U-Bahnlinie U2

Udo Lindenberg steckt mit „Sonderzug nach Pankow“ fest

„Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Pankow?“, sang Udo Lindenberg. 32 Jahre nach dem Erscheinen des Songs gab er jetzt in der U2 ein Konzert. Doch in Nähe der ehemaligen Mauer stoppte der Zug.

Diese Extra-Tour steht in keinem Fahrplan. Mit 32 Jahren Verspätung nimmt Rocker Udo Lindenberg am Mittwochabend endlich seinen „Sonderzug nach Pankow“. Vor nur 70 Zuschauern, die bei einem Preisausschreiben gewonnen haben, spielt er den gleichnamigen Hit von 1983 und eine Handvoll anderer Klassiker. In kleiner Besetzung. Hautnah am Fan und immer mit Hut.

Einstieg ist am anderen Ende der Stadt, am U-Bahnhof Olympiastadion. Für viele auf dem mit Gästen, Kameramännern und Fotografen überfüllten Bahnsteig ist das ein sehr emotionales Erlebnis. Krankenschwester Dorina, 30, hat ein gemeinsames Bild mit Lindenberg auf ihrem Handy, aufgenommen bei einem ihrer vielen Besuche des Udo-Musicals „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz. Durch ihre Eltern lernte die 30-Jährige die Musik als Jugendliche kennen. Ihr Freund Tim, 28, hört lieber Helene Fischer, hat aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass beide einmal ein Duett singen werden.

>> Video: Udo Lindenberg im Sonderzug nach Pankow

Elfie hat ein Bild auf ihrer Handtasche, auf dem sie von Udo in einer Fußgängerzone geküsst wird. „Er ist natürlich geblieben, war nie eingebildet, ist einfach nur cool“, sagt die 47 Jahre alte Beamtin aus Treptow, die einen Udo-Hut trägt. „Dass ich einmal mit ihm in einem Sonderzug aus dem Westen nach Pankow fahren würde – ich hätte es nie gedacht.“

Gastgeber der Fahrt sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der RBB-Sender radioBerlin 88,8. Die Show auf Schienen stand am Ende einer Aktion, die die Berliner Morgenpost als Partner begleitet hatte. Bei „Mach mal ’ne Ansage – gib einer U-Bahnstation Deine Stimme“ konnten sich Leser und Hörer darum bewerben, für eine der Haltestellen der Linie U2 die Ansage zu sprechen. 2000 Interessenten bewarben sich, unter ihnen wurden die Tickets für das Konzert am Mittwoch verlost.

Nun fährt ihr Zug ein. Die Türen öffnen sich. Zunächst sieht man Lindenberg nicht. Man riecht ihn. Fürs Publikum herrscht Rauchverbot in den Wagen. Aber Lindenberg hat offenbar schon seine erste Zigarre angezündet. „Willkommen zu diesem grandiosen Tag“ sagt er mit der Stimme, die jeder im Land schon hundertfach im Radio gehört hat. Das vertraute, verschleppte, verdammt lässige Nölen eines 68-Jährigen, der früh zum Grandseigneur des Deutschrock wurde und vielleicht deshalb im Groove seiner sieben Musiker die Titelmelodie aus „Der Pate“ summt.

„Es hängt aber auch eine dunkle Wolke über diesem Tag“, sagt Lindenberg. Der Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine gehe ihm besonders nahe. Haltern, von wo viele der Opfer stammen, sei nicht weit entfernt von seiner Geburtsstadt Gronau.

Liebevoll auf die Füße treten

Gegen 18.15 Uhr fährt die Bahn an, dort, wo man sich sonst festhält, hängen auf Ohrenhöhe Lautsprecher von den Stangen. „Hier kommen gleich Kameras durch“, sagt ein RBB-Mann den sitzenden Zuschauern. „Wenn wir Ihnen versehentlich auf die Füße treten, meinen wir das sehr liebevoll.“ Am Sonnabend um 18.32 Uhr zeigt der Sender ein Best-of des Abends.

Vier Waggons lang ist der Zug, es gibt keine Wände dazwischen: ein riesiger Laufsteg für Lindenberg. „Ich bin der Mann mit der ganz langen Leitung“, sagt er und hebt das Mikrofonkabel, das ihm den Marsch durch den gesamten Zug gestattet. „Ihr seid bestimmt textsicher“, hatte er vor Beginn seines ersten Stücks gerufen, und wer sich mit Lindenberg-Konzerten nicht auskennt, meinte, das sei ironisch gemeint. War es aber nicht. „Ich mach’ mein Ding“ singt er sein Rebellen-Lied und plötzlich wird dieses Konzert zum rollenden Chor-Abend. Jeder stimmt ein, geht mit im Rhythmus. Harmonie und lachende Gesichter. Das Wunder der Musik.

Über dem ehemaligen Todesstreifen bleibt die Bahn dann minutenlang stehen. „Ein Streckenschaden“ erfahren die feiernden Fahrgäste später. Lindenberg überbrückt die Zeit mit Körperkontakt. Wange an Wange singt er mit einer Mittfünfzigerin. „Hast Dich gut gehalten“, murmelt er ins Mikro und legt sich kurz mal auf die Beine von vier sitzenden Fans. Als die Bahn wieder anfährt, stimmt er den „Sonderzug nach Pankow“ an. Das passt.

Schritt-Tempo in der Beat-Bahn

Im Schritt-Tempo lenkt Zugführer Thomas Anderweit, 52, der als Fahrausbilder bei der BVG schon manchen Sonderzug steuerte, die Beat-Bahn durch die Stationen. Zwei junge Frauen auf einer Bank am Alexanderplatz schauen erst fragend, dann zeigt eine von ihnen hektisch auf jemanden, den sie erkannt hat, und beide langen eilig nach ihren Handtaschen. Doch bis sie ihre Handys aufnahmebereit gestellt haben, ist ihr Motiv, der Mann mit dem Hut, samt Gästen im nächsten Tunnel verschwunden.

Kurz vor der Ankunft in Pankow pustet ein Sicherheitsmann mit weißen Haaren und Dienstmütze kräftig in seine Trillerpfeife, weist die Zuhörer an, Platz für den Ausstieg der Band zu schaffen. Die 48-jährige Susanne aus Hoppegarten macht jetzt gern alles mit. Eben hat sie mit Lindenberg ein paar Zeilen gesungen. „Das war ein Superaugenblick.“ Sie habe ihn bei Konzerten schon aus der ersten Reihe gesehen. Aber das hier sei etwas anderes. „Lindenberg war mein Leben lang ein Begleiter für mich“, sagt sie. „Wenn man in einem Neubaugebiet im Osten aufwuchs und sich deshalb seltsam fühlte, hat er einem Auftrieb gegeben.“ Die Türen gehen auf, nach 32 Jahren ist der Sonderzug nach Pankow angekommen. Im Ballhaus spielt Lindenberg jetzt gleich noch ein Konzert. Susanne hat auch dafür Karten und eilt davon: dem nächsten Superaugenblick entgegen.