Straßenmusik

Crowdfunding – Berlinerin Elen veröffentlicht Album

Kompromisslos und ausdrucksstark: Nach jahrelanger Erfahrung als Straßenmusikerin startet die 25-jährige Berlinerin Elen jetzt mit eigens für sie geschriebenen Songs durch - mit Hilfe von Spenden.

Foto: Reto Klar

Das eigene Ding machen. Unabhängig bleiben. Im Gespräch mit Elen Wendt kommt die Rede immer wieder darauf: insbesondere auf die eigene Musik – ohne Kompromisse und einengende Verpflichtungen. Schon als Jugendliche wusste die Sängerin früh, ihre Grenzen zu ziehen, nein zu sagen, um ihren musikalischen Weg zu verfolgen. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt, was jetzt auch auf ihrer ersten eigenen und nach ihr benannten CD „Elen“ zu hören ist. Das Album ist jetzt erschienen und wird die Reichweite der bislang als Straßenmusikerin zwischen Schönhauser Allee Arkaden und Potsdamer Platz tourenden Berlinerin endlich vergrößern.

Die Schule geschmissen

Den eigenen Weg gehen. Als der Chemielehrer Elen Wendt auf die Frage, wie sie die versetzungsgefährdende Note aufbessern könne, nur antwortete, sie solle die 11. Klasse wiederholen, war die Sache für sie gelaufen: „Ich habe meine Klamotten gepackt und bin sofort gegangen. Für immer. Ich wollte nicht mehr. Das sollte sich niemand zum Vorbild nehmen, aber für mich war es gut so“, schildert Elen, wie sie die Schule schmiss. „Und, ja“, sagt sie ganz offenherzig, „ich habe schon meinen eigenen Kopf“. Die 25-Jährige lacht.

Wir sitzen in einem der vielen kleinen Coffeeshops an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg, unweit der Schönhauser Allee. Dort, wo vor acht Jahren alles anfing. „Ich bin hier zum ersten Mal mit meiner Gitarre im Arm auf die Straße gegangen“, sagt Elen. Ihr Repertoire war damals noch recht überschaubar. „Ich habe gerade mal so drei, vier Songs gespielt und gesungen, Neil Young, James Blunt, Oasis“, sagt Elen.

Menschen mit Musik berühren

Knapp acht Jahre nach dem Sprung ins kalte Wasser als Straßenmusikerin ist Elen mit eigenen Songs jetzt wieder einen Schritt weiter. „Musik hat für mich viel mit Emotionen zu tun. Ich will meine eigene Musik machen, Songs, die mir gefallen und auch andere Menschen berühren.“

Doch zunächst zurück auf Anfang: Mit 6 Jahren der erste Gitarrenunterricht bei den „Piepmätzen“. So hieß die Musikschule. Zunächst nur ein knappes Jahr, „denn mir taten vom Spielen die Finger so weh“, sagt sie. Stattdessen greift Elen dann in die Keybord-Tasten, sie lernt Schlagzeug – „ich hatte schon immer ein Rhythmusgefühl“ und übt auch Trompete. Doch ihr eigentliches Instrument trägt sie in sich: eine außergewöhnlich ausdrucksstarke Stimme. Sie klingt warm, tiefgründig-emotional, trotz Elens Jugendlichkeit erstaunlich reif und verfügt über ein besonderes Timbre.

Zuhause hört Elen fast nur Schallplatten

Auf ihrem neuen Album singt Elen Lieder, die anders, als die Songs auf ihren beiden Vorgänger-Alben keine Cover-Versionen der Musik prominenter Bands wie Coldplay oder Songwriter wie Neil Young sind. Die neuen Songs wurden für und teilweise auch von Elen komponiert und mit fünf professionellen Musikern im Studio eingespielt und abgemischt. Mit der im digitalen Zeitalter seltenen analogen Technik, „was einen ganz besonderen Sound schafft“, wie die Liebhaberin der guten alten Schallplatte sagt. So ist es für Elen auch selbstverständlich, dass ihrer CD und der Musik zum Downloaden bald auch noch eine Aufnahme auf Vinyl folgt. „Das klingt einfach am besten, ich höre zu Hause fast nur Platten“.

Gesungen habe sie schon immer, sagt die 1989 in Marzahn geborene und später in Weißensee aufgewachsene Berlinerin, die mittlerweile mit Freund und Hund im Wedding wohnt „Ich hatte früher so eine kleine Anlage, die eine Box links im Regal, die andere rechts, dazwischen mein Kopf und dann habe ich mitgesungen, was mir gefiel“. Mit 16 Jahren begann sie wieder mit dem Gitarrespielen. „Learning by doing“ lautete die Devise, als die Schülerin in einer Krabbelkiste auf dem Campingplatz beim Ostseeurlaub das Buch „Gitarre spielen lernen“ entdeckte. Als Plättchen zum Anschlagen der Saiten wurde das Geodreieck umgenutzt. „Ich habe da einfach die Spitze abgebrochen und die Akkorde für den Song Amazing Grave geübt – wochenlang, bis ich es konnte“, sagt Elen.

Das außergewöhnliche Potenzial ihrer Stimme entdeckte ihr Freund, der Musiker Andreas de Jong. Er unterstützte Elen auch, sich als Straßenmusikerin auszuprobieren, als sie nach dem abrupten Schulabgang zunächst auf einer privaten Popakademie in Berlin eine Ausbildung als Arrangeurin beginnt.

Auftritt bei „The Voice of Germany“

Beim Singen auf der Straße wird sie 2011 von einem Talentscout der TV-Castingshow „The Voice of Germany” angesprochen. Ob sie mitmachen möchte. Direkt durchstarten ohne langes Schlangestehen zum Vorsingen wie bei vielen anderen Bewerber – „Warum nicht?”, sagt Elen. Und sie beeindruckt mit ihrer Interpretation von Cyndi Laupers „Time after Time“ gleich alle vier prominenten Juroren. Soulstar Xavier Naidoo coacht sie. Doch das Singen von Songs, die andere für sie aussuchen, ist nicht ihr Ding. In der zweiten Runde der Fernsehshow kommt sie nicht mehr weiter. Auf the „The Voice of Germany“ folgen zwar einige Angebote, aber es wird nichts daraus. „Ich will mich nicht von einem Label fremdbestimmen lassen“, sagt Elen und da klingt kein Ton des Bedauerns an.

Stattdessen gründet sie mit ihren Freund später ein eigenes Label, und bereitet 2013 ein Crowdfunding-Projekt für ihre erste eigene CD vor. Auf der Onlineplattform „Indiegogo“ wirbt sie mit einigen Videos ihrer Songs um Unterstützung. Das funktioniert. Schon in kurzer Zeit hat Elen die erforderlichen 50.000 Euro für die Realisierung ihres Projektes zusammen – und geht mit den Profimusikern ins Studio.

Die Bereicherung des Singens auf der Straße

Doch auch die „ehrliche Art“ des Musizierens und Singens ist nach wie vor ihr Ding – und sichert noch ihr Einkommen. „Manchmal bringt so ein Tag auf der Straße nur zehn Euro, manchmal aber auch 80 Euro und mehr“, sagt die Künstlerin. Irgendwie reiche das schon, sagt sie. Und spricht von der Bereicherung, die ihr das Singen auf der Straße eben auch bringt: „Es ist einfach schön, wenn die Menschen in der Eile plötzlich innehalten, ihre Einkaufstüten abstellen, mir zuhören und mir ein Lächeln schenken.“ In ihrem Gitarrenkoffer landen aber auch schon mal Gummibärchen oder Blumen. Ganz wichtig sei ihr auch das direkte Feedback. „Das war vor allem anfangs sehr lehrreich, denn man lernt aufgrund der Reaktion, sich selbst besser einzuschätzen“, sagt sie.

Jetzt will sie mehr Zuhörer begeistern. „Ich möchte gern einen Fuß in die Tür des Musikbusiness bekommen und würde mich schon freuen, wenn ich mit meinen Songs Menschen erreiche, die sich die Lieder gern öfter anhören“, sagt sie eher bescheiden. Dazu besteht kein Grund. Hören Sie selbst auf dem Video der Morgenpost!

>>> Mobil-Nutzer kommen HIER zum Video <<<