Berlin-Wilmersdorf

So streiten Bezirk und Investor um die Reemtsma-Fabrik

2012 wurde die Reemtsma-Zigarettenfabrik in Schmargendorf endgültig geschlossen. Jetzt gibt es eine Perspektive: Die „Wohnkompanie“ hat das Areal gekauft. Doch Bezirk und Investor streiten sich.

Foto: Foto Dirk Lässig / Dirk Lässig

Das Aus kam in kleinen Schritten: In den 90er-Jahren hatten hinter dem gut bewachten Werkstor an der Mecklenburgischen Straße 32 noch knapp 1300 Menschen gearbeitet. Knapp 20 Jahre später waren es nur noch 400.

Als die traditionsreiche Reemtsma-Zigarettenfabrik im Sommer 2012 schließlich endgültig geschlossen wurde, war die Zahl der Beschäftigten bereits auf 200 geschrumpft. Seitdem steht das Werk leer, in den Hallen sind alle Uhren um genau 12.33 Uhr stehengeblieben.

Doch nun gibt es eine Perspektive für das Areal in Schmargendorf. „Die Wohnkompanie“ hat das Gelände samt Produktionshallen und des Verwaltungsgebäudes gekauft. Was jetzt aber auf dem alten Industrie-Standort genau geschehen soll, darüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen.

Zeit der Zigaretten ist vorbei

Wohnkompanie-Geschäftsführer Stephan Allner lässt lediglich an einem keinen Zweifel: Die Zeit der Zigaretten – in der Hochzeit des 1959 eröffneten Werkes wurden täglich 140 Millionen produziert – ist endgültig vorbei. Schon der Name des Hamburger Unternehmens lässt jedoch erahnen, was die Wohnkompanie wohl am liebsten aus dem Areal machen würde: einen Wohnstandort. In Berlin baut die Wohnkompanie gerade die beiden Hochhäuser „Max und Moritz“ mit 500 Wohnungen zwischen der O2 World und dem Postbahnhof in Friedrichshain. Und in Zehlendorf, direkt neben dem U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim, hat Allner weitere 122 Wohnungen auf dem ehemaligen Krankenhaus-Areal im Bau.

Doch der Bezirk hat andere Pläne an der Mecklenburgischen Straße. Der Industriestandort in Citylage soll erhalten bleiben. „Wir haben nicht vor, den Status zu ändern“, betont der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte (SPD). Denn obwohl der Bedarf an Wohnungen in der wachsenden Metropole ständig zunehme, müsse es auch in der Innenstadt noch Orte für produzierendes Gewerbe geben. „Wir können nicht immer nur Wohnungen bauen, wir brauchen auch Arbeitsplätze und Platz für Unternehmen“, so Schulte weiter. Das Reemtsma-Gelände mit seinem direkten Anschluss an die Autobahn sei dafür bestens geeignet.

„Die Fläche des ehemaligen Reemtsma-Werkes ist durch ihre zentrale Lage und ihre gute Verkehrsanbindung sehr attraktiv für Unternehmen“, bestätigt Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Berlin Partner“. Einen einzigen Interessenten für die Nutzung einer Fläche dieser Größe zu finden, sei allerdings unwahrscheinlich, ergänzt er.

Platz für Gewerbemieter und Neubauten

Die Wohnkompanie ist denn auch bemüht, das Thema Wohnen nicht allzu deutlich zu akzentuieren. „Unser Firmenmotto lautet ,Wir entwickeln Lebensräume‘ – das müssen nicht immer Wohnungen sein“, sagt Stephan Allner. In Düsseldorf wandele eine Schwesterfirma gerade ein vergleichbar großes Industrieareal um, am Ende würden dort Wohnungen und moderne Arbeitsplätze nebeneinander angesiedelt sein. Immerhin gebe es neun Gebäudeteile mit rund 110.000 Quadratmetern Nutzfläche. „Nicht alles wird erhalten bleiben, aber vieles ist so massiv und in gutem Zustand, dass Umbau und anschließende Weiternutzung im Vordergrund stehen“, sagt Allner.

Das Gelände sei zu Zeiten der Zigaretten-Produktion 55 Jahre lang von der Umgebung abgeschottet gewesen, habe eine eigene Zollaußenstelle gehabt und sei streng bewacht gewesen. „Wir wollen das Gelände wieder für zahlreich vorhandene Gewerbemietinteressenten öffnen, die eine innerstädtische Lage mit hervorragender Verkehrsanbindung suchen“, so Allner. Darüber hinaus biete das knapp 75.000 Quadratmeter große Grundstück aber auch noch Platz für Neubauten. „Angesichts der idyllischen Lage am Rande der Kleingartenkolonien im beliebten Ortsteil Schmargendorf könnte ein Teil des Grundstücks grundsätzlich für den Wohnungsbau geeignet sein“, formuliert Allner diplomatisch. Und stellt ein Gesamtinvestitionsvolumen von mehr als 100 Millionen Euro in den nächsten sechs Jahren in Aussicht.

„Da wir das Grundstück erst vor Kurzem erworben haben, bestehen noch keine Detailplanungen“, so Allner weiter. „Wenn der Baustadtrat im Bereich Schmargendorf aber keinen Wohnungsbau-Bedarf sieht und lieber Gewerbenutzung hätte, können wir das auch liefern.“

Für die vielen Menschen, die im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gern eine Wohnungen finden würden, bleibt nun die Hoffnung, dass ein Kompromiss zwischen beiden Interessen gefunden wird. Denn aktuelle Zahlen belegen deutlich, dass Wohnungen im Bezirk mittlerweile ein knappes Gut sind. Laut einer Studie des Verbandes Berlin-brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), die in dieser Woche vorgestellt wurde, stehen mittlerweile nur noch 1,1 (Charlottenburg), beziehungsweise 1,5 Prozent der Wohnungen frei.

Die Wohnungsknappheit hat bereits dafür gesorgt, dass die Mietpreise im Bezirk deutlich über dem Berliner Durchschnitt liegen. Selbst bei den vergleichsweise preisgünstigen Mitgliedsunternehmen des BBU, zu dem auch alle sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen zählen, müssen Neumieter inzwischen durchschnittlich 6,67 Euro pro Quadratmeter netto kalt zahlen. Berlinweit sind es 5,60 Euro. Wer nicht das Glück hat, in eine der BBU-Wohnungen einziehen zu können und sich etwa über Immobilienportale eine neue Wohnung suchen muss, zahlt ebenfalls aktuell die höchsten Preise in Charlottenburg-Wilmersdorf: durchschnittlich 9,86 Euro pro Quadratmeter und Monat.

Ins Stocken geraten

Doch gerade im Ortsteil Schmargendorf gibt es aktuell gleich mehrere größere Wohnungsbauvorhaben, die ins Stocken geraten sind. So ist die Bebauung von Kleingärten mit 800 Wohnungen in der Kolonie Oeynhausen gestoppt. Ein Bürgerentscheid hatte das Vorhaben der Groth-Gruppe auf dem Areal, das an die Reemtsma-Fabrik grenzt, verhindert. Der Streit um mögliche Entschädigungszahlungen an den Investor ist noch nicht entschieden. Im Raum steht eine Entschädigung von bis zu 36 Millionen Euro, die ein Bezirksgutachten ermittelt hat.

Ein paar Hundert Meter weiter findet sich bereits das nächste umstrittene Bauvorhaben. Auf einer Wiese am Franz-Cornelsen-Weg, zwischen Dillenburger und Wiesbadener Straße, sollen rund 70 Wohnungen errichtet werden. Nachbarn wollten das Projekt des Unternehmens Becker & Kries nicht akzeptieren und sammelten knapp 2000 Stimmen. Das reichte aus, um am vergangenen Donnerstag einen Einwohnerantrag bei der Bezirksverordnetenversammlung zu stellen.