„Mach mal ’ne Ansage“

Melindas Stimme für den U-Bahnhof Senefelderplatz

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Katrin Lange

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer (2)

2000 Berliner haben sich beworben, um die Stationen der Linie U2 anzusagen. Zu Besuch beim Casting im Haus des Rundfunks, wo es hieß: „Mach mal ’ne Ansage – Gib einer U-Bahnstation Deine Stimme“.

Kurz vor 10 Uhr wird es ernst. Nina Siegers gibt letzte Anweisungen. „Lächeln Sie, das ist das Wichtigste, dann kommt die Stimme ganz anders herüber“, sagt die Chefin vom Dienst bei radioBerlin 88,8. Vor ihr sitzen die ersten zehn Kandidaten, die an diesem Sonnabendmorgen ins Haus des Rundfunks an der Masurenallee gekommen sind, um gleich im Tonstudio eine Ansage zu machen. Das Lächeln fällt ihnen gerade etwas schwer. Die meisten sind aufgeregt, und das legt sich auch nicht, als Frau Siegers ihnen noch erklärt, dass sie bei jedem Kandidaten dabei sein wird, um Händchen zu halten. „Darf ich auch eine längere Ansage machen?“, fragt Sabine Stenzel aus Pankow noch schnell. Sie mag Wortwitz. Doch Kreativität ist gerade nicht gefragt. „Es kommt auf den Stationsnamen an, der muss gut zu hören sein“, sagt Nina Siegers, sieht auf die Uhr, und schon geht es los.

Die Kandidaten haben sich für die Aktion „Mach mal ’ne Ansage – Gib einer U-Bahnstation Deine Stimme“ beworben, die die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Partnerschaft mit der Berliner Morgenpost und dem RBB-Radiosender 88,8 gestartet hat. Zunächst waren es Prominente wie Udo Lindenberg, Frank Zander, US-Sängerin Anastacia und Otto Waalkes, die jeweils eine der 29 Stationen der U2 angesagt haben. Die U-Bahn-Linie, so die Hoffnungen von BVG-Chefin Sigrid Nikutta, solle dadurch noch mehr an Attraktivität gewinnen.

Dass es funktioniert, ist am Sonnabendmorgen in der U-Bahn zu erleben. Als die Stimme von Veronica Ferres den Ernst-Reuter-Platz ansagt, blickt ein junger Mann auf und fragt die anderen Fahrgäste: „War das nicht diese Schauspielerin?“ Antworten erhält er aus mehreren Richtungen. Spätestens als Otto den Sophie-Charlotte-Platz ankündigt, lächeln sich die Fahrgäste an. Die Ansagen sind noch bis zum 28. Februar zu hören. Ab 1. März werden die Stationen für einen Monat von Berlinern angesagt. Dafür laufen derzeit die Castings.

„Entspannen Sie sich noch“

Als erste wird Lilo C. Karsten in das Tonstudio gebeten – eines der modernsten in Europa, wie die Kandidaten vorher noch erfahren. Das beeindruckt, das flößt Respekt ein. Frau Karsten marschiert los, setzt sich im Studio die Kopfhörer auf und fragt: „Soll ich was sagen?“ Toningenieur Sven Raecke blickt amüsiert auf. „Entspannen Sie sich noch“, antwortet er routiniert. Nina Siegers setzt sich dazu und erklärt, dass sie mit einem „Dingdong“ das Zeichen für die Ansage gibt, und schon läuft die Aufnahme. „Hallo, ich bin Lilo, ihre nächste Station ist Stadtmitte.“ Geht doch, nur leider fehlte der Bezirk, aus dem sie kommt. Also noch einmal. „Hallo ich bin Lilo aus Charlottenburg, ihre nächste Station ist Stadtmitte.“ Der Toningenieur schüttelt den Kopf. „Da sind noch Spuckegeräusche, trinken Sie noch ein Glas Wasser.“ Noch ein Versuch, und schon sagt Nina Siegers: „Fertig.“

Mehr als 2000 Berliner haben sich bei der Aktion beworben, per Mail, per Brief oder online. Für die Castings wurde eine Vorauswahl getroffen, damit zum Beispiel Männer und Frauen etwa gleichmäßig vertreten sind. Wichtig war auch, dass die Bewerber etwas mit der U2 verbindet, ein Erlebnis oder ihr Arbeitsweg. In der Jury sitzt unter anderen Helga Bayertz. Sie ist die Stimme der BVG. In den 80er-Jahren hat sie in der „Abendschau“ die Nachrichten gesprochen und auf Radio 88,8 Musiksendungen gemacht. Als die BVG Anfang der 90er-Jahre die Zugabfertiger abschaffte, wurde sie angesprochen. Seitdem ist ihre Stimme nicht nur in allen Berliner U-Bahnen und Bussen zu hören, sondern auch in anderen Städten wie in Frankfurt/Oder und sogar auf Usedom. Aufgrund der häufigen Fahrplanwechsel hat die heutige Ruheständlerin gut mit dem Stationsansagen zu tun. Helga Bayertz weiß daher am besten, was der Kandidat mitbringen muss: „Eine freundliche Stimme, nicht zu dunkel, nicht zu anbiedernd und nicht zu sexy, sowie eine verständliche, richtige Aussprache.“

Diese Anforderungen erfüllt Melinda Rachfahl bereits ganz gut. Die 24-Jährige arbeitet als Synchronsprecherin und Designerin. Sie habe auf der Titelseite der Berliner Morgenpost die Grafik der Stationen mit den prominenten Ansagern gesehen und auch den Aufruf, sich zu bewerben, erzählt die Pankowerin. Die Aktion habe sie „lustig“ gefunden und sich deshalb mit einer selbst aufgenommenen Ansage per E-Mail beworben.

Drei Jahre lang habe sie Design studiert und sei jeden Tag mit der U2 von Pankow zum Alexanderplatz gefahren. „Da sieht man eine Menge interessanter Menschen“, sagt die junge Frau. Jetzt sitzt sie im Studio und fragt: „Soll ich Hi sagen oder Hallo oder Hallöchen?“ Hi würde gut passen, bestimmt Nina Siegers. Und schon geht es los: „Hi, hier ist Melinda aus Pankow. Die nächste Station ist Senefelderplatz.“ Der Techniker schaut fast überrascht auf und sagt kurz: „Passt“. Und schon ist der nächste dran.

Eine Freude für die Tochter

Voraussichtlich vier Stationen der U2 werden im März von Berlinern angesagt, die sich über die Berliner Morgenpost beworben haben: Stadtmitte, Sophie-Charlotte-Platz, Senefelderplatz und Deutsche Oper. Beim Casting konkurrieren immer mehrere Kandidaten um eine Station. Den Senefelderplatz würde auch gern Norbert Ritter ansagen. Er würde so gern seiner Tochter eine Freude machen, erzählt er. Sie ist gerade von zu Hause in Buckow ausgezogen und arbeitet am Senefelderplatz. „Stefanie hat gerade ihre Ausbildung zur Fachkraft für Naturkost abgeschlossen und in der letzten Prüfung die volle Punktzahl erreicht“, erzählt der 64-Jährige. Deshalb wolle er ihr symbolisch ein kleines Geschenk machen und sie jeden Morgen mit seiner Stimme in den Tag geleiten. Er singe in drei Chören, und seine Frau meine auch, dass er eine gute Stimme habe, erzählt er. Ganz einfach wird es im Studio nicht, er benötigt einige Anläufe, bis der Techniker zufrieden ist.

Ray Reimann hat sich für die Station Stadtmitte beworben. Auch er habe den Aufruf in der Berliner Morgenpost gelesen und wollte dabei sein, sagt der gelernte Bürokaufmann und Kleindarsteller am Deutschen Theater. Der 45-Jährige stammt gebürtig aus Minden, heute lebt dort sein Sohn. „Als er mich das erste Mal in Berlin besucht hat, war er so vom Alexanderplatz begeistert, dass er jetzt jedes Mal wieder dorthin will“, sagt Ray Reimann. Da lag die Station Stadtmitte nah. Neunmal lässt ihn der Techniker die Ansage wiederholen. Dann sitzt sie: „Ja, hallo hier ist Ray, ich komme aus dem Wedding, und die nächste Station ist Stadtmitte.“

Am Ende der ersten Runde versucht Nina Siegers die Erwartungen zu dämpfen. Es gehe nicht nur darum, wer es am besten gemacht habe, sondern auch um die Ausgewogenheit. So solle zum Beispiel ein Ansager aus jedem Bezirk vertreten sein. Die Hoffnung kann sie dennoch keinem nehmen.