Naturschutz

Grunewald wird als „Waldgebiet des Jahres “ ausgezeichnet

Vom Bund deutscher Forstleute ausgezeichnet: Der 3000 Hektar große Grunewald im Berliner Südwesten ist das „Waldgebiet des Jahres 2015“. Die Auszeichnung gibt es für gelungene Nutzung und Naturschutz.

Foto: Massimo Rodari

Es ist viel Holz. Rund 3000 Hektar groß ist der Grunewald im Berliner Südwesten. Jogger laufen über den nadelübersäten weichen Waldboden. Hundebesitzer führen ihre Tiere aus. Spaziergänger sind im großen Forst unterwegs, der aber auch neun Naturschutzgebiete enthält und Heimat für seltene Käfer ist. Um den Wald zu pflegen und im natürlichen Gleichgewicht zu halten, werden Bäume gefällt und Rehe erlegt.

Eigentümer der Fläche ist das Land Berlin. Der Dreiklang von Besucherströmen, Naturschutz und Forstwirtschaft ist der Behörde gut gelungen. So gut, dass der Grunewald nun zum „Waldgebiet des Jahres 2015“ ausgewählt wurde. Der Vorstand des Bundes deutscher Forstleute (BdF) gab diese Auszeichnung am Donnerstag bekannt.

Damit wolle man auch den vor Ort tätigen Forstleuten danken, „ die den täglichen Spagat meistern und die vielfältigen Aufgaben managen“, heißt es in der Mitteilung des BdF. Sie „bewirtschaften das bekannteste Waldgebiet Berlins naturnah und verantwortungsvoll und sorgen mit zahlreichen Partnern für die vielfältige Nutzung, den Schutz und die Pflege“, sagte Hans Jacobs, Bundesvorsitzender des BdF zur Begründung.

Vor 100 Jahren erworben

Die Freude in Berlin ist groß. 1915 habe Berlin den Grunewald angekauft, sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). 100 Jahre später bestätige sich die Richtigkeit dieser Entscheidung mit dem Titel „Waldgebiet des Jahres“. Auch die Qualität der Arbeit vieler Generationen von Forstleuten werde dadurch bestätigt. Ein wichtiger Grund für den damaligen Ankauf ist auch heute noch aktuell: Der Wald sollte vor Rodung und vor der Umwandlung in Bauland bewahrt werden.

Mehr als 120 Hektar der Fläche im Grunewald nehmen die Naturschutzgebiete ein. „Es sind viele besondere Lebensräume dabei“, sagte Marc Franusch, Förster und Sprecher der Berliner Forsten. Zu den Gebieten gehören zum Beispiel Pechsee und Barssee, Langes Luch, Postfenn, Teufelsfenn und Teile des Grunewaldsees. „Das heißt, es gibt auch Tabuzonen mitten in diesem stark von Besuchern frequentierten Wald.“ Bemerkenswert sei auch das große Netz besonders alter Bäume, der sogenannten Hutewald-Eichen.

„Diese Eichen sind bis zu 300 und 400 Jahre alt“, sagte Franusch. „Sie sind Zeitzeugen der Hutewald-Nutzung.“ Es seien Zeiten gewesen, in denen Bauern ihr Vieh in den Wald trieben und dort hüteten, damit sich die Tiere unter den Eichen und Buchen sattfressen konnten. „Da prasselten im Herbst die Früchte herunter.“ Heute seien einige dieser uralten Bäume Lebensraum von seltenen Käfern, darunter der Eichenheldbock und der Eremit. „Das sind sehr imposante und europaweit geschützte Arten.“

Charakteristisch seien auch die vielen Gewässer am und im Grunewald. „Er grenzt an die Havel, er hat einige eiszeitliche Seen und Rinnen.“ Die Bilanz des Forsten-Sprechers: „Wir haben eine ganze Menge echter Raritäten und Besonderheiten im Grunewald.“ Der Schutz dieser Raritäten gelinge durch die Umzäunung ausgewählter Flächen, aber auch durch die Kooperation mit Naturschutzexperten aus den Behörden und durch ehrenamtliche Kräfte.

Durchforstungsarbeiten im Herbst und Winter

„Die echten Schutzgebiete sind wirklich hermetisch abgeriegelt. Das ist manchmal bei diesem hohen Besucherdruck auch gar nicht anders zu lösen.“ Ein „wunderbares Beispiel“ für ehrenamtliche Arbeit sei der Amphibienschutz. In der Zeit der Krötenwanderung sorgen diese Helfer dafür, dass entlang der Havelchaussee und anderer Straßen die Tiere nicht in Scharen überfahren werden, wenn sie bei ihrer Frühjahrswanderung aus dem Winterquartier kommen oder nach dem Laichen zurückkehren.

Der Grunewald braucht und bekommt Pflege. Im Herbst und Winter sind intensive Durchforstungsarbeiten im Gange. In diesem Zusammenhang werde auch Holz geerntet, sagte Franusch. „Das wird so gut es geht, am Markt verkauft.“ Auch die Jagd sei ein wichtiger Faktor. „Ohne sie wäre die Situation im Grunewald schwierig.“ Wildschweine werden gejagt, um die angrenzenden Siedlungen zu entlasten.

Rehe würden gejagt, so Franusch, weil sie die jungen Bäume anknabbern und „damit wir immer weniger Zäune für den nachwachsenden Wald brauchen“. Hauptsächlich Wildhändler werden beliefert. Einmal im Jahr findet eine Verkaufsaktion für das Publikum statt. Wölfe gebe es im Grundwald nicht, so Franusch, aber jede Menge Füchse. Auch Dammwild sei im Forst zu Hause, seit der Zeit der kurfürstlichen Jagd.

Junge Förster fehlen

Marc Franusch nennt eine weitere Besonderheit. „Dass ein Forstgebiet so dicht an die Großstadt heranreicht wie in Berlin, das gibt es weder in München, in Hamburg noch in Köln. Auch der Wiener Wald und der Bois de Boulogne bei Paris haben einen größeren Abstand zum Zentrum der Metropole.“ Die Berliner Situation bringt mit sich, dass jährlich mehrere Millionen Menschen den Wald aufsuchen und sich begegnen. „Spannungen und Konflikte bleiben natürlich nicht aus“, sagte Franusch. „Wir setzen sehr stark auf Rücksichtnahme und Toleranz.“

Das funktioniere im Großen und Ganzen. Was das Personal angehe, so Franusch, „da sind wir an der Grenze.“ Die Arbeit sei hart und belastend, besonders bei der Durchforstung. „Da wir junge Nachwuchskräfte nur in wenigen Ausnahmefällen neu einstellen können, steigt der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter. Wir stoßen nach und nach an Leistungsgrenzen.“

Die Auszeichnung „Waldgebiet des Jahres“ wird zum vierten Mal verliehen. Gewinner 2012 war der Meulenwald, in der südlichen Eifel in Rheinland-Pfalz. 2013 ging der Titel an den Solling im Süden von Niedersachsen, und 2014 an den Schönbuch im Neckargebiet, in der Nähe von Stuttgart. Im Frühjahr 2015 ist eine feierliche Verleihung des Titels in Berlin geplant. Das ganze Jahr über soll es Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Auszeichnung geben.

Schon in den kommenden Wochen können die Berliner an den forstwirtschaftlichen Erträgen teilhaben. Am 14. Dezember, 11 bis 16 Uhr, wird auf dem Wirtschaftshof im Forstamt Grunewald, Koenigsallee 80, Fleisch von Wildschweinen aus dem Grunewald und Wildfleisch aus Brandenburg verkauft. Es ist in Portionen verpackt und eingeschweißt. Die Preise liegen je nach Wildart zwischen 18 oder 28 Euro.

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