Führungen

Wo einst auf dem Teufelsberg Spione lauschten

Bislang war die ehemalige Abhörstation der Alliierten in Berlin-Grunewald ein beliebtes, aber illegales Ausflugsziel. Jetzt bietet ein junger Berliner Touren an.

Foto: dpa / dpa/DPA

Das Monstrum thront 115 Meter über der Stadt, errichtet auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Die fünf mächtigen Antennenkuppeln fangen längst keine Funksignale mehr ab, das einstige Agentennest verfällt. Dennoch – oder gerade deshalb – hat sich die ehemalige Abhörstation der US-Nachrichtendienste auf dem Teufelsberg in Grunewald zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. Seit Sonntag können Abenteurer die Spion-Ruine besichtigen – erstmals legal und in Begleitung eines Stadtführers.

Andreas Jüttemann heißt der junge Berliner, der die Erinnerung an diesen beinahe vergessenen Ort wachhalten will. Der 25 Jahre alte Kulturpsychologe ist in der Nähe des Grunewalds aufgewachsen. „Schon als Kind hat mich dieses unwirkliche Gelände fasziniert“, sagt er. Auch in seinem Studium habe er sich mit der Geschichte des Teufelsbergs beschäftigt. An Berlins höchster Erhebung ließen sich viele Episoden der Berliner Stadtgeschichte nacherzählen – von den Nazis und ihren Plänen zum Bau einer Wehrtechnischen Fakultät über die Nachkriegszeit und die Trümmerbeseitigung bis hin zu den Spionage- und Abhörtätigkeiten der Alliierten. „Das Interesse an diesen Themen ist gewaltig, die Resonanz hat mich wirklich überrascht“, sagt Jüttemann. Zweimal die Woche bieten er und seine Helfer zweistündige Touren über das Gelände an – für ausländische Gruppen auch auf Englisch, Polnisch und Tschechisch. Interessierte müssen sich auf der Webseite www.berlinsightout.de einen Platz reservieren.

Rund 50 Neugierige finden sich an diesem kalten Februarsonntag am Fuße des Teufelsbergs ein. Unter ihnen auch der Charlottenburger Horst Raspe. Er erinnere sich noch gut, wie er in den 70er-Jahren die Hänge des Teufelsbergs hinabgerodelt ist. Damals wurde der Abhang noch per Skilift erklommen – unter den wachsamen Augen der GIs. „Das war für uns Normalität, wir hatten immer netten Kontakt zu den Wachsoldaten“, erzählt Horst Raspe. Die US-Ruine sei ein Gebäude mit hohem Symbolwert für die Geschichte West-Berlins. „Eine Erinnerung an den Kalten Krieg, die nicht in Vergessenheit geraten darf“, sagt Raspe und macht sich auf dem Weg, den recht steilen Waldpfad zur Abhörstation hinaufzusteigen.

Ganz ungefährlich ist der Spaziergang über das Gelände nicht. Im Boden klaffen Löcher, tiefe Aufzugsschächte sind ungesichert, manche Türen führen ins Nichts. Aus diesem Grund müssen Teilnehmer der Führungen mindestens 14 Jahre alt sein. In einigen Trakten wurde Asbest verbaut, der Zugang zu diesen Gebäuden bleibt verwehrt. Doch ohne große Hemmungen schiebt sich die Ausflugsgruppe durch stockdunkle Treppenhäuser. Neugierig blicken die Teilnehmer in völlig ausgeschlachtete Hallen, auf Schutthalden und mit Graffiti verzierte Wände.

Dazu verrät Stadtführer Jüttemann Details aus dem Leben der Abhörspezialisten: Per Bus wurden die Spione auf den Teufelsberg gekarrt, neun Stunden dauerte ihre Schicht, in den meisten Abteilungen saßen sie ohne Tageslicht vor ihren Aufnahmegeräten. Selbst das holzvertäfelte Kasino samt Biergarten lag hinter hohen Mauern. Der eintönige Alltag der Spione war laut Erzählungen ehemaliger Soldaten nur durch jede Menge Alkohol zu ertragen, berichtet Jüttemann. Ein früherer Wachmann habe ihn durch die Anlage geführt. „Allzu viele Staatsgeheimnisse wollte der Ex-Spion allerdings nicht ausplaudern“, sagt Jüttemann.

Gigantische Datenmenge

Die Kalten Krieger lauschten dem gesamten Funkverkehr des Ostblocks – von der DDR, über Polen bis zur Tschechoslowakei. Sämtliche Gespräche wurden nachträglich in Akten schriftlich festgehalten. Eine gewaltige Datenmenge, die teilweise in der sogenannten Pyrolyse-Anlage direkt wieder vernichtet wurde. Bei dem chemischen Zersetzungsprozess entstand Wärme, mit der die gesamte Anlage beheizt werden konnte. Interessiert hört die Ausflugsgruppe Andreas Jüttemann zu, einige leuchten mit Taschenlampen in die dunkelsten Ecken, erkunden vorsichtig die Gänge und Kammern.

Ermöglicht werden die Führungen durch die Berliner Sicherheitsfirma von Gerd Emge. Er und seine Mitarbeiter bewachen das Areal kostenlos, im Gegenzug darf Emge die Abhörstation nutzen und vermieten. Ganz offiziell wurden hier schon Partys veranstaltet, auch Filmszenen wurden auf dem weitläufigen Areal gedreht. Eine Künstlergruppe des Kunsthauses Tacheles arbeitet in den Sommermonaten in einem Radarturm.

Ansonsten ist die Spitze des Teufelsbergs dem Verfall ausgesetzt. Dennoch kommen Berliner und Touristen zur Abhörstation, besonders in den Sommermonaten. „Da laufen hier dann an die 100 Personen rum. Vom jugendlichen Graffiti-Sprayer bis zur Omi“, sagt Gerd Emge. Per Bolzenschneider würden sich die meisten Ausflügler Zugang zum abgeriegelten Gelände verschaffen. Einige ließen dann ihrer Lust am Vandalismus freien Lauf, bedauert der Firmenchef. Vor seiner Zeit habe es auf dem Gelände sogar zwei Todesfälle gegeben.

Alle Baupläne sind gescheitert, auch wenn am Eingang noch ein mächtiges Schild das Resort Teufelsberg Berlin anpreist und die Errichtung „attraktiver Eigentumswohnungen“ bewirbt. Das ehrgeizige Loftprojekt verlief im Sande, mittlerweile besteht kein Baurecht mehr. Das Areal ist planungsrechtlich als Waldfläche ausgewiesen. Emge: „Derzeit darf nur ein Ausflugslokal gebaut werden.“

Bizarre Nutzungspläne

Andere Pläne hatte die „Maharishi Weltfriedensstifung“. Die Vereinigung, die sich nicht als Sekte sieht und den Inder Maharishi Mahesh Yogi verehrt, wollte auf der Kuppe eine „Friedenuniversität für ein unbesiegbares Deutschland“ und einen 50Meter hohen „Turm der Unbesiegbarkeit“ errichten. Der Kaufvertrag mit der Investorengruppe ist allerdings nicht vollzogen worden. Emanuel Schiffgens, Geschäftsführer der Stiftung, bleibt trotz des Stillstands zuversichtlich. „Wir halten an unseren Plänen fest”, sagt er.

Nach einer Stunde erreicht die Ausflugstruppe um Andreas Jüttemann die Aussichtsplattform auf dem Dach der ehemaligen US-amerikanischen Abhöranlage. In den drei Antennenpilzen fängt sich der Wind, ein beständiges Ächzen übertönt die Stimme des Stadtführers. Im Kuppelhohlraum herrscht gähnende Leere, die Bespannung aus Segeltuch ist durchlöchert, überall prangen bunte Graffiti-Buchstaben. Teilnehmerin Ines Nagl ist erschüttert. „Dass das ganze Gebäude so verkommen ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.“ Diese Verwahrlosung zeige einmal mehr, dass die Berliner besser mit ihrer Geschichte umgehen sollten.

Jeweils sonntags und montags führen die Mitarbeiter des Veranstalters BerlinSightOut durch die ehemaligen Arbeitsräume der Briten und US-Amerikaner. Wer Interesse an den Führungen hat, kann sich im Internet informieren: www.berlinsightout.de .