Grunewald

Was Wandern auf dem Havelhöhenweg so entspannend macht

Der Havelhöhenweg gehört zu den schönsten Wanderpfaden der Region. Unser Autor hat die zehn Kilometer in Angriff genommen. Sein Fazit: Im Grunewald herrschen andere Gesetze, vor allem für Smartphones.

Foto: Amin Akhtar

So ein Wald. Wirklich ungewohnt, diese Ruhe. Wie lange habe ich keinen Menschen mehr gesehen? Und woher kommen plötzlich die schwarzen Fliegen? Dann höre ich es: ein leises Knacken.

Moment. Diese Geschichte fängt natürlich früher an. Am S-Bahnhof Nikolassee, Start einer Wanderung am Havelhöhenweg. Nur so viel sei vorab verraten: Großstädter sollten sich in der Natur nicht zu sehr auf ihr Smartphone verlassen. Im Wald herrschen andere Gesetze.

Die Tour beginnt mit einem schönen Abschied. Ich gehe vom S-Bahnhof über die Autobahnbrücke und bleibe kurz stehen, zwischen zwei Welten. Im Rücken: die große Stadt. Vor der Brust: ein schattiger Wald. Ich schaue runter auf die Avus, rieche Abgase und denke an die morgendlichen Staus. Wenn Pendler mal wieder in einen müden Tag starten. Es ist schön, dem Stadtleben etwas überdrüssig zu sein, wenn man einen Wald vor sich hat. Ich lasse die Stadt grußlos hinter mir, ohne mich umzudrehen.

Mit dem Smartphone auf den Havelhöhenweg

Am Waldrand steht ein Kiosk. Er sei die „letzte günstige Gelegenheit“, etwas zu trinken zu kaufen, steht auf einem Schild. Darüber kann ein Wanderer nur lächeln. Das hier ist keine Expedition ins Outback von Australien, sondern ein Spaziergang am Stadtrand. Ebenso empfand ich es vor der Tour als albern, mir die vielen Karten auszudrucken, die das Forstamt im Netz anbietet. Ausdrucken. Allein das Wort schon. Der Großstädter hat doch ein Smartphone mit mobilem Internet. Zur Not ortet man sich halt mit Google Maps. In den Dschungel der Großstadt nimmt doch auch niemand eine Papierkarte mit, denke ich.

„Junger Mann, willst du dich aufwärmen oder auch was kaufen?“, fragt der Verkäufer am Kiosk. Na gut, ich nehme eine Apfelschorle. Vielleicht haben die Einheimischen noch Tipps für mich. Ein weiterer Herr steht mit am Kiosk. Ob er den Havelhöhenweg kenne? Er nickt. „Ja, es ist eine Sauerei“. Wie bitte? „Die vielen Bäume“, sagt der Herr. Kürzlich habe er sich beim Förster beschwert, dass man von den Bänken an einigen Stellen keine freie Sicht auf die Havel habe. Das liege ja wohl kaum am Naturschutz. Diese Bäume könnte man „einfach umhauen, die wachsen sowieso überall“, sagt der Herr. Er glaubt, dass die Berliner Forsten mal wieder sparen. Ausgerechnet an seinem Ausblick.

Waldspaziergang mit einem Jim-Croce-Lied

Ich muss weg, die Menschen im Wald-Stadt-Grenzgebiet hinter mir lassen. Vorher frage ich aber nach dem besten Weg zur Havel. Der Herr sagt: „Über die Ampel in den Wald, an der Kreuzung halb links, schräg halten bis zu einem Toilettenhäuschen, von dort geht es ab.“

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Das kann sich ja kein Mensch merken, denke ich. Und laufe hinein in den Wanderweg. Wie gut es tut, über den weichen Waldboden zu laufen. Wo Äste und Blätter herunterfallen und wieder zu Erde werden. In der Stadt fallen nur Dinge runter die stören, wenn sie liegen bleiben. Und diese Ruhe. Wer braucht schon andere Menschen, denke ich, und pfeife das Lied von Jim Croce: „Like the pine trees lining the winding road / Ive got a name, I´ve got a name“. An einer Kreuzung, es sind überraschend viele Wege die sich hier begegnen, gehe ich geradeaus. Die Dreiecke (blau, grün, gelb), die meine Tour markieren sollten habe ich nicht gesehen. Aber dafür einen roten Pfeil, gesprüht an einen Baum. Die Richtung stimmt, denke ich.

So ein Wald. Wirklich ungewohnt. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Weg mich von der Havel wegführt, tiefer in den Grunewald. Ich hole mein Telefon aus der Tasche, um auf die digitale Karte zu schauen. Aber das Gerät will die Seite neu laden und die Verbindung ist zu langsam. Der Bildschirm bleibt leer. Ich öffne Google Maps und orte mich. Ein blauer Punkt mitten im Grün, auch diese Karte wird nur halb geladen. Aber Trampelpfade im Grunewald hat dieser amerikanische Kartendienst ohnehin nicht eingezeichnet. Nur eines ist sicher: Ich bin viel zu weit weg von der Havel.

Das zwei Kilo schwere Eichhörnchen aus dem Grunewald

Es ist still. Schwarze Fliegen umkreisen mich. Dann höre ich ein leises, hölzernes Knacken. Knack. Knack. Knack.

Was, wenn eine böse Hexe diesen Pfeil angesprüht hat, dem ich gefolgt bin? Schlau wäre es: Smartphone-Menschen ohne Wanderkarte wie ich würden ihr direkt in den Kochtopf laufen. Überhaupt wurde im Grunewald schon einiges gesichtet. Ein zwei Kilo schweres Eichhörnchen aus Indien vor einem Jahr. Und an die Wildschweine will ich gar nicht denken.

Besser zurück, zur letzten Kreuzung. Hätte ich mal die Tour am Strandbad Wannsee begonnen, so wie es vorgesehen ist. Das wäre besser gewesen, als eine Wegbeschreibung von einem der Menschen am Waldrand anzunehmen. Vielleicht steckt der ja sogar unter einer Decke mit der Hexe. Ich stelle mir den Kioskbesitzer von eben vor, wie er auf einer Lichtung an einem Hexenkessel steht: „Junger Mann, willst du dich aufwärmen?“

Die Havel als Orientierung

Die Sonne lässt die Farben im Wald wieder leuchten. Die Wahrheit ist wohl: ich habe es etwas locker genommen mit der Wanderung. Die Karte nicht auszudrucken, so eine Idee haben nur Menschen, die zu viel mit ihrem Handy spielen. Hätte man früher doch niemals gemacht!

Es ist dann aber gar nicht so schwer, die Havel wieder zu finden. Und wer die Havel gefunden hat, ist immer nah am Höhenweg. Man läuft bis zu 35 Meter über dem Wasser, es glitzert durch die Bäume, man hört Badegäste kreischen. Ich bilde mir ein, dass es im Wald nach Sonnencreme riecht. Vielleicht, weil es mich an Feriencamps in Südfrankreich erinnert. Nadelbäume, strahlende Sonne, glitzerndes Wasser. Dazu Sonnencreme auf brauner Haut. Es sind schöne Erinnerungen, die hier hochkommen. Damals musste ich 1400 Kilometer mit einem Reisebus nach Frankreich fahren. Nun bin ich nur eine halbe Stunde mit der S-Bahn von meiner Stadtwohnung entfernt. Man sollte den Havelhöhenweg häufiger gehen.

Kein „Schilderwald im Wald“

An einer Bank steht die Nummer 22. So läuft das System hier. Damit kein „Schilderwald im Wald“ entstehe, gibt es diese Nummern. Die Informationen kann man dann auf einem Flyer nachlesen. Ich tippe die Adresse in mein Handy. Es funktioniert. Dort steht, dass ich den Ort Kladow sehen müsste, aber tatsächlich ist die Sichtachse zugewachsen.

„Diese Bäume könnte man doch umhauen.“ Ich muss wieder an den Herren beim Kiosk denken. Und an den Verkäufer, den ich beschuldigte hatte, etwas mit Hexen zu tun zu haben. Dabei hatte der gute Mann recht: Bisher gab es keine günstigen Getränke zu kaufen. Im Biergarten am Grunewaldturm kostet eine Apfelschorle 3,50 Euro. Dafür ist der Ausblick schön und es gibt Wildschwein mit Schrippe und Senf.

Ich komme an einer Infotafel vorbei. Verstohlen fotografiere ich die Wanderkarte mit meinem Handy. Sehr gründlich, ich mache auch Nahaufnahmen, man weiß ja nie. Hoffentlich begegnen mir jetzt keine Wanderer mit Trekkingschuhen und wasserdicht verpackter Wanderkarte um den Hals. Aber es kommt mir niemand entgegen an diesem warmen Mittwochnachmittag. Wenn man weiß, wo man lang gehen muss, ist diese Einsamkeit schön. Ein paar Radfahrer sausen vorbei durch den Wald, der Weg scheint ziemlich gut für Mountainbiker zu sein. Lustig, dass es in Berlin überhaupt Menschen gibt, die Bergfahrräder besitzen. Sprechen kann ich nicht mit ihnen, sie fahren zu schnell.

Im Grunewald lebt keine böse Hexe

Später, wenn der Wanderweg an den vielen Badestellen an der Havel vorbeiführt, treffe ich natürlich auch Menschen. Aber die sind nicht gewandert wie ich, sondern direkt mit dem Auto an die Badestelle gefahren. Sie wirken weit weg, wie aus einer anderen Welt. Man merkt, dass dieser Zustand ziemlicher Luxus ist: Als Stadtmensch mal einige Stunden mit sich alleine sein zu können.

Es gibt unglaubliche viele Treppen auf dem Weg. Wer die wohl gebaut hat? Nein, im Grunewald lebt keine böse Hexe. Wenn überhaupt, dann arbeitsame Kobolde. Heinzelmännchen, zum Beispiel. Oder es waren die Arbeiter in den 50er-Jahren, die hier im Rahmen des Notstandsprogramms an dem Weg gebaut haben. Ein sinnvolles Programm war das, mehr als 50 Jahre später kann man die Treppen immer noch benutzen.

Inzwischen habe ich den Norden erreicht. Kurz vor der Brücke an der Heerstraße, führt der Weg an vielen Segelclubs vorbei. Laut Karte ist hier übrigens der Anfang des zehn Kilometer langen Havelhöhenweges, man folgt den Nummern eigentlich nach Süden. Vermutlich ist der Weg in diese Richtung leichter zu finden. Aber ich freue mich, dass ich gleich im tiefen Wald gelandet bin, es tut gut, sich mal von der Stadt zu verabschieden. Und wer sich die Karte ausdruckt, kommt auch nicht vom Weg ab. Angst braucht man nicht zu haben. Außer vor großen Eichhörnchen aus Indien vielleicht.