Statt zur Museumsinsel auf ins Theater Delphi nach Weißensee, dem „Moka Efti“-Drehort von „Babylon Berlin“. Statt zum Brandenburger Tor ins Brücke Museum. Oder am Alexanderplatz in die U-Bahn steigen – und 20 Minuten später weit im fernen Osten der Stadt aussteigen, um die Kunstausstellung von Schloss Biesdorf zu erleben: das ist die Idee des Projekts „Into Berlin“. Mithilfe von Corona-Hilfen des Senats sollen nun, nach dem Wegfallen der meisten Beschränkungen, die „Hidden Champions“ in den Bezirken etwas abbekommen vom wieder erwachenden Interesse der Touristen an der Hauptstadt. Dieses Ziel verfolgt Visit Berlin in Zusammenarbeit mit der Agentur „Cee Cee“. Gemeinsam füllt man soziale Medien mit kurzen Clips und Bildern der Kultur-Perlen, die man sich als Reisender, aber auch als Stamm-Berliner einmal vornehmen möge.

„Es geht aber nicht darum, den Tourismus gezielt zu lenken“, betont Visit-Berlin Chef Burkard Kieker. „So etwas funktioniert nicht“, verweist er auf bisherige Erkenntnisse. Eher zielt „Into Berlin“ darauf ab, visuelle Appetithappen zu produzieren, mit Foto- und Videoteams, deren Einsatz sich Kunstschaffende ohne das Hilfsprogramm nur schwer leisten könnten. Statt strikte Steuerung von Touristenströmen geht es um Beeinflussung durch Inspiration.

Bezirke-Kampagne von Visit Berlin erfasst Corona-gebeutelte Kulturszene

„Going local“ war zwar schon länger die neue Marschrichtung der Werber von Visit Berlin. Aber diesmal will man nicht einfach nur die Ströme der Reisenden in die Bezirke lenken – sondern speziell auch die Kulturakteure in die neue Strategie einbinden. Kiezgrößen wie die Galerie Wedding, den Projektraum „Alte Feuerwache“ in Friedrichshain, das Mies van der Rohe-Haus in Hohenschönhausen oder die Schwartzsche Villa in Steglitz. Allesamt Anlaufstellen der unabhängigen Szene, die Berlin prägt, aber bisher schwer zu fokussieren war.

Zwei Phänomene stimmen Kieker optimistisch, dass Berlin als Städte-Reiseziel in diesem Frühling wieder aufholt und die Kiez-Entdeckungslust diesmal wirklich erwacht. Zum einen der Trend zum „Revenge Travel“, also der Drang der Menschen, durch Corona verpasste Reisen nachzuholen. Zum anderen das Vorhandensein von „Accidental Savings“ – also Ersparnissen, die dadurch entstanden, dass man in Lockdown-Zeiten weniger Geld ausgeben konnte.

Beispiel für Berlins versteckte Kunstgrößen: Die Sexauer Galerie in Weißensee

Warum nicht einen BVG-Fahrschein lösen und von Prenzlauer Berg mit Straßenbahn einen Abstecher nach Weißensee wagen? Etwa in die Sexauer Galerie im Langhanskiez. Hier, in einem verwitterten Werksviertel, hat ein Mäzen Solo-Künstlern eine Basis geschaffen. „Es ist nicht leicht, solche ‚Hidden Places‘ in den Blick zu rücken“, weiß Lutz Henke, der Kunstexperte bei Visit Berlin. Nun wird man sehen, ob diese Aufmerksamkeitslücke dank Kurzvideos im Internet schwindet.