Berlin

Letzte große Kleingartenkolonie soll Wohnungen weichen

Anstelle der Kolonie Oeynhausen in Wilmersdorf sollen 700 Wohnungen entstehen. Die Kleingärtner wehren sich mit einem Bürgerbegehren.

Foto: Lennart Preiss / dapd

Statt Obst und Gemüse sollen in der Kleingartenkolonie Oeynhausen bald Mehrfamilienhäuser aus dem Boden wachsen. Die Firma Lorac, Eigentümerin des Geländes an der Forckenbeckstraße, wird ihre Bebauungspläne, wonach dort rund 700 Wohnungen entstehen sollen, am kommenden Mittwoch (17.30 Uhr, Rathaus Wilmersdorf, Fehrbelliner Platz) erstmals öffentlich vorstellen.

Um ihre Gärten vor diesem Schicksal zu bewahren, haben die Laubenpieper erfolgreich ein Bürgerbegehren beantragt. Ziel ist, das Areal an der Forckenbeckstraße mit einem Bebauungsplan als Dauerkolonie zu sichern. Das Bezirksamt hat die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens nun jedoch mit einer Auflage versehen, die die Kleingärtner auf die Barrikaden treibt. In dem Zusatz heißt es: "Sollte es zur bauplanungsrechtlichen Festsetzung der Fläche als Dauerkleingärten kommen, können Entschädigungszahlungen bis zu einer Höhe von 25 Millionen Euro an die Grundstückseigentümerin fällig werden, für die im bezirklichen Haushalt keine Deckung vorliegt."

Kleingärtner sauer über Auflage des Bezirksamts

Über ihre Anwälte haben die Kolonisten Widerspruch eingelegt und die Verlegung des Starttermins für das Bürgerbegehren beantragt. "Mit dieser Auflage wird die Sammlung der erforderlichen Unterschriften unzulässig behindert", so Kleingarten-Vorstand Alban Becker. Die Anwälte der Kolonie gehen davon aus, dass die Schadensersatzansprüche höchstens ein Zehntel, also 2,5 Millionen Euro, betragen könnten.

Dieser Darstellung widerspricht Baustadtrat Marc Schulte (SPD). "Die Gegenseite spricht sogar von Forderungen in Höhe von 50 Millionen Euro", sagt der Stadtrat. Der Investor könne sich darauf berufen, dass für das Areal in den 60er-Jahren Baurecht geschaffen wurde. Allerdings ist die Frage der Erschließung des Areals noch nicht geklärt – ein Faktor, der sich erheblich wertmindernd auswirke, so Schulte. Bis zu 26 Millionen Euro Schadenersatzzahlungen seien dennoch durchaus realistisch, wenn der betroffene Bezirk versuche, das gesamte Areal als Kleingartenkolonie oder Grünfläche zu sichern, so der Stadtrat.

Frischluft für den Kudamm

Eigentümerin des Geländes mit 313 Parzellen ist die Firma Lorac, eine Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Lone Star, die das seit rund 100 Jahren als Kleingartenanlage genutzte Gelände im Jahr 2008 von der Post kaufte. Nach den ursprünglichen Plänen sollten entlang der Forckenbeck- und Cunostraße bis zu 800 Wohnungen gebaut werden.

Der Kompromiss, den das Bezirksamt mit den Eigentümern ausgehandelt hat und der am Mittwoch im Stadtentwicklungsausschuss präsentiert werden soll, sieht nun die Bebauung nur auf der Hälfte des insgesamt 92.000 Quadratmeter großen Areals vor. Die andere Hälfte soll der Investor dem Bezirk kostenlos überlassen, "so könnten mehr als 150 Parzellen gerettet werden", wirbt Baustadtrat Marc Schulte (SPD) für den Kompromissvorschlag. Allerdings darf der Investor auf der anderen Hälfte zum Ausgleich dichter und höher bauen. Die Rede ist von rund 700 Wohnungen, die in Sechsgeschossern entstehen könnten. Für Alban Becker ist das keine akzeptable Option für die "letzte große innerstädtische Kolonie in Berlin", die darüber hinaus auch noch den Kürfürstendamm mit Frischluft versorge. "Es geht nicht nur um unsere Parzellen, sondern ganz generell um den Umgang mit den Kleingartenflächen in der Stadt."

Bis 2030 soll Berlins Einwohnerzahl um 250.000 steifen

In der Tat ist die Existenz vieler Kleingärten in Berlin lediglich bis zum Jahr 2014 gesichert. Und Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) hatte vor Kurzem in der Berliner Morgenpost angekündigt, dass in Zeiten der Wohnungsnot darüber nachgedacht werde, ob nicht einige dieser Flächen für den Wohnungsbau herangezogen werden könnten. Laut Bevölkerungsprognose soll die Zahl der Einwohner in der Hauptstadt bis 2030 um 250.000 steigen. "Es wird möglicherweise Wiesen in der Innenstadt geben oder auch Kleingartenanlagen mit 30 Parzellen, von denen wir sagen, wir brauchen den Platz für Wohnungen", hatte Michael Müller deshalb angekündigt.

Kleingarten-Vorstand Alban Becker hofft nun darauf, dass am kommenden Mittwoch nicht nur die Betroffenen aus der Kolonie Oeynhausen an dem Protestzug teilnehmen. Am 16. Januar um 15.30 Uhr soll der Demonstrationszug vom Treffpunkt an der Forckenbeckstraße über die Cunostraße auf den Hohenzollerndamm bis zum Rathaus am Fehrbelliner Platz führen. Um 16.30 Uhr ist dort die Abschlusskundgebung geplant.

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