Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf will mitreden bei den Planungen, mit welchen Nutzungen das ICC künftig weiterbetrieben werden soll. Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) sagte, er sei zunächst einmal froh, dass die jahrelangen Hängepartien zum ICC – mit Achterbahnfahrten wie Diskussionen über einen Abriss bis hin zur Sicherung des Gebäudes – immerhin wohl vorbei seien.
„Es wird keinen Abriss geben. Alle Weichen sind auf ein zukunftsfähiges Konzept gestellt“, sagte Naumann. Wirtschafts-Staatssekretär Henner Bunde habe ihm zudem zugesichert, der Senat werde dafür sorgen, dass es im Umfeld und im Gebäude keine Verwahrlosung geben werde. Da allein das Stillstandsmanagement des ICC pro Jahr allerdings 2,5 bis 4 Millionen Euro kosten wird, will auch Naumann eine zeitnahe Lösung. Die Entscheidung, wie es im ICC weitergeht, sollte zumindest noch in diesem, spätestens im nächsten Jahr getroffen werden. Bei den fünf Varianten, die die Senatswirtschaftsverwaltung in einer Markterkundung für das Internationale Congress Centrum erarbeiten ließ, sei zugrundegelegt, dass der Senat 200 Millionen Euro in eine Ertüchtigung stecken würde.
ICC könnte zum riesigen Shopping-Center werden
Die maximale Shopping-Variante mit 45.000 bis 50.000 Quadratmetern Einzel- oder Großhandelsfläche (zum Vergleich: das KaDeWe hat rund 60.000, das neue Bikini Berlin 12.000) sei die finanziell günstigste Lösung. Das Gebäude werde komplett entkernt. 50 Millionen Euro müssten zusätzlich investiert werden, berichtete Naumann. Die Variante, dass die Messe das ertüchtigte Gebäude weiter nutzt, vielleicht noch mit einem Hotel, kostet laut Naumann zusätzliche 400 Millionen Euro. Sie sei die teuerste. Und dazwischen gebe es kombinierte Lösungen, denen sich der Bezirk nicht verschließe.
Priorität habe für Charlottenburg-Wilmersdorf bei allen Überlegungen, dass das ICC als eingeführte, erfolgreiche Marke weiterbestehen solle. Eine Ergänzung mit Hotel und Gastronomie sei immer schon denkbar gewesen. Einen flankierenden Shopping-Anteil lehne der Bezirk nicht ab. „Aber er muss verträglich für die vorhandenen Einkaufsstraßen sein“, sagte Naumann. Die Wilmersdorfer Straße sei nur eine S-Bahn-Station entfernt. „Bei der Maximalvariante, dem Shopping-Mall-Ufo, befürchten wir ernsthafte Nachteile für die Geschäfte dort, aber auch für diejenigen am Kudamm und für den Tauentzien“, so Naumann. Sogar kiezorientierte Einkaufsmeilen wie die Reichsstraße und die Westfälische Straße könnten Schaden nehmen. Das sieht auch die CDU-Fraktion im Bezirk so, die außerdem die Messe Berlin für das ICC mehr in die Pflicht nehmen möchte. Die Bezirksverordnetenversammlung nahm am Donnerstagabend einen Antrag der Grünen gegen eine Shopping-Mall im ICC parteiübergreifend an.
ICC-Umbau soll mit Privatkapital gestemmt werden
Da die Kommune das ICC offensichtlich finanziell nicht stemmen könne, bleibe wohl keine andere Möglichkeit als Privatkapital einzubinden, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, auf Anfrage dieser Zeitung. „Und Investitionen müssen sich rentieren. Es wird wohl keiner zu finden sein, der dort eine Fahrradfabrik oder ein soziales Begegnungszentrum einrichtet“, so Busch-Petersen weiter.
Rein rechnerisch gebe es mit mehr als 60 Shopping-Centern in Berlin zwar einen Überhang an Einzelhandelsflächen, wenn man die Kaufkraft zugrunde lege. Daraus sei aber nicht ableitbar, dass nichts mehr gebaut werden dürfe. „Wir haben eine leicht positive Entwicklung im Einzelhandel, auch bei den Umsatzzahlen. Der Standort ist im Wachsen“, so Busch-Petersen. Die Annahme, dass ein Shopping-Center im ICC die Entwicklung der bestehenden Einzelhandelshäuser bremse, hält er für verfrüht: „Da sollten wir doch erst mal die Expertise der Fachleute abwarten, die Auswirkungen sollen ja erst noch untersucht werden“, sagte Busch-Petersen.
AG City lehnt Shopping-Center im ICC ab
Die Arbeitsgemeinschaft (AG) City mit ihren 314 Mitgliedern sieht das anders. So wie der Bezirk lehnt sie den Umbau des ICC zu einem Shopping-Center ab. „Der Handel am Kurfürstendamm und an der Tauentzienstraße muss jetzt schon gegen viele ankämpfen. Ein neues Center würde sich zudem negativ auf die Reichsstraße, die Kantstraße und die Wilmersdorfer Straße auswirken“, sagt AG-City-Vorstandschef Klaus-Jürgen Meier. Auch die Handels-Vielfalt würde zerstört. „Die City West muss gestärkt statt geschwächt werden“, fordert Meier. Im ICC soll „alles das stattfinden, was das Messe- und Kongressgeschäft stärkt, Hotel, kleinere Läden zur Versorgung der Messebesucher“.
Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte (SPD) will, dass der Senat auch eine kulturelle Teilnutzung im ICC nicht ausschließt. Geprüft werden sollte, ob Bundes- oder EU-Fördermittel akquiriert werden können. Aus stadtentwicklungspolitischer Sicht reichten die 200 Millionen Euro nicht aus. Ohnehin sollte nach Schultes Meinung das Planungsareal das brach liegende Gelände des Güterbahnhofs Grunewald einbeziehen.





