenzen zwischen Profilierungsfahrten und illegalen Rennfahrten fließend. Häufig schaukeln sich die Fahrer nebeneinander vor einer Ampel wartend gegenseitig auf und starten eine gefährliche Wettfahrt.

Gesetzesantrag für härtere Strafen

Hier setzte die Polizei mit ihren Maßnahmen an. Bei den Kontrollen wurde besonders auf den technischen Zustand der Autos geachtet. Bisher wurden nach Polizeiangaben 177 Wagen aus dem Verkehr gezogen, weil sie gravierende technische Mängel hatten. Gründe waren unter anderem manipulierte Auspuffanlagen, unzulässige Umbauten, defekte Bremsen und Mängel an der Beleuchtung. Außerdem hat die Polizei in diesem Jahr 46 Verfahren wegen der Teilnahme an illegalen Straßenrennen eingeleitet. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 41 Verfahren nach 38 beziehungsweise 35 in den Jahren 2014 und 2013.

Doch für die Polizei ist es nach wie vor schwierig, die Täter zu fassen. Sie suchen sich immer wieder andere Straßen, auf denen sie ihre für sie und für Unbeteiligte gleichermaßen gefährlichen Wettfahrten austragen. „Illegale Autorennen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie entweder konspirativ und sehr kurzfristig an Orten und zu Zeiten verabredet werden, an denen eine polizeiliche Feststellung unwahrscheinlich ist, oder dass sie nach spontanem und zufälligem Zusammentreffen Gleichgesinnter im Begegnungsverkehr durchgeführt werden“, teilte die Innenverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen in Amtsdeutsch mit. Um illegale Autofahrer härter bestrafen zu können, hat Nordrhein-Westfalen einen Gesetzesantrag im Bundesrat vorgelegt. Darin werden bis zu drei Jahre Haft und längere Führerscheinentziehungen gefordert.