Kongresszentrum

Zapfenstreich im ICC – Berlin nimmt Abschied vom „Raumschiff“

An diesem Sonntag ist die vorerst letzte Möglichkeit, noch einmal das Berliner ICC zu besuchen. Tausende Konzerte, Messen und Kongresse fanden darin statt, an die sich jeder anders erinnert.

Nach 35 Jahren schließt das Internationale Congress Centrum (ICC). An diesem Sonntag gibt es für das Publikum noch einmal die Chance, Europas größtes Kongresszentrum bei einem Benefizkonzert zu erleben.

Passend zur letzten öffentlichen Veranstaltung ist um 16 Uhr „Zapfenstreich“ mit dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Tickets zum Preis von 15 bis 55 Euro gibt es an den Vorverkaufsstellen, unter 01806-570070 oder auf der Veranstaltungswebsite www.zapfenstreich-icc.de.

Nur noch einmal wird das Gebäude danach für geladene Gäste öffnen. Die allerletzte Veranstaltung im ICC ist die Daimler-Hauptversammlung am 9. April. Wie es mit dem ICC weitergeht, ist offen.

Mit dem Konzert am Sonntag geht eine Ära am Messedamm zu Ende. Am 2. April 1979 wurde das Center eröffnet. 8000 Veranstaltungen, darunter Messen wie die Internationale Tourismus-Börse, die Grüne Woche und legendäre Konzerte mit James Last, Van Morrison, Neil Young oder Bruce Springsteen fanden seit der Eröffnung in den 80 Sälen und Räumen statt. Zu den Kongressen reisten oft mehr als 5000 Teilnehmer an. Fast elf Millionen Menschen aus aller Welt besuchten bis heute das ICC. Darunter drei Redakteure der Berliner Morgenpost, die sich an ihre Erlebnisse erinnern.

Unvergessliche Stunden mit Roland Kaiser

von Anett Seidler

Konzerte gehörten im ICC nicht zum ganz großen Kulturgenuss, denn die Akustik im großen Saal hatte ihre Grenzen. Doch bei Roland Kaiser hörten meine Mutter und ich einfach darüber hinweg. Es muss 1995 gewesen sein. Die Konzerttickets hatte ich zum Geburtstag verschenkt. Wohl wissend, dass meine Mutti den Schlagersänger mochte, bei seinen Liedern mitsummte und manchmal auch mitsang. Und so machten wir Mädels uns schick, ließen unsere Männer zu Hause und zogen los ins ICC.

„Schach Matt“, „Lieb’ mich ein letztes Mal“, „Joana“, „Ich glaub, es geht schon wieder los“, „Wind auf der Haut und Lisa“ – Roland Kaiser sang seine Hits. Und die vor allem weiblichen Fans waren aus dem Häuschen. Für uns wurde es ein sehr schöner Abend, von dem meine Mutter noch lange Zeit schwärmte. Auch wenn wir nur im Stillen mitsangen und -schunkelten.

Unvergessen bleibt dieses Konzert im ICC auch aus einem anderen Grund. Mein Musikgeschmack war eigentlich ein anderer. Aber meine Eltern gingen damals großzügig darüber hinweg. Nach diesem Abend mit „Roland“ schenkten sie mir zwei CDs mit seinen Liedern. Um sie nicht zu enttäuschen, hörte ich sie mir an und fand schnell die perfekte Verwendung: Bei langen einsamen Fahrten über nächtliche Autobahnen drehte ich die Lautstärke auf und sang ungeniert mit. Das war irgendwie lustig und hielt mich wach. Die CDs habe ich übrigens heute noch. Und manchmal werde ich wieder schwach ...

Auf der Suche nach Spielern von Union Berlin

von Hans Nibbrig

Das ICC kannte ich als „Neu-Berliner“ vor der Jahrtausendwende nur durch den alljährlichen Sportlerball. Organisator war der bekannte Gastronom und ehemalige Hertha-Präsident Wolfgang Holst. Und wer wie ich als regelmäßiger Gast der Fußballkneipe „Holst am Zoo“ zu seinen „guten Jungs“ gehörte, bekam auch schon mal Freikarten. 1998 begrüßte Holst in seiner Eröffnungsrede auch die Mannschaft von Union Berlin, nach langem Aschenputteldasein in der DDR gerade auf dem Weg zu einer festen sportlichen Größe. Ein gleichfalls anwesender Kollege, Sportredakteur bei der damals noch existenten Morgenpost-Bezirksausgabe für Köpenick, witterte sofort eine Geschichte, zumindest ein Foto. Mehr als zwei Stunden durchkämmten wir zunehmend entnervter mit einer Kamera bewaffnet das vollbesetzte ICC nach der Mannschaft, ohne sie zu finden. Konnten wir auch nicht, Holst hatte den Kreisligisten Union 06 Tiergarten begrüßt.

Große Euphorie herrschte damals um die gerade wieder erstklassig gewordene Hertha. Zumindest bei den Besuchern, bei den engagierten Künstlern eher weniger. Die Sängerin Vicky Leandros ließ sich erst nach zähen Verhandlungen mitten auf der Bühne dazu bewegen, bei einer Zugabe einen Hertha-Schal zu tragen. Und der Schweizer Bandleader Pepe Lienhard erklärte auf die Frage, was er von Hertha halte, etwas verschämt, die Dame sage ihm jetzt so spontan nichts.

Otto Waalkes zappelt im Bauch des Riesen

von Lennart Paul

Ich war klein, und das ICC war ein Riese. Ein Riese, der gut roch. Alles am ICC war noch neu, als ich mit meiner Mutter und meiner Schwester zum Messedamm fuhr. Otto Waalkes trat im großen Saal auf, natürlich waren die Karten schnell vergriffen, damals, als Otto nur zu rufen brauchte: „Hallo, Echo!“ und Deutschland antwortete: „Hallo, Otto!“

Wir fuhren mit dem Auto zum ICC, erst war der Funkturm zu sehen, dann tauchte dieses silberfarbene Raumschiff auf, vor dessen Eingang noch ein Riese stand: die Skulptur des französischen Künstlers Jean Ipoustéguy. Im Bauch des ICC liefen lautlos die Rolltreppen, wir mussten ganz nach oben, fast in die letzte Reihe. Am liebsten wäre ich stundenlang im Foyer auf- und abgefahren, mir gefiel diese Halle, auch wenn ich heute der Einschätzung meiner Schwester zustimme: „Das ICC wirkte von innen wie eine Tiefgarage mit Teppichboden.“ Damals war ich schwer beeindruckt, auch von der Bühne im Saal 1.

Dann kam Otto: Ein winziges Männchen, das wie ein Känguru von rechts nach links über die Bühne hüpfte. Wir hatten ein Fernglas dabei, und ich glaube mich zu erinnern, dass ich nur einmal durchgeschaut habe. Ich wollte Otto sehen, klar, sein Zappeln, seine Grimassen. Aber irgendwie gehörte für mich alles zusammen. Der Saal, die Tausenden Besucher vor mir, die weite Entfernung bis zur Bühne, der kleine Otto, der jetzt, in diesen zwei Stunden, ein Riese für mich war.