Pro und Contra

Hochhaus am Hardenbergplatz - Das spricht dafür und dagegen

209 Meter hoch – Architekt Langhof hat mit den Plänen für das „Hardenberg“ in der City West eine Diskussion ausgelöst. Wie hoch will Berlin hinaus? Ein Pro und Contra.

Frechheit siegt: Der Architekt Christoph Langhof stellte am Montag ungefragt und ohne Auftrag eines Investors Pläne für einen 209 Meter hohen Turm auf dem Hardenbergplatz in der City West vor. Einen Tag später diskutiert nun ganz Berlin darüber, ob ein Hochhaus in solchen Dimensionen zu Berlin passt und ob der gewählte Standort überhaupt geeignet ist.

Denn nicht nur in Charlottenburg-Wilmersdorf, auch am Alexanderplatz in Mitte wird aktuell um den Bau neuer Wolkenkratzer gerungen, die sich in der Höhe deutlich von dem abheben, was Berlin bisher gewohnt war. Während Senat und Bezirk skeptisch bis ablehnend reagieren, sind Geschäftsleute und Anrainer begeistert. Doch die Frage, wie hoch hinaus Berlin eigentlich will, ist damit noch nicht beantwortet.

Die Höhe der innerstädtischen Gebäude orientiert sich traditionell an den Gründerzeitquartieren mit ihren 22 Metern Traufkante. Diese Beschränkung hat viel dazu beigetragen, dass viele Stadtviertel in Berlin noch heute ein einheitliches Erscheinungsbild bieten. Immer wieder hat es jedoch Vorstöße gegeben, deutlich höher zu bauen. Die Chance dazu bot sich in den Nachkriegsjahren, als etwa im stark zerstörten Bezirk Tiergarten das Hansaviertel mit seinen rund 50 Meter hohen Punkthochhäusern errichtet wurde. Entlang der Karl-Marx-Allee im Ostteil Berlins findet man das neue Höhenmaß ebenfalls.

Hochhäuser gelten als städtebaulicher Irrweg

Bis Mitte der 70er-Jahre folgten vor allem die Großsiedlungen mit ihren Hochhäusern am Stadtrand. Aufgrund der sozialen Schieflage in vielen dieser Siedlungen galt der Hochhausbau bereits in den 80er-Jahren jedoch als städtebaulicher Irrweg. Das änderte sich nach dem Mauerfall, als Konzerne am Potsdamer Platz eine neue City-Skyline schufen – mit Hochhäusern, die 100 Meter knapp überschritten.

Die nun geplanten Türme sind deutlich höher. Auf jeweils 150 Meter sollen die zwei von russischen und amerikanischen Investoren geplanten Türme in Mitte kommen, 175 Meter der Estrel-Tower in Neukölln. Und nun will Langhof gar die 200-Meter-Marke knacken.

Pro: Kein Grund zur Höhenangst

Endlich legt mal einer Pläne für ein Hochhaus vor, die das in Berlin bislang übliche Maß überschreiten, schon bricht bei vielen reflexartig die Höhenangst aus. 200 Meter in der City West? Einfach undenkbar, noch nie dagewesen, einfach nur größenwahnsinnig.

Doch wer mit solchen Scheuklappen denkt, der schließt schon von vornherein aus, dass sich jede Generation immer wieder neu mit der Frage befassen muss, in welcher Stadt wir eigentlich leben wollen. Und die dann auch die Voraussetzungen dafür schafft, dass solche Veränderungen möglich sind. In London etwa durften Gebäude noch bis in die 60er-Jahre in der Regel nicht höher als 30 Meter sein. Und heute? Londons Wolkenkratzer wachsen kontinuierlich in die Höhe. 2012 wurde mit dem 306 Meter hohen „The Shard“ das bislang höchste Gebäude in Europa fertiggestellt.

Natürlich gibt es auch in London Regeln für den Turmbau. In bestimmten Stadtteilen ist die Höhe von Gebäuden begrenzt, damit die direkte Sicht auf wichtige Gebäude nicht verstellt wird. Solche Vorgaben machen Sinn und müssen auch für Berlin diskutiert werden. Etwa am Alexanderplatz, wo der 150 Meter hohe Tower des Investors Hines genau in der Sichtachse des Fernsehturms steht.

In der City West wird gerade mit dem „Upper West“ das zweite 118-Meter-Gebäude am Breitscheidplatz errichtet – deutlich höher als die Turmruine der Gedächtniskirche mit ihren 72 Metern. Und welchen Ausblick würde nun der 200-Meter-Turm auf den Hardenbergplatz verstellen? Da sich der Platz nur in eine Richtung öffnet, nämlich zur Joachimsthaler Straße, versperrt dieser Turm zunächst einmal: nichts! Denn dahinter liegt lediglich der Fahrrad- und Fußgängerzugang zum Tiergarten. Unmittelbar betroffen wäre nur das Riesenrad-Projekt, das vor Jahren auf der anderen Seite des Bahnhof Zoos geplant war, bis heute aber mangels Kapital nicht realisiert werden konnte. Ob es Sinn macht, auf ein solches Projekt Rücksicht zu nehmen, darf bezweifelt werden. In Berlin gibt es, anders als etwa in Frankfurt am Main, noch kein einziges Hochhaus mit einer Höhe von 150 Metern. Übrigens genauso wenig wie eins mit 175 Metern, wie es in Neukölln geplant ist. Warum diese Höhen bereits das Limit für Berlin sein sollen, ist nicht nachvollziehbar. Isabell Jürgens

Contra: Eine Traufhöhe für Hochhäuser

Darf es ein bisschen mehr sein? 100, 150 oder gar 200 Meter? Die Architekten haben in Berlin die Höhe entdeckt. Weil Grundstücke in der Innenstadt enorm teuer sind, wollen sie hoch bauen. Das soll Wohnungsprobleme lösen und für Investoren möglichst lukrativ sein. Aber passen solche Türme zu Berlin?

Die City West erfindet sich gerade neu. Die Gedächtniskirche und der Breitscheidplatz sind zwar noch das Zentrum. Aber in direkter Nachbarschaft steht schon ein Hochhaus, das Waldorf Astoria. Daneben wächst langsam das Upper West aus dem Boden. Das neue Hochhaus am Hardenbergplatz soll nun etwa doppelt so hoch werden. Mit Wohnungen, Hotel, Büros und Sky Bar in der 49. und 50. Etage. Geht’s noch größer und höher?

Man gewinnt den Eindruck, dass es den Architekten im Moment vor allem darum geht, immer neue Rekorde zu brechen. Denn in Neukölln soll das Estrel einen Turm von 175 Meter Höhe erhalten, und am Alexanderplatz sollen bis zu 150 Meter hohe Gebäude entstehen.

Dies ist kein Plädoyer gegen Neubau. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Das Waldorf Astoria und das Upper West bereichern die City West, so wie das neu gestaltete Bikini-Haus ein Gewinn für die Rückseite des Breitscheidplatzes ist. Investitionen tun der lange Zeit vernachlässigten Gegend zwischen Zoo und Urania gut. Die Frage ist aber, wie viel Höhe eine in die Fläche gewachsene Stadt, wie es Berlin nun einmal ist, verträgt.

Für viele Stadtviertel in Berlin gilt eine maximale Traufhöhe von 22 Metern. Dabei handelt es sich vor allem um klassische Innenstadt-Wohngebiete. Einzelne herausragende Hochhäuser sind dort verboten. Damit vereinheitlicht man das Stadtbild in einem gewissen Maß. Die Traufhöhe gibt also dem Emporwachsen eine gewisse Ordnung. Das sollten die Stadtplaner auch an den Stellen beherzigen, an denen die Bebauungspläne Hochhäuser zulassen oder zulassen könnten. Denn bei aller Bau-Euphorie der vergangenen Jahre sollten die Stadtplaner von heute nicht vergessen, dass sich das Stadtbild von morgen und übermorgen nicht mehr ändern wird, wenn die Hochhäuser erst einmal stehen. Deshalb mein Wunsch: Gebt auch den Hochhäusern eine Traufhöhe, sorgt auch in der Höhe für ein gewisses Gleichmaß! 100 Meter sind in der City West genug. Gilbert Schomaker