Leute in Berlin

Mit Schauspielerin Sarah Alles im Karatestudio

Sarah Alles über ihre Kampfleidenschaft, einen schweren Unfall und darüber, wie sie sich ihren größten Wunsch erfüllen konnte.

Schauspielerin Sarah Alles dehnt sich vor dem Karatetraining in einem Fitnessstudio an der Linienstraße in Mitte

Schauspielerin Sarah Alles dehnt sich vor dem Karatetraining in einem Fitnessstudio an der Linienstraße in Mitte

Foto: Massimo Rodari

Zwei blitzschnelle Schritte nach vorne, dann prischt ihre Faust dem Gegner ins Gesicht. Schneller als das Auge ihr folgen kann, schlägt Sarah Alles zu. Im „Chimosa“ in der Linienstraße in Mitte trainiert die Schauspielerin bei einem „Sparring Kurs“ ihr Können. Die Trägerin eines Schwarzen Gürtels in Karate trägt Boxhandschuhe und einen Zahnschutz. In Gold-Rot-Schwarz. Geschickt taucht sie unter einem Schlag ihres Sparringpartners hindurch.

„Beim Kampf zeigt sich der Charakter“, sagt Sarah Alles in einer Pause. Ihre Wangen sind gerötet, ihr Atem geht schnell. Dann schiebt sie sich den Zahnschutz in den Mund, streift die Handschuhe über und kämpft weiter gegen ihren Trainingspartner.

Der Mann ist so groß, dass er ihr auf den Kopf spucken könnte. Doch Alles gibt alles. Sie schlägt hartnäckig zu, auch wenn ihre Arme zu kurz sind, um seinen Oberkörper zu treffen. „Wenn nur Arme erlaubt sind, bin ich im Kampf gegen Männer im Nachteil“, erklärt sie. Ihre Spezialität seien Fußtritte.

Alles will alles und am besten sofort

Sarah Alles hat zwei Gesichter. Sie ist Mixed-Martial-Arts-Kämpferin, die mit 50 Kilogramm auf 1,65 Meter erfolgreich in der Kategorie „Superleichtgewicht“ Karateturniere gewinnt. Und sie ist Schauspielerin. Ein strahlendes Lächeln mit Fäusten, die Nasen brechen können und ein eiserner Willen. „Ich will alles – am besten sofort“, sagt sie immer wieder.

„Karate ist meine Meditation“, sagt sie nach dem Training bei einer Tasse Tee. „Eine verschwitzte“, fügt sie hinzu. Sie liebe das Training mit Männern außerhalb ihrer Gewichtsklasse, so lerne man am meisten, „wenn man eins drauf bekomme“, sagt Alles.

Zwei Jahre lang kämpfte sie für die deutsche Nationalmannschaft

Zum Karate kam die 29-Jährige durch ihre Filmleidenschaft. „Ich bin großer ‚Karate Kid‘-Fan“, sagt sie. Und dass Mister Miyagi irgendwie ihr Lehrer gewesen sei. Mit 15 schnappt sie sich das Telefonbuch und sucht nach einer Karateschule. Danach geht alles schnell. Sie wird Berliner, Deutsche und zum Schluss sogar Englische Vizemeisterin. 2003 bis 2005 kämpft sie für die Deutsche Nationalmannschaft.

Ihre Eltern unterstützen sie. Ihre Mutter hätte sie zwar lieber im Ballett gesehen. Bei einem Turnier platzt ihr das Trommelfell, bei einem anderen reißen die Bänder am Knie. „Meine Mutter fand aber gut, dass ich mich in Ernstsituationen verteidigen kann“, sagt Sarah Alles.

Das Training nütze ihr auch privat. Als Jugendliche versuchten drei betrunkene Männer sich in der S-Bahn an ihr zu vergehen, erzählt die 29-Jährige. Sie verteidigt sich. „Dem einen habe ich die Nase gebrochen, um Schlimmeres zu verhindern“, sagt sie.

Mit 12 Jahren wurde Alles entdeckt

„Es gehört auch zum Kampfsport sich selbst einschätzen zu können“, erklärt Alles. Man müsse auch wissen, wann man wegrenne. Die Polizei erwischte die Täter – sie bekam eine Anzeige wegen Körperverletzung, die später fallen gelassen wird.

„Ich will alles“ könnte Alles’ Lebensmotto sein. „Schauspielerin und Prinzessin“ wollte sie als kleines Kind schon werden. Beim ersten Casting mit zwölf Jahren wird sie entdeckt, seitdem spielte sie in „Tessa – Leben für die Liebe“, „Rote Rosen“, „Heiter bis tödlich: Akte Ex“, „Traumschiff“, „Ein Fall für zwei“.

Professionell boxt Alles nicht mehr. Ein schwerer Unfall mit 20 Jahren hätte fast beide Karrierewege verhindert. Nach einem Reitunfall bei einem Filmdreh war ihre Wirbelsäule gebrochen. Neun Monate war sie krank geschrieben, viele Tage davon verbrachte sie im Liegen. Doch Sarah Alles hat nicht aufgegeben.

Immer ein Plan B im Kopf

„Seitdem habe ich immer einen Plan B“, sagt sie. Wie den als Synchronsprecherin, ihr soziales Engagement für Schulkinder auf Madagaskar beim Verein „NY Hary“ oder „Kinderhelfer mit Herz e.V“. „Durch den Unfall habe ich Demut und Dankbarkeit dem Leben gegenüber gelernt“.

Und wenn alles mal nicht klappt, wie sie es will? „Dann mache ich, dass es klappt“, sagt Sarah Alles und lacht. Wie bei ihrem Lieblingsfilm, „Hard Candy“. Den wollte sie unbedingt auf die Bühne bringen. Kurzentschlossen kaufte sie die Rechte, schrieb die Bühnenfassung und führte das Stück auf. Und momentan arbeitet sie an ihrem ersten Martial-Arts-Film, dessen Trailer im Sommer gedreht werden soll.

Schauspielerin und Prinzessin wollte sie werden. Beides ist (fast) in Erfüllung gegangen. Seit einem halben Jahr ist sie zumindest Baronin. Nach sechs Jahren Beziehung hat sie ihren Lebensgefährten, den Magier Thimon von Berlepsch, geheiratet. Stolz zeigt Sarah Alles ihren goldenen Ring. Das erste Date mit dem Magier „war eine Wette“, sagt sie lachend.

Sie hatte ihn um Hilfe bei einem Geduldsspiel mit verschlungenen Ringen gebeten, das ihr ein Straßenkünstler geschenkt hatte. „‚Wenn du das löst, wird Dir etwas Schönes passieren‘, hat er mir gesagt“, erzählt Alles. Thimon von Berlepsch hat das Rätsel lösen können – „und etwas Schönes ist passiert“, sagt Sarah Alles, – und lacht.