Jubiläum

Das Europa-Center feiert 50. Geburtstag - mit den Berlinern

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Brigitte Schmiemann

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Es war eines der ersten Hochhäuser der Stadt. Und das erste Haus in Berlin, das Restaurants, Büros und Nachtleben zusammenbrachte. Am Donnerstsag wird nun der 50. Geburtstag gefeiert.

Das Europa-Center gehört dazu. Genau wie der Zoo oder der Kurfürstendamm. Genau wie der Stern, der sich Tag und Nacht dreht. Zwischendurch sah es mal eher mau aus für das Hochhaus gleich in der Nähe der Gedächtniskirche. Jetzt aber, pünktlich zum 50. Geburtstag, ist der Aufwind wieder deutlicher zu spüren. Wie überhaupt hier in der Gegend um Tauentzien und Kudamm, die jetzt alle City West nennen. Das klingt gleich nach mehr.

Ein Geburtstag gehört gefeiert. Mit einer Party am kommenden Donnerstag, mit einem Showprogramm vor der „Uhr der fließenden Zeit“, die im Erdgeschoss beginnt und gleich drei Etagen hoch wächst. Asiatische Reisegruppen kommen sogar nachts vorbei, um sie sich anzuschauen. Eine Torte wird es auch geben. Die wollen Eigentümer Christian Pepper und der Regierende Bürgermeister Michael Müller gegen ein Uhr anschneiden.

Und abends gibt es Feuerwerk vom Dach. Aber es ist nicht nur das Jubiläum, das die Geschäfte und die Menschen, die hier arbeiten, feiern wollen. Seit ein paar Monaten spürt man deutlich, dass wieder mehr Leute hier hinkommen. Berliner, genauso wie Touristen. Bis zu 40.000 Besucher kommen jeden Tag in die rund achtzig Geschäfte und Restaurants.

„Die Stachelschweine“ sind seit 1949 dabei

Charlotte Reeck gehört seit 1989 zum Europa-Center. Sie ist Geschäftsführerin des ältesten Mieters im Haus: Das Kabarett „Die Stachelschweine“. Gegründet wurde die Gruppe schon 1949. Am 17. April 1965, also knapp zwei Wochen nach der Eröffnung des Hauses, gaben die Stachelschweine im Europa-Center ihre erste Vorstellung mit dem vielsagenden Titel: „Vor 20 Jahren war alles vorbei.“ Auch heute noch sind die 331 Plätze gut besucht. Besonders gern gesehen ist die Spätvorstellung am Sonnabend „Kabarett & Currywurst“.

„Es gibt auch bei uns Auf und Ab“, sagt Reeck. Nach den schweren Jahren mit den ständigen Bauarbeiten auf dem Tauentzien und der verhüllten Gedächtniskirche laufe es aber schon seit Längerem wieder sehr gut. „Die City West ist im Aufwind, es gibt viele neue moderne Angebote im Haus, das macht sich auch bei uns bemerkbar.“ Sie mag den „familiären Touch“ im Center: „Es lebt, und ich fühl’ mich hier einfach heimisch, das Center hat Seele und Ausstrahlung, es ist nicht so nüchtern und uniform wie andere.“

Der Traum vom zweiten Ensemble

Wenn sich Charlotte Reeck etwas wünschen dürfte, wäre es ein junges Ensemble, das sie zusätzlich zum bestehenden aufbauen würde. „Davon träume ich. Auch um den jungen Leuten eine Chance zu geben, denn es gibt ja keinen Lehrgang Kabarett“, erzählt sie. Öffentliche Zuschüsse für den Spielbetrieb habe es noch nie gegeben. Umso mehr schätzt sie das gute Verhältnis zu den Hauseigentümern, „die den Theaterbetrieb noch nie durch eine lukrativere Vermarktung infrage gestellt haben“. Das Kabarett bringt auch abends Leben ins Center.

Center-Manager Uwe Timm ist einer von dreien, die neben dem Eigentümer und dem Leitwart über einen Generalschlüssel verfügen. Der 51-Jährige kümmert sich seit zwölf Jahren um das Europa-Center. Dazu gehört, dass er fast immer erreichbar ist. Für Timm ist das Europa-Center unverwechselbar. Ein Unikat – und mit seiner Vielfalt aus Wohnen, Parken, Shoppen, Büros, Restaurants, Unterhaltung und Hotelbetrieb multifunktional. Trotz regelmäßiger Modernisierung habe das Haus seine Eigenheiten bewahrt. Fast alle im Center kennen sich. „Für sie ist der Standort am Tauentzien etwas ganz Besonderes, darauf sind alle stolz“, so Timm.

Weil Timm bei der Vermietung Wert auf Vielfalt legt, kann die Ladenmiete auch schon mal unterhalb der üblichen Preise liegen. „Ein Comicladen beispielsweise ist nicht vergleichbar mit profitablen Einrichtungen. Dann vereinbaren wir eine für diesen Nutzer verträgliche Miete“, erläutert er. Stolz ist er, dass im Europa-Center an der Seite zum Tauentzien aber auch Berliner Spitzenmieten von 333 Euro nettokalt pro Quadratmeter erzielt werden. Innen liegen sie laut Timm bei 25 bis 75 Euro. Die Vermietung der Büroflächen im Hochhaus lief nicht immer so gut wie jetzt. Aber heute sind alle 20 Etagen vermietet. „Als Mitte boomte, hatten wir beträchtlichen Leerstand. Doch seit fast vier Jahren sind wir stark nachgefragt“, freut sich Timm. Bei der Miete ist die Devise: Je höher desto teurer. In den oberen Etagen kostet der Quadratmeter um die 20 Euro kalt.

Bis heute ist das Europa-Center rund um die Uhr geöffnet

Der 2. April 1965 war ein Freitag. Der Regierende Bürgermeister hieß damals Willy Brandt. Noch nicht einmal zwei Jahre hatte es von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung gedauert. Es war nicht nur das erste Hochhaus am Breitscheidplatz – 86 Meter hoch, mit Sockel, Mercedes-Stern und Antenne sogar 103 Meter. Es war auch Berlins erstes Center, das Geschäfte, Restaurants und Büros in einem Ensemble vereinte. Bis heute ist es rund um die Uhr geöffnet. Es gab ein Hotel, damals noch mit Spielcasino, ein Parkhaus mit Thermen und Schwimmbecken auf dem Dach sowie ein Erstaufführungskino, der Royal-Palast. Während viele West-Berliner nach dem Mauerbau ihre Koffer packten, setzte Unternehmer Karl Heinz Pepper (1910–2003) mit seinem Bauprojekt in der eingemauerten Stadt ein Zeichen. Das Europa-Center wurde als Symbol für den Überlebenswillen West-Berlins gefeiert.

Pepper hatte die Idee für diesen in Berlin völlig neuen Geschäftshaustyp aus Amerika mitgebracht, wo er sich für sein Berliner Projekt vom New Yorker Rockefeller Center hatte inspirieren lassen. „Daraus ist eine Lebensaufgabe geworden“, sagt sein Sohn Christian Pepper. Als 13-Jähriger war er bei der Grundsteinlegung dabei, längst hat er die Geschäfte des Vaters übernommen, inzwischen sind seine Kinder ebenfalls damit betraut. Beim großen Jubiläumsgewinnspiel haben die Teilnehmer die Chance auf einen Flug nach New York, Hotel und Taschengeld zum Einkaufen im Rockefeller Center inklusive, für zwei Personen. Die Loskarten mit Fragen, die beantwortet werden müssen, können ab Montag bis zum 4. April in einen Kasten am Infostand eingeworfen werden.

Beständigkeit ist hier Geschäftsprinzip

Das Geschäftshaus hat im Laufe der Jahrzehnte etliche Umbauten und Modernisierungen erlebt. So wurde der Royal-Palast 2006 vorsichtig abgetrennt vom Shoppingcenter und der Neubau für Saturn errichtet. Gerade wird auch die Fassade am Center überholt. Doch Beständigkeit ist hier Geschäftsprinzip. Wie die kunstvollen vier Meter langen Leuchten, die der Bruder des Bauherrn in Murano anfertigen ließ.

Dass auch am Geburtstag alles sauber ist, dafür sorgt Kasi Ali Yozoglu, Mitarbeiter der Firma Aamex. Im Europa-Center hat Yozoglu sein Berufsleben begonnen, 1978 als junger Mann aus Izmir mit seinen Eltern nach Berlin gezogen, arbeitete er sich als Putzkraft bis zum Objektleiter hoch.

24 Mitarbeiter der Reinigungsfirma sind sieben Tage die Woche im Europa-Center im Einsatz, im Drei-Schicht-Betrieb von 4 Uhr morgens bis 21 Uhr abends, freitags eine halbe Stunde länger. Für seine Firma verantwortet Yozuglu die Reinigung etlicher großer Gebäude. Doch das Europa-Center mag er besonders. „Das ist mein Lieblingsbaby“.

Die Büros im Hochhaus werden montags bis freitags geputzt. Kasi Ali Yozoglu plant die Arbeiten generalstabsmäßig, dem Zufall überlässt er nichts. Genauso wie der Center-Gründer vor 50 Jahren.

Ute Fabry, Büroleiterin der Werbegemeinschaft im Europa-Center, ist so wie Kasi Ali Yozoglu fast jedem im Haus bekannt. Wenn die Kauffrau im Center unterwegs ist, wird sie oft angesprochen: „Kann ich nicht mal wieder ins Radio? Um die Litfaßreklame an der Nürnberger Straße müssen Sie sich aber mal kümmern. Die sieht nicht mehr schön aus“, lauten die Aufträge. Fabry koordiniert bereits seit 15 Jahren die Werbung und Veranstaltungen für die Mietergemeinschaft. „Irgendwas ist immer. Und sei es, dass die Wasseruhr nicht richtig gehen soll. Dann informiere ich sofort den technischen Leiter. Der kümmert sich auch um die richtige Farbe des Wassers.“ Langeweile kommt bei Ute Fabry nicht auf. „So soll es aber auch sein. Andere Center machen abends zu, bei uns ist immer Leben“, bilanziert die Büroleiterin.

Schuhcremes mit Mandelduft

Schuhputzer Alisan Genccagi sorgt im Europa-Center dafür, dass seine Kunden mit blitzblanken Schuhen ihren Geschäften in der City West nachgehen können. Von 10 bis 18 Uhr steht er im Erdgeschoss an den Rolltreppen mit seinen 180 Schuhcremesorten zur Verfügung, außer sonntags. Er freut sich, dass im Haus immer etwas los ist. Auch viele Touristen nehmen seine Dienste in Anspruch.

20 Jahre lebt Alisan Genccagi schon in Deutschland. Seine Schuhcreme bringt er aber immer noch aus der Türkei mit. „Alles natürlich, keine Chemie. Riechen Sie mal.

Es duftet nach Mandeln, auch Vitamine sind drin“, wirbt er für seine Produkte, mit denen er guten Lederschuhen das gibt, was sie brauchen und aufsaugen, bevor er sie dann mit seinen Schwämmen, Lappen und Bürsten zum Strahlen bringt. Nach der Prozedur strahlen nicht nur die Schuhe.