Erfolg

„Supergeil“-Sänger Liechtensteins neues Album

Der Berliner Supermarkt-Opa Friedrich Liechtenstein wurde mit „supergeil“ berühmt. Jetzt kommt sein Album heraus. „Bad Gastein“ erzählt von unerfüllter Liebe im „Monaco der Alpen“.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

In der Zeitrechnung Friedrich Liechtensteins läuft noch immer das Jahr eins nach „supergeil“. Das Wort ist Fluch und Markenzeichen zugleich. Fluch, da viele den Schauspieler und Künstler nur mit den Supermarkt-Werbeclips in Verbindung bringen. Markenzeichen, weil die meisten bloß dieses einen Ausdruckes bedürfen, um sich zu erinnern, woher man diesen älteren Herrn mit Sonnenbrille und weißem Vollbart kennt.

„Ich war ja nur am Reagieren und „supergeil“ in die Kamera sagen“, erzählt Liechtenstein der Nachrichtenagentur dpa über die vergangenen Monate. „Da wird man nicht schlauer von.“ Zurzeit arbeitet er an einer Art künstlerischer Selbstbefreiung: Am Freitag (25. Juli) erscheint sein Album „Bad Gastein“ – vorerst nur als Download.

Dennoch verströmt die Platte eine analoge Aura aus Zeiten der Musikkassette. Schon allein wegen des Videos zur fantastischen Vorab-Single „Belgique Belgique“: Als Hi8-Aufnahme erinnert der Clip stilistisch an das osteuropäische Kino der späten 1980er Jahre. Es gibt wohl keinen größeren Antipunkt zur „Supergeil“-Einfachheit. Seine Musik sei ein bisschen nostalgisch, chansonhaft, schlagerhaft, „elektronische Popmusik unserer Tage“, erklärt er.

„Theater auf der Schwelle zur Skulptur“

Der ausgebildete Puppenspieler lebte bislang als selbstbetitelter „Eremit“ in Berlin-Mitte – im Dunstkreis von Kunstgalerien und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der perfekte Platz für einen Flaneur und Mann von Welt wie Liechtenstein. Sein Debütalbum „Please Have a Look from Above“ liegt ein Jahrzehnt zurück. Damals war er 48. Er ist viel auf der Bühne unterwegs – „so Theater auf der Schwelle zur Skulptur“, hat er vor kurzem in einem Interview gesagt.

Nun also „Bad Gastein“. In den Radonquellen des österreichischen Kurortes haben sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die gekrönten Häupter Europas erholt: Kaiser Franz Josef und seine Frau Sissi, Kaiser Wilhelm I. oder der russische Zar. Diplomaten betrieben auf tausend Metern Höhe Weltpolitik. Die Hautevolee der Jahrhundertwende machte das Heilbad in den Hohen Tauern zum „Monaco der Alpen“.

Verblichene Grandezza in Bad Gastein

Das hat sich aber inzwischen geändert: Politiker tagen mittlerweile im schweizerischen Davos, und die High Society lässt es sich lieber an der Côte d'Azur oder in der Karibik gutgehen. Bad Gastein lebt fast nur noch vom Mythos seiner Vergangenheit. Die Jugendstil-Hotels versprühen zwar auch heute noch den Charme der Belle Époque, nur die Grandezza ist verblichen. Liechtenstein hat sich mit dem Ort lange auseinandergesetzt. „Es hat obsessive Züge, kann man schon so sagen.“

„Bad Gastein“ beginnt als Märchenidylle: Eine betörende italienische Frauenstimme erzählt – untermalt von Streichern und Synthesizern – eine fiktive Entdeckungsgeschichte des Heilbades. Zwei Weise leben zurückgezogen und gottgefällig an den Quellen, bis ein Ritter kommt und die Kraft des Wassers allen Menschen zugänglich machen will.

Nach diesem Romantik-Prolog beginnt ein Dance-Album der außergewöhnlichen Art. „Goldberg & Hirsch“ ist trashiger Italopop und Avantgarde in einem: Liechtensteins raue Stimme erinnert an die Electro-Pioniere von Yello; und dennoch haben die Produzenten keine Scheu, ein Sample von Al Bano und Romina Power hineinzupfriemeln.

Liechtensteins heißeste Verführungskünste

„Elevator Girl“ ist ein Synthie-Popsong voller Coolness. Für das etwas schmalzige „Kommissar d'Amour“ kramt Liechtenstein seine heißesten Verführungskünste heraus – wird schlussendlich aber nicht belohnt. „Wir sind auf dieser Welt, um die falschen Frauen zu lieben“, heißt es in „Das Badeschloss“ einmal. „Bad Gastein“ ist also ein Album der unerfüllten Sehnsüchte.

Liechtenstein konnte sicherlich nicht ahnen, dass um „supergeil“ ein Hype gemacht wird, als habe er ein neues Wort für den Duden erfunden. „Es ist anstrengend geworden“, sagt Liechtenstein. Viele Leute fragten, ob er noch einmal dieses eine Wort in ihre Kamera sagen könne, oder wollten Selfies mit ihm. Vielleicht kommt noch etwas anderes als „Sag mal supergeil!“ – dank „Bad Gastein“.