Urlaub für einen Tag

Zum Hirschefüttern geht's aufs Gut

Auf Gut Hirschaue können Besucher Hirschen und Rehen ganz nahe kommen. Im September erreicht die Saison ihren Höhepunkt - dann kämmpfen die Hirsche um die Gunst der Kühe. Wer Glück hat, bekommt auch einen weißen Hirsch zu sehen.

Hügelig ist das Land, kleine Wälder wechseln sich ab mit abgeernteten Getreidefeldern, auf denen hell leuchtende Strohrollen in der Augustsonne trocknen. Entlang der Felder kreisen Windräder. „Willst du mal Hirsche füttern?“, fragt Hartmut Staar die elfjährige Besucherin Paulina. „Weiß nicht“, zuckt das Stadtkind mit den Schultern. „Weißt du denn, was die jetzt am liebsten essen?“, will der 60 Jahre alte Besitzer des Gutes Hirschaue wissen. Wieder Schulterzucken. „Na, was Saftiges, Leckeres: zum Beispiel Äpfel“. Eine ganze Kiepe hat der hochgewachsene Wildzüchter dabei. Er weiß, wenn die Besucher schon für eine Führung zahlen, wollen sie auch was sehen, und zwar Hirsche, Rehe, Hirschkühe, und Kitzlein. Am besten in Streichelnähe.

Rund zweihundert Hektar groß ist das Gelände in Birkholz, einem Ortsteil von Rietz-Neuendorf unweit von Beeskow (Oder-Spree), zu besichtigen gibt es nur einen kleinen Teil, aber wenn man Glück hat, sieht man alle Tierarten von Gut Hirschaue. Hartmut Staar berichtet von tausend Stück Damwild, die auf mehreren Weiden stehen, dem großen Rotwild, von dem es in Hirschaue rund 300 Tiere gibt und vom weißen Hirsch. Ob wir den wohl sehen, will Paulina wissen. „Mal schauen.“ Der Unternehmer erzählt, wie er vor 15 Jahren mit seiner Frau begann, Wild zu züchten. Wie schwierig die ersten Jahre waren. Mittlerweile gibt der Hof fünfzehn Menschen Arbeit. Einziger regulärer Besichtigungstermin von Gut Hirschaue ist Sonntag um zehn Uhr, aber man kann auch telefonisch Termine unter der Woche absprechen. Die Führung kostet drei Euro pro Erwachsenem und 1,50 Euro für Kinder ab elf Jahren. Möglich ist auch ein Rundweg ohne Führung, entlang der Gatterzäune.

Alle Tiere werden geschlachtet

Staar betont, dass alle Tiere hier auf ökologischer Basis gezüchtet werden. Also artgerecht gehalten das ganze Jahr draußen auf großen Weiden leben und nur ökologisch – ohne Dünger und Pflanzengiftmittel – gewachsenes Getreide zugefüttert bekommen. Nach einem Besuch bei Frau Schmidt, einer ehrwürdig auf der Weide stehenden Hirschkuh, gelangen wir zu einer Rotte märkischer Sattelschweine. „Diese Mischung vereint die sich schnell vermehrenden, fleischhaltigen deutschen Sattelschweine mit den robusten Wildschweinen“, erklärt Staar.

Dann führt er aus, was man alles Leckeres aus den grunzenden Paarhufern machen kann, von Wurst über Frischfleisch bis zum Grillschwein. Paulina schaut ihn ungläubig an. Doch, erklärt Hartmut Staar, „alle Tiere des Hofes werden geschlachtet und gegessen, auch die Rehe und Hirsche“. Die Tötung erledigt zum Teil er, mit dem Jagdgewehr, und „immer nur mit einem einzigen Schuss“. Später im Hofladen bietet der Hirschaue-Besitzer Salami mit mildem Wildaroma, würzige Knacker und schmackhafte Jagdwurst vom Schwein an. Die Gaststätte um die Ecke bietet von Mittwoch bis Sonntag eine preiswerte Mischung zwischen deftig und fein. Neben der Wildgulasch-Suppe gibt es Hirschschaufelbraten im Birkholzer Gewürzrahm mit Johannisbeer-Konfitüre und Rosenkohl für 12,50 Euro, „Das Fleisch ist zart, eiweißreich und cholesterinarm“, sagt Hartmut Staar. Für Kinder gibt es ein Krüstchen vom Sattelschwein mit Gemüse, Soße und Kartoffeln (4,50 Euro).

Erst verlieren die Tiere ihre Scheu, dann die Kinder

Vorbei an einem großen Feld voller Mais, der bald zugefüttert wird, gelangen wir auf einem Treibeweg zum nächsten Gatter. Einmal pro Jahr werden die Tiere in eine Erfassungsstelle getrieben und erhalten dort eine Ohrmarke. Anhand dieser Marke wissen die Arbeiter, welche Tiere wann schlachtreif sind, und in welche Herden sie kommen. In der Ferne sehen wir auf einer großen Wiese eine Herde Rotwild. Die Tiere liegen im Schatten von Zeltbahnen, die Staar und seine Mitarbeiter eigens für die heißen Augusttage aufgespannt haben.

Als die Tiere uns erspähen, springen sie in ihrem an Antilopen erinnernden, mit Vorder- und Hinterfüßen gleichzeitig hüpfenden Sprüngen in großer Geschwindigkeit davon. Hartmut Staar ruft nach ihnen mit lautem „Ho“ und holt die Kiepe mit den Äpfeln hervor. Die Herde bleibt stehen, und es dauert nicht lange, bis die ersten Tiere ihre Scheu verlieren und auf uns zukommen.

Anfangs hat Paulina noch Angst, doch nachdem sie ein halbes Dutzend Äpfel verfüttert hat, fühlt sie sich pudelwohl inmitten der Tiere. Hartmut Staar achtet darauf, was die drei mächtigen Hirsche machen und hält sie auf Distanz. Deren jedes Jahr neu wachsendes Geweih befindet sich zum Teil noch im „Bast“. Das bedeutet, es ist empfindlich und von Blutbahnen durchzogen. Ab August verhärten sich die Geweihe und die dünne Haut darüber wird an Bäumen abgescheuert, bis das bleich leuchtende Geweih zurückbleibt. Ab September beginnt die Brunft, dann röhren die Hirsche um die Gunst der Kühe und liefern sich erbitterte Kämpfe. „Ein Höhepunkt unserer Saison“, sagt Hartmut Staar. Im Frühling, nach der Brunft, fällt das Geweih der Hirsche komplett ab und wächst von neuem. Da staunt Paulina. Nach anderthalb Stunden und rund drei Kilometer Weg ist die Führung beendet. Den großen weißen Hirsch haben wir nicht zu Gesicht bekommen, aber vielleicht haben wir ja beim nächsten Mal mehr Glück.